Aus Unterlagen, die der Berliner Zeitung vorliegen, geht hervor, daß auf der Mecklenburger Sondermülldeponie Schönberg mindestens 47 Tonnen dioxinbelasteter Abfall aus Seveso abgelagert wurde.Am vergangenen Freitag hatte sich in Schwerin der Streit uni die Giftfässer von Seveso noch einmal dramatisch zugespitzt. Mit einer Mammutsitzung, auf der 20 Zeugen gehört wurden, wallten die Abgeordneten des Schönberg-Untersuchungsausschusses abschließend die Frage klären, ob Dioxin-Abfall aus dem Chemieunfall van 1976 im italienischen Seveso auf der Mecklenburger Müllkippe gelandet ist ader nicht. Intern den Auftrag ausgeführtFeierlich wurde es, als der Abgesandte des Schweizer Chemiekonzerns Hoffmann LaRoche, zu dem die Seveso-Fabrik ICMESA gehörte, seine Hand zum Schwur hob. Die 41 Fässer mit dem tödlichen Gift seien in seinem Beisein 1985 In Basel verbrannt worden und können daher nie auf der Schönberger Deponie verbuddelt worden sein, sagte Heinz Hollinger, bei LaRoche für Umweltschutz zuständig, unter Eid aus.Der belgische Europaabgeordnete Paul Staes von der Grünen-Fraktion und sein Mitstreiter, der Lübecker Grünen-Sprecher Günter Wosnitza, konnten dem nur Ihre aus Zeugenbefragungen und Dokumentenhinweisen gestrickte Indizienkette entgegenhalten. Staes erinnerte sich an Dokumente aus dem ehemaligen DDR-Umweltministeriuin, die er 1990 eingesehen habe. Daraus sei hervorgegangen, daß Dioxin-Abfälle aus Seveso tatsächlich nach Schönberg gelangten. Nur -- ein einzelnes Dokument, das den Transport oder die Lagerung in Schönberg belege, könne er, Staes, nicht vorlegen.Die Berliner Zeitung kann es jetzt. Uns liegen Unterlagen aus dem früheren DDR-Umweltministeriuni vor, mit denen erstmals nachgewiesen werden kann. daß doch Giftmüll aus Seveso in Schönberg gelandet ist. Und zwar mehr, als die bis jetzt in Rede stehenden sechseinhalb Tonnen Reaktormüll aus den 41 Fässern.Im Januar 1982 hatte die Firma Mannesmann Italia, eine Tochter des deutschen Mannesmann-Konzerns, bei den DDR-Behörden nachgefragt, ob man eine größere Müllieferung auf der Mecklenburger Deponie ablagern könne. Es handele sich uni Metallteile, die mit 2,3,7,8-Tetrachloridbenzo-p-dioxln (TCDD) verseucht sind, der giftigsten Dioxin-Ast. Schon In minimalen Dosen kann TCDD genetische Abweichungen über mehrere Generationen hinweg verursachen.Der Antrag der italienischen Mannesmann-Firma wurde unter der Nummer 1 (für Italien) 18/82 registriert. Als Abfallerzeuger wies der Antrag "Seveso/Italien" aus.Am 3. März 1982 lehnte die Aufsichtskommission der Sondermülldeponie den Mannesmann-Antrag 1 18/82 ab. Begründung: Abfallstoffe aus "begründeten Giftskandalen. z. B. Seveso", werden nicht in Schönberg abgelagert. Offiziell war damit die DDR raus aus dem Seveso-MÜllgeschäft. Intern aber wurde der Auftrag 1 18/82 doch ausgeführt, wie Unterlagen jetzt beweisen. Es bleibt der Verdacht auf EtikettenschwindelIn einer "Aufgliederung der verbrachten Abfallstoffe", die seit der Inbetriebnahme der Deponie bis zum 30. September 1985 in Schönberg eingetroffen sind, taucht der eigentlich abgelehnte Auftrag der Mannesmann Italia plötzlich auf. Unter der "Abfallstoffgruppe 6 -- sonstige Abfälle" bezeichnet I 18/82 die Anlieferung von Calziumchlorld-Rückständen. Gesamtmenge: 47,482 Tonnen.Damit steht test, daß die mit der Beseitigung der Seveso-Giftabfälle beauftragte Mannesmann-Firma mit der DDR-Seite doch handelseinig wurde.Um die Spuren zu verwischen, deklarierten die Deponie-Verantwortlichen den Inhalt der Giftlieferung einfach uni. Oh sie den getarnten Dioxin-Abf all trotzdem in einen "Giftbunker" ablagerten oder den gefährlichen Stoff aus Tarnungsgründen einfach irgendwo auf der Deponie abkippten, ist nicht bekannt.Und noch ein Verdacht bleibt: Bis zum 30. September 1985 sind weitere Giftmülltransporte