Aus dem Chef wird ein Berater

Christian Schwager
3 Min

BERLIN, 28. März. Zum Karfreitag in Berlin fallen Walter Fechner viele Geschichten ein. Sie kreisen um die Bergmannstraße in Kreuzberg, um Radfahrer und ein Rennen. Es ist Fechners Rennen. Er hat es vor gut einem halben Jahrhundert ins Leben gerufen und seither organisiert. Rund in Kreuzberg ist zu einer Konstante in seinem Leben geworden und wird es weiter bleiben, wenn auch auf andere Art. An diesem Sonntag wird Fechner 90 Jahre alt, es ist für ihn ein Stichtag. "Ich danke als sportlicher Leiter ab", sagt der Ehrenvorsitzende des BRC Zugvogel. Ganz zurückziehen will er sich von der Wettfahrt zum Berliner Saisonauftakt jedoch nicht. Aus dem Chef wird ein Berater.Als Rennleiter verfügt Fechner über sehr viel Erfahrung. Schließlich hat er Rund in Kreuzberg schon 1951 zum ersten Mal veranstaltet. "Es war eine schwierige Zeit damals in Berlin. Wir litten noch unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges", sagt Fechner. "Berlin war ein einziger Trümmerhaufen." Und die Ausrichtung eines Radrennens ein kleines Kunststück. Zwar war das Interesse am Radsport in Berlin ungebrochen, doch die wirtschaftlichen Umstände zwangen die Rennleitung immer zur Improvisation. "Wenigstens gab es damals noch keine Stars", sagt Fechner. Es gelang ihm deshalb, ohne große Gagen ein Fahrerfeld zusammenzustellen.Auch die Leistungsanreize für die Pedaleure fielen in den ersten Jahren bescheiden aus. Es gab keine Schecks und kein Bargeld. Ungewöhnliche Prämien wurden für jede Runde ausgelobt. Ein "Becher Florida" von der Eisdiele an der Ecke etwa oder ein Haarschnitt beim benachbarten Friseur ließen die Fahrer bei den Wertungssprints kräftig in die Pedale treten. Bald gelang es Fechner und seinen Mitstreitern vom BRC Zugvogel, Rund in Kreuzberg zu einer Marke im Radsport zu etablieren - regional und zum Teil sogar darüber hinaus. "In den 70er- Jahren wollten zum Beispiel zwei russische Mannschaften an den Start gehen", sagt Fechner. "In Zeiten der Mauer, die Berlin zu einer Insel machte, war das eine große organisatorische Herausforderung." Mit diplomatischem Geschick hat er sie gemeistert: Die Russen gaben nach komplizierten Verhandlungen ihr Debüt auf dem Kopfsteinpflaster des Kreuzberger Westens.Alte VerbindungenNicht nur als Diplomat musste sich Fechner beweisen. Im Laufe der Jahre waren seine Fähigkeiten als Ökonom gefragt. Es galt, Sponsoren zu Spenden zu bewegen - nicht nur für Rund in Kreuzberg, sondern auch für das Cross-Rennen im Kreuzberger Viktoria-Park, das der BRC am Tag der deutschen Einheit ausrichtet. "In den heutigen Zeiten", sagt Fechner, "ist es sehr schwierig, Geldgeber zu finden". Daran änderte auch nichts, dass vor allem im Frauen-Rennen von Rund in Kreuzberg prominente Profis an den Start gingen, etwa die Olympiasiegerin und vielfache Weltmeisterin Jeannie Longo. Die Französin war von Hanka Kupfernagel auf das Rennen aufmerksam gemacht worden. Kupfernagel, die Cross-Weltmeisterin aus Berlin, fährt zwar inzwischen fürs Team Nürnberger, ist aber noch immer Zugvogel-Mitglied. "Die Verbindung zwischen uns ist geblieben", sagt Fechner.Es sind vor allem solche persönlichen Kontakte, die ihn auch nach seinem Rücktritt als Organisator an sein Rennen binden. So wird Walter Fechner auch bei der nächsten Auflage von Rund in Kreuzberg an der Strecke stehen. Er wird die Fahrer beobachten und an die vielen Geschichten vom Karfreitag in der Bergmannstraße denken.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Walter Fechner, der Ehrenvorsitzende des BRC Zugvogel, feiert am Sonntag seinen 90. Geburtstag.

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