ausgabe sechs seite 5 reportage Im Schreibfluss

tt festivalzeitung!

Katrin Pauly Ulrike Wendt
5 Min

Schwere See___ 10.15 Uhr: Die Mannschaft ist vollzählig. Aus der Kajüte schiebt sich Kaffeeduft nach draußen auf den Anlegesteg neben der Oberbaumbrücke. Drinnen: Vom Geruch frisch gebrühter Bohnen keine Spur, dafür Dieselmief vom Feinsten. Doch Käpt'n Düffel hat kein Erbarmen: "Alle Mann an Bord, wir legen ab!" Tun wir dann aber doch nicht. Die "Graf von Seestern" bleibt liegen, wo sie ist. Vorerst. Das Unterfangen "Autoren auf großer Fahrt" hat sich schon am ersten Tag als nicht praktikabel erwiesen. Der Motorenlärm zehrte zu sehr an den Nerven.Wir legen also nicht ab, dafür jetzt aber richtig los. Textarbeit auf schwankenden Planken. Vier Tage lang ist die alte Motorbarkasse, die einst im Dienst der NVA der DDR stand, sieben jungen Autoren Unterschlupf und Enklave. Es sind jene, deren Texte im Stückemarkt zwar nicht zur Aufführung kamen, von der Jury aber trotzdem für förderungswürdig gehalten wurden. Herausgefischt aus über 550 Einsendungen. Zusammen mit dem renommierten Dramatiker und Dramaturgen John von Düffel forschen sie auf der "Graf von Seestern" nun in den Untiefen des eigenen Textes nach Klippen und Hindernissen.Der erste Texttauchgang führt ins "Café Europa" von Nuran David Calis. Und damit in einen Nachtclub im Herzen Bielefelds und zu dessen Türsteher Menem. Szenische Lesung am Tapeziertisch auf Wasserpegelhöhe. Die ersten naschen vom Lunchpaket, durch die Luke am Schiffsheck kriecht Sonne. John von Düffel sitzt auf einem erhöhten Stuhl mit rostigen Füßen und stellt die entscheidende Frage: "Ab wann kann der Zuschauer die Figuren zuordnen?" Man diskutiert, findet Lösungen. So versteht John von Düffel seinen Auftrag: "Es geht um größtmögliche Genauigkeit. Die Frage ist: Worin besteht die Eigenheit eines Autors und wie kann man die stärken und stützen?"Nurans Text offenbart viel von seiner eigenen multikulturellen Geschichte. Die Frage: Wie viel Folklore verträgt ein Text? Wenige Minuten später: Wie viel Folklore vertragen wir? Schnelle Entscheidung: Die Hometown Boys, die oberhalb unseres Liegeplatzes auf der Terrasse des Disko-Lokals "Speicher" gerade lautstark mit amerikanischen Country-Imitaten aufwarten, vertragen wir nicht. Schiffsführer Andreas Bernhardt muss her und uns in ruhigere Gewässer schippern. Die Hometown Boys spielen "On the Road again". Unter den Sitzbänken knattern 150 PS mit lautem Getöse und stinkendem Qualm los. Kurs 279 Grad auf der Spree Richtung Friedrichstraße.Dort angekommen: Mittagspause mit Suppe. Kurzes Sonnenbad auf dem Oberdeck. Dann geht's unten weiter mit einem Text von Matthias Frahm. Der Titel passt zum Ambiente und zur Stimmung: "Matrosenglück". Die Qualität seines Humors aber stößt auf geteilte Meinungen. Die sehr offene Diskussion offenbart: Der enge Raum hat innerhalb kürzester Zeit eine extrem intime Atmosphäre geschaffen. Gemeinsam seekrank werden, das schweißt zusammen. John von Düffel formuliert das anders: "Man ist einander ausgeliefert." Aber das stört hier keinen, im Gegenteil. "Kritik muss man aushalten", sagt Frahm und fügt hinzu: "Das war, ehrlich gesagt, genau das, was ich mir von diesem Workshop erwartet habe." Auch wenn's weh tut. Nikola Richter zum Beispiel musste feststellen, dass ihr Text in der Runde nicht besonders gut funktionierte. "Das war schon ein Schock. Und irgendwie stehe ich da jetzt vor einem ziemlichen Scherbenhaufen."Schiffbruch auf der Spree, auch das gehört dazu samt persönlichem Rettungsmanöver. Ob die sieben Nachwuchsautoren nach diesen vier Tagen hochseetauglich sind, bleibt abzuwarten. Aber immerhin sind sie halbwegs gewappnet für die rauen Gewässer der Theaterwelt da draußen. Kentern unwahrscheinlich. Katrin Pauly------------------------------Heimathafen___ Ein Fass machen die Autorinnen und Autoren nicht auf, eher eine Fünf-Minuten-Terrine. Nach vier Tagen auf dem Wasser präsentieren die Teilnehmer des Dramatiker-Workshops eines ihrer Arbeitsergebnisse: Minidramen zum Thema Heimat. Ihren Aufritt im Haus der Berliner Festspiele gestalten sie in Form einer kollegialen Lesung