Auf ihrem Hof bei Bernau bringt eine Pferdewirtin Managern Führungsqualitäten bei

Eine Möhre für den Chef

Pamo Roth
4 Min

BERNAU. Amazonas ist der Chef, der Chef im Stall Birkhof unweit von Bernau. Der schwarze Mustang mit dem kurzen Schweif ist aber nicht deswegen der Boss der Herde, weil er besonders kräftig und stark wäre. Er ist der Boss, weil er gute Führungsqualitäten besitzt. "Amazonas ist der Klügste und hat ein sensibles Gespür für Gruppenprozesse", sagt seine Besitzerin, die Pferdewirtin Inés Bahlmann.Die 52-jährige Frau, eine studierte Pädagogin, sitzt im Schatten einer großen luftigen Reithalle. Daneben grasen Pferde auf der Koppel. Die Tiere sollen in einer Herde soziale Kompetenzen aufzubauen. Bahlmann - in Argentinien geboren, in Baden-Württemberg aufgewachsen - trainierte früher Führungspersonal großer Unternehmen, aus dieser Zeit stammt auch die Idee von den eigenwilligen Schulungen. Denn Bahlmann ist überzeugt, "dass Pferde und Menschen vieles gemeinsam haben". Und dass Menschen von den Tieren durchaus etwas lernen können - zum Beispiel Führungsqualitäten. Sie bietet auf ihrem Hof Zwei-Tages-Kurse für lernwillige Manager an, denen die Hilfestellung 950 Euro wert sein muss.Als eine Herde in die Halle getrieben wird, sollen die Kursteilnehmer die Gruppenstruktur erfassen. Die Übung erscheint leicht. Wer ist der Chef, wer Konkurrent, wer Außenseiter? Das Verwunderliche ist nur, nicht der als Leithengst vorgestellte Amazonas, sondern ein großer brauner Fuchs gibt den Ton unter den sechs Hengsten an. Er begrüßt als erster die Gäste, liefert sich ein Scheingefecht mit einem Konkurrenten und treibt die Herde durch die Halle. Lassen sich Gruppenprozesse und hierarchische Strukturen vielleicht doch nicht so einfach von Tieren auf Menschen übertragen?Inés Bahlmann lächelt, weil sie die Unsicherheit der Teilnehmer kennt. "Amazonas, nicht der braune Fuchs, ist der Boss", sagt sie. "Seine Position ist aber so gefestigt, dass er sich völlig zurücknimmt und sein Stellvertreter viele Leitungsaufgaben übernommen hat." Die Teilnehmer, die gewöhnlich hinter großen Schreibtischen in Büros sitzen, nicken. Sie kennen die Theorie und staunen trotzdem: starke und souveräne Chefs halten sich im Hintergrund.In Birkholz sollen die Manager nicht nur das soziale Verhalten der Pferde erkennen. Sie sollen aktiv mit den Tieren arbeiten. Dabei führen die Kursteilnehmer jeweils ein Pferd durch einen Parcours. Der ist mit Hindernissen ausgestattet, vor denen Pferde sich normalerweise fürchten. Vor einem Wildschweinfell, das von einer flachen Stange hängt, schreckt das erste Pferd zurück. Mit geduldigem, aber auch autoritärem Zureden und Tricksen kann das Pferd schließlich überzeugt werden, über die Stange zu steigen.Inés Bahlmann lässt die Kursteilnehmer gewähren, sagt nur, dass die Körpersprache eine große Rolle spiele. 70 Prozent der "Glaubwürdigkeit in Kommunikationsprozessen" würde nämlich durch die Körpersprache übertragen. Was bei einem Pferd mit Druck funktioniert, verfehlt bei dem nächsten die Wirkung: Als eine Frau zu dominant und streng an dem Pferd zerrt, um es über eine Plastikplane zu bringen, schaltet es auf stur und bewegt sich keinen Zentimeter mehr. Irgendwann sind aber alle Pferde durch das Ziel gebracht. Die Gesichter der Teilnehmer glänzen vor Schweiß, vielleicht auch ein bisschen vor Stolz.Später stellt die Pferdekennerin Bahlmann Fragen an die Manager. Die sollen nachdenken. Warum hat der eine die Zügel zu locker gelassen und damit das Pferd nicht genügend motiviert? Warum ist eine Teilnehmerin zwar zielstrebig vorangegangen, aber hat dabei das Pferd völlig aus den Augen gelassen, bis es sich nicht mehr vom Fleck rührte? Die oft einfachen Einsichten verblüffen die Teilnehmer. Viele finden eine Parallele aus ihrer Arbeitswelt.Die Übertragbarkeit von Führungsqualitäten hat aber ihre Grenzen, sagt Bahlmann. "Pferde sind eindimensional, sie können sich nur auf eine Sache konzentrieren." Umgekehrt heißt das, nur die unmittelbare Sache ist verantwortlich für die entsprechende Situation. Der morgendliche Anranzer vom Chef kann dagegen viele Ursachen haben: ein lange geplantes Projekt droht zu scheitern, Hertha BSC hat am Vortag schlecht gespielt, vielleicht war nur das Frühstücksei zu hart.Zur Stimmungsaufbesserung würde dann beim Pferd eine Möhre helfen - beim Chef wohl kaum.------------------------------Weitere Informationen im Internet www.birkhof.net------------------------------"Pferde und Menschen haben vieles gemeinsam." Inés Bahlmann, Pferdezüchterin------------------------------Foto: Züchterin Inés Bahlmann glaubt, dass Menschen von Pferden viel lernen können. Zum Beispiel, wie der Boss zu einem guten Boss wird.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner