Der Berliner Box-Verband hat seit Dienstagabend einen neuen Präsidenten. Das allein schon ist eine Nachricht, denn seit 1987 gab es niemand anderen an der Spitze als Hans-Peter Miesner. Der geht inzwischen auf die 80 zu – und sah sich bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung alternativ zu seiner Tagesordnung einer von 16 Vereinen unterschriebenen Tagesordnung gegenüber, in der zwei Punkte lauteten: „Abwahl des Präsidenten“ und „Neuwahl des Präsidenten“, seinem Knock-out also. Daher teilte der Funktionär vom Spandauer Box-Club, der 2015 für seine Verdienste im Boxsport das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte, beim Bericht des Präsidenten mehr oder weniger notgedrungen mit, er verzichte auf eine erneute Kandidatur.
Schlag auf Schlag: Die politische Entwicklung wirft im Boxen neue Fragen auf
Mindestens so erstaunlich wie Miesners Rückzug ist nun der Name seines Nachfolgers: Frank Henkel. Der frühere Berliner Innensenator, Bürgermeister und CDU-Chef wurde im Sportheim des SV Nord Wedding mit 26 Ja-Stimmen bei zwei Enthaltungen als neuer BBV-Präsident gewählt. Für dieses Ehrenamt kam der 59-Jährige, der sich im September 2021 aus Politik und Öffentlichkeit verabschiedet hatte, wieder aus der Deckung. Henkel, der in seiner Jugend beim Post SV boxte und seit sieben Jahren bei Blau-Gelb in Weißensee immer mal wieder Boxhandschuhe überstreift, sagt, er sei im März gefragt worden, ob er sich ein Engagement als Verbandschef vorstellen könne. Als einer, der in seiner langen politischen Zeit immer wieder davon gesprochen habe, wie wichtig das Ehrenamt ist, lasse er sich gerne in die Pflicht nehmen, war seine Antwort.
Neustrukturierung im Berliner Box-Verband ist nötig
Tatsächlich ist eine Neustrukturierung im BBV dringend nötig. Klar habe Miesner in all den Jahren gute Arbeit geleistet. Aus Spandau etwa kamen Weltmeister wie Sven Ottke, Thomas Ulrich, Oktay Urkal oder aktuell Nina Meinke. „Aber es war an der Zeit, an einen Jüngeren zu übergeben, der gut vernetzt und rhetorisch auf der Höhe ist“, heißt es in der Boxhalle. Durch die Zeit der Pandemie und den Verlust mehrerer verstorbener Vorstandsmitglieder sei die Handlungsfähigkeit des Verbandes eingeschränkt gewesen. Zudem habe Miesner Vogelstrauß-Politik betrieben, sei zu Sitzungen und Treffen nicht erschienen oder habe kurz vor Verabredungen noch abgesagt. Seit 2019 gab es offenbar keine geprüften Kassen mehr.
„Wir müssen zeigen, dass der Boxsport in Berlin weiterhin am Leben ist und die Rahmenbedingungen schaffen, dass er es bleibt“, sagt Bundesstützpunktleiter Marcus Abramowski, der ebenso wie der Wilmersdorfer CDU-Abgeordnete Peer Mock-Stümer als Vizepräsident im BBV fungiert. In der Nachwuchsarbeit lagen Berliner Boxer und Boxerinnen trotz allem bei Ländervergleichen seit Jahren auf vorderen Rängen. 2012 stellte der BBV in Stefan Härtel und Enrico Kölling die Hälfte der deutschen Olympiateilnehmer, bei den Spielen in Tokio stiegen Hamsat Shadalov und Ammar Abduljabbar vom Berliner Stützpunkt in den olympischen Ring. „Wir brauchen wieder eine strukturierte Führung. In den letzten Jahren wurde der Vorstand im Monopol geführt. Hans-Peter Miesner bleibt als Ehrenpräsident eng eingebunden. Aber es ist an der Zeit, in die moderne Welt zu gehen“, verdeutlicht Abramowski.
Rapper Kontra K unterstützt Hamsat Shadalov bei der Mission Olympiagold
Henkel, der zuletzt viele mit seiner öffentlichen Unterstützung für die politische Position des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen irritiert hatte, tritt nun also in einem Verband mit Multikulti-Klientel an, um den Berliner Boxsport wieder „in die Lage zu versetzen, seine vollen Potenziale auszuschöpfen und Wettbewerbe in die Stadt zu holen. Wir müssen mit dem Landessportbund die Trainer- und Übungsleitersituation angehen und der Frage nachgehen, wie es mit Hallenkapazitäten und Trainingszeiten aussieht.“ Außerdem will Henkel die Digitalisierung angehen. Für den 1. Mai hat er eine Klausurtagung des neuen Präsidiums anberaumt. „Da werden wir festlegen, was wir machen, wer etwas macht und wie wir es machen.“ Einen solchen Geschäftsverteilungsplan gab es im BBV bislang nicht.
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