Wenn Kinder unsichtbar sein wollen, halten sie sich die Augen zu. Sie denken, dass wenn sie nichts sehen können, sie selbst auch nicht zu sehen sind. Darauf setzte auch der fünf oder sechs Jahre alte Junge, der mit seinem Vater morgens am Nollendorfplatz in die U-Bahn stieg. Er stellte sich mit dem Gesicht zur Tür und verdeckte seine Augen mit den Händen. Sein Vater baute sich derweil im Gang auf und trug ein Lied vor. Er sang laut, aber nicht schön. Die Fahrgäste wirkten unangenehm berührt, versenkten sich in ihren Zeitungen und Büchern oder guckten möglichst unbeteiligt aus dem Fenster. Sie versuchten selbst, unsichtbar zu werden.Eine Station weiter war der Junge dran. Der Vater zog ihm die Hände herunter und hob ihn hoch. Dann stimmten beide das Lied "I wish I could fly" an. Das Kind sah dabei so aus, als ob es sich wünsche, wegzufliegen. Die "Bezaubernde Jeannie" aus der Fernsehserie brauchte nur die Arme vor der Brust zu verschränken, einmal kräftig zu blinzeln und urplötzlich tauchte sie woanders wieder auf. Wahrscheinlich hat sich nicht nur der kleine Junge in dieser Situation an einen anderen Ort gewünscht, sondern auch andere Fahrgäste. Die Frau mit den müden Augen guckte so, als ob sie sich in ihr Bett zurücksehne. Der Mann im Trenchcoat hätte sich in seinem Büro sicherer gefühlt und die Gruppe Touristen zählte die Stationen bis zum Potsdamer Platz. Schnell wäre der U-Bahn-Waggon leer gewesen, und der Vater hätte sein Ständchen wohl ohne Sohn und Publikum beenden müssen.Nach dem Auftritt ging der Vater mit einem leeren Kaffeebecher durch den Gang. Nur ein Mann warf eine Münze hinein. Der Vater nahm seinen Sohn am Handgelenk und stieg mit ihm in einen anderen Wagen um.
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