DDR

Aus dem Osten in den Kosmos: So sehr Avantgarde war die elektronische Musik der DDR

Die Wege der Elektronik-Pioniere Wolfgang Fuchs und Reinhard Lakomy verliefen zunächst gegenläufig. Wie sie auf je eigene Weise mit den Tasten in höhere Sphären abhoben.

7 Min
Wolfgang „Paule“ Fuchs, Frontmann der Gruppe Pond, in seinem Studio

Wolfgang „Paule“ Fuchs, Frontmann der Gruppe Pond, in seinem Studio

© Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

Beide traten mit ihren elektronischen Klängen zum Höhenflug an. Wolfgang Fuchs steigt mit Pond und dem Hit „Planetenwind“ seit mehr als vierzig Jahren in kosmische Weiten, Reinhard Lakomy hebt posthum mit „AER“ in die Atmosphäre ab.

Beide waren in den 1980er-Jahren die tonangebenden Vertreter der elektronischen Musik in der DDR, die damals im Westen kaum beachtet wurden, aber im Osten populär waren. Die Amiga-Alben von Pond und Lakomy wurden mehr als 100.000-mal gekauft. Selbst Vorbilder wie Tangerine Dream erreichten nur selten solch hohe Auflagen.

Der erste, der sich 1978 mit einer rein elektronischen Band auf die Bühnen im Osten wagte, ist heute als einziger noch aktiv – Wolfgang Fuchs, der seit seiner Jugend „Paule“ genannt wird und heute als „Paule Pond“ antritt. In seinem Pond-Buch samt einer DVD namens „Kult-Ulk“ gibt er lebhafte, oft launige Einblicke in den Werdegang eines „staatlich geprüften Rockmusikers“.

Inspiration für den Drummer der Hardrockband Babylon war ein Auftritt der polnischen Jazz-Rock-Band SBB, die nur mit Schlagzeug und Keyboards antraten. Die erste Pond-Besetzung folgte dem Vorbild, später rückte auch Bandgründer Fuchs von den Drums an die Tasten. Reverenzstück seit Beginn ist die Adaption der „Bilder einer Ausstellung“ von Emerson, Lake & Palmer. Seit 2008 hat auch Paule Fuchs den kompletten Zyklus im Repertoire, kombiniert heute bei Education-Konzerten Klänge und Bilder.

Mangelnde Unterstützung der DDR-Kulturpolitik

Dabei waren die Startbedingungen für Paule Fuchs, Reinhard Lakomy und andere DDR-Elektroniker wie Jan Bilk vom Projekt Servi und Hans-Hasso Stamer nicht gerade ideal. Denn im Osten wurden in den Achtzigern keine brauchbaren Geräte mehr hergestellt. Zwar hatte es noch in den Sechzigern vielversprechende Ansätze gegeben, erklärt der Dresdner Experte Markus Schickel, der sich seit mehr als 20 Jahren der Geschichte der elektronischen Musik widmet und den Klangpionier Manuel Göttsching lange begleitet hatte. So wurde in Berlin-Adlershof das Trautonium aus den Dreißigern zu einem Instrument namens Subharchord weiterentwickelt.

Doch ohne Unterstützung der DDR-Kulturpolitik hatte es keine Chance gegen die im Westen aufkommenden Synthesizer – heute ist es ein rares Museumsstück. Ab 1983 stellten die Vermona-Werke in Klingenthal einen Synthesizer her, der eigenwillig geklungen haben soll, aber weit hinter westlichen Standards zurückblieb und vorwiegend in die Sowjetunion exportiert wurde.

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Schuf das erfolgreichste Instrumental der DDR-Rockgeschichte: Wolfgang „Paule“ Fuchs, hier in seinem aktuellen Studio.

Schuf das erfolgreichste Instrumental der DDR-Rockgeschichte: Wolfgang „Paule“ Fuchs, hier in seinem aktuellen Studio.

© Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

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Deshalb mussten sich die DDR-Elektroniker ihr Instrumentarium komplett im Westen beschaffen, zu horrenden Umtauschsätzen. Ein moderner Synthesizer von Yamaha kostet mal schnell 20.000 Ostmark. Lakomy übernahm einen Moog von Tangerine Dream, Paule Fuchs besorgte sich über nervenaufreibende Transaktionen einen Poly Moog, durfte später zwar selbst im Westen einkaufen – aber musste erleben, dass der DDR-Zoll einen frisch erworbenen Drum-Computer und Synthesizer konfiszierte und erst nach einem Jahr freigab.

Die musikalischen Wege der Elektronik-Pioniere verliefen zunächst gegenläufig. Während der studierte Pianist Reinhard Lakomy das Tourleben satt hatte, sich aufs Komponieren längerer Stücke verlegte und nur noch an besonderen Orten auftrat, wie 1983 im Palast der Republik, ging der einstige Hardrock-Drummer Fuchs mit seinem Mitstreiter Harald Wittkowski unentwegt auf Tournee und ließ sich auch optisch einiges einfallen, ob mit Lasershow oder spektakulärer Percussion: Zum Stück „Sturmglocke“ bearbeitete Fuchs mit den Händen die Becken und zog mit dem Mund den Klöppel der 65 Kilo schweren Glocke, die eigens für Pond gegossen worden war.

Um im Radio gespielt zu werden, dampfte Fuchs das Stück „Planetenwind“ von 18 Minuten auf vier Minuten ein. Diese Version gilt heute als das erfolgreichste Instrumental der DDR-Rockgeschichte, weshalb der umtriebige Musiker es später mit dem erfolgreichsten Titel des DDR-Rock kombinierte: im Dance-Mix „Am Fenster versus Planetenwind“.

Großer Klangforscher der DDR: Reinhard Lakomy im Studio

Großer Klangforscher der DDR: Reinhard Lakomy im Studio

© Reinhard Lakomy/privat

Gern gibt Paule Fuchs Einblicke in die kommerzielle Seite der Musik im Osten. Für Lacher auf jeder Lesung sorgt die Episode, wie er auf seinem Bankbeleg den Eingang von Tantiemen in Höhe von 70.000 DDR-Mark bemerkte und in der Sparkasse vorsichtig nachfragte, wie er an das Geld gelangen könnte, woraufhin die Bankangestellte quer durch den vollen Laden rief, ob sie die Summe zusammenbringen könnten, ihm das Geld in kleinen Scheinen in einen Geldsack stopfte, der rund wie ein Fußball wurde, den der verlegene Fuchs sich dann unter den Pullover steckte. Doch bei den horrenden Summen für Westinstrumente war das Geld schnell wieder ausgegeben.

Westkollegen hatten längst neuere Geräte am Start

Die Wende war ein starker Einschnitt für jeden Ostmusiker. Die eben noch so teuren Synthesizer waren nichts Besonderes mehr. Westkollegen hatten längst neuere Geräte am Start – und zollten den DDR-Kollegen Anerkennung dafür, wie viel sie aus den älteren Instrumenten noch herausgeholt hatten.

Reinhard Lakomy raffte sich zu seiner letzten Elektronik-Platte „AER“ auf, die 1991 auf dem kleinen Label Erdenklang erschien. Den Kontakt vermittelt hatte der Radio-Moderator Olaf Zimmermann, der zu DDR-Zeiten die Elektroniker betreut und Lakomy für eine Reihe „Looking East“ vorgeschlagen hatte.

13 Jahre nach dem frühen Tod des Klangforschers erscheint das damals untergegangene Album nun wieder – und überrascht alle Fans. Denn die Stücke auf „AER“ sind kürzer als frühere Werke. Dabei bleibt das Album sehr harmonisch fließend, anregend und natürlich. Beim Titelstück schält sich aus chorähnlichem Raunen eine strahlend klare Melodie heraus, die ähnlich prägnant ist wie der „Planetenwind“ von Pond.

Orientierte sich in den frühen Neunzigern am Techno: Wolfgang „Paule“ Fuchs

Orientierte sich in den frühen Neunzigern am Techno: Wolfgang „Paule“ Fuchs

© Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

Auch Ponds drittes Album „Maschinenmensch“, aufgenommen im Studio des Tangerine-Dream-Musikers Christoph Franke, ging in den Wendezeiten unter. Wolfgang Fuchs gibt es inzwischen in seinem Label Ponderosa neu heraus. Er orientierte sich in den frühen Neunzigern am Techno, trat bis 1997 mit seinen Zwillingssöhnen Frank und Sascha auf, mit denen er zu DDR-Zeiten sogar einen Auftritt in der Fernsehshow „Kessel Buntes“ bestritten hatte.

Als sein eigentliches Meisterwerk sieht er allerdings einen Zyklus an, mit dem er einen Vergleich mit seinen Vorbildern wagte. Denn während Emerson, Lake & Palmer und der Japaner Isao Tomita Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ mit Synthesizern nachspielten, komponierte er seine „Gemälde einer Vernissage“ nach Bildern von Willi Sitte komplett selbst.

Dass die Brandenburger Symphoniker sein Werk mit ihm im Stahlwerk spielten, erfüllt den einstigen Hardrock-Drummer immer noch mit Stolz. Einen Ritterschlag nennt er auch die Auszeichnung mit dem „Schallwelle“-Preis für sein Lebenswerk im Februar 2026. Als erster Musiker aus dem Osten steht er in einer Reihe mit Kollegen wie Edgar Froese und Klaus Schulze.

Im Jahr zuvor hatte die Radio-Koryphäe Olaf Zimmermann diesen Preis bekommen, der 1986 die Sendung „Electronics“ beim Jugendradio DT 64 gestartet hatte, bis 2024 noch beim RBB mit seinen „Electronic Beats“ auf Sendung war und gerade an einem Buch über seine Begegnungen mit den Stars der Szene arbeitet.

Nennt Tangerine Dream, Jean-Michel Jarre und <a href="https://www.berliner-zeitung.de/article/kraftwerk-in-der-uber-eats-music-hall-multimedia-spektakel-der-mensch-maschinen-10009460">Kraftwerk</a> als Vorbilder: Wolfgang Fuchs

Nennt Tangerine Dream, Jean-Michel Jarre und Kraftwerk als Vorbilder: Wolfgang Fuchs

© Wolfgang Fuchs/privat

Wolfgang Fuchs hat gerade wieder seinen Lkw mit seinem Instrumentarium samt Glocke vollgeladen. Höhepunkt jedes Jahres ist für ihn das Berliner Konzert im Französischen Dom am 17. Oktober. Inzwischen bestreitet er die Konzerte allein auf der Bühne – und acht Mann unterstützen ihn mit Licht, Ton, Lasershow.

Seine „Space Night“ vereint Stücke aus den „Bildern einer Ausstellung“, Tributes an Vorbilder wie Tangerine Dream, Jean-Michel Jarre und Kraftwerk – und natürlich eigene Hits wie den „Planetenwind“. Hochfliegende Pläne hat er immer noch: So würde er gern die Dresdner Semperoper und die Hamburger Elbphilharmonie bespielen.

Pond Space Night am 16.10. um 20 Uhr im Scala Kulturpalast in Werder und am 17.10. um 20 Uhr im Französischen Dom in Berlin.

Das Album „AER“ von Reinhard Lakomy ist bei Lacky Music neu aufgelegt worden.

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