aus Italien eingegangen, die bereits 1982 beantragt wurden. Deklariert waren sie in drei Fällen als quecksilberhaltige Nebenprodukte und in einem als Methylmetallchrylat-Rückstände. Wurde auch hier Etikettenschwindel betrieben?Die der Berliner Zeitung vorliegenden Unterlagen aus dem DDRUmweltmmisterium lassen jetzt auch das nun schon zehn Jahre währende Verwirrspiel um die 41 Seveso-Fässer in einem neuen Licht erscheinen. Denn nun scheint sich die Fässer-Aktion als das zu entpuppen, was sie tatsächlich gewesen sein könnte -- ein gigantisches Ablenkungsmanöver. Bernard Paringaux, der französische Abfallentsorger und eine der Schlüsselpersonen in der Fässer-Posse, hatte es dem Europaabgeordneten Staes selbst bestätigt: "Die Masse von Seveso ging anderswohin. Man wollte die gesamte Aufmerksamkeit der Presse und der Öffentlichkeit auf die 41 Fässer fixieren, was ja auch hervorragend gelungen ist", sagte Paringaux in einem Gespräch mit Staes.Die medienwirksame Inszenierung verfehlt ihre Wirkung nicht. Während nun allerorten über die Hintergründe der rätselhaften Geschichte und die Echtheit der verschwundenen Fässer spekuliert wird, bringt man In Mailand den Abtransport vom Hauptteil des Seveso-Giftmülls unter Dach und Fach.Treffen in Mailand verabredetGanz so, wie es in einem internen Schreiben der Paringaux-Firma Wadir an Mannesmann Italia steht: "Wenn dieser erste Abtransport stattgefunden haben wird, werden wir uns in Mailand treffen, damit Sie mit Herrn Paringaux die Modalitäten und die Termine für die Demontage und den Abtransport der restlichen Stücke festlegen." Die "endgültige Beseitigung (werde) auf ca. 150 Tonnen geschätzt".Bleibt die Frage, warum das ganze Theater um den Seveso-Giftmüll unter Internationaler Beteiligung abgezogen wurde. Eine mögliche Begründung wäre, daß bei der Havarie in der Fabrik ICMESA eine weitaus größere Menge hochtoxischer Stoffe angefallen ist, als bislang immer zugestanden wurde.Das aber wiederum wäre nur möglich, wenn an jenem Wochenende bei der mysteriösen Sonderschicht, in der das folgenschwere Unglück passierte, etwas anderes als das eher harmlose Trichlorphenol produziert wurde.Wissenschaftler stieß auf geheimen ProduktionsraumZeugenaussagen, die der Europaabgeordnete Paul Staes zusammengetragen hat, stützen diese These. Da ist beispielsweise von einer viel höheren Betriebstemperatur des Reaktors die Rede, als sie für die Trichlorphenal-Produktion notig war. Ein Wissenschaftler, der nach dem Unglück die Fabrik besichtigte, stieß auf einen geheimen zweiten Produktionsraum hinter dem Unglücksreaktor, in dem Fässer mit irgendwelchen Chemikalien gefüllt wurden.Angeblich, so Staes,' These, wurde in Seveso für militärische Zwecke ein hochgiftiges Herbizid hergestellt, das diverse Dioxine enthält. Bei dem Unfall fiel daher auch eine viel größere Menge Giftmüll an als die offiziell eingeräumten sechseinhalb Tonnen.Die offizielle Menge, vorschriftsmäßig verpackt in 41 Fässer, wurde dann möglicherweise doch 1985 in der Schweiz verbrannt. Zur Beruhigung der Öffentlichkeit. Die erschreckende Konsequenz dieser Version aber wäre, daß in Schönberg nicht nur die oben erwähnten knapp 50 Tonnen, sondern möglicherweise noch zweimal soviel von dem tödlichen Stoff herumliegt.DOr angeblich abgelehnte Antrag 118/82 zur Ablagerung von TCDD aus Seveso taucht 1985 hi einer Aufstellung der Deponie Schönberg Ober eingelagerte Abfallstoffe wieder auf -- deklariert als Calziumchlorid-Rückstände.
Aus Unterlagen des DDR-Umweltministeriums geht hervor, daß mindestens 47 Tonnen Dioxin-Müll aus dem italienischen Chemiewerk in Schönberg eingelagert wurden
Wurde um die 41 Giftfässer von Seveso ein geschicktes Verwirrspiel inszeniert?
UNSEREM REDAKTIONSMITGLIED ANDREAS FÖRSTER
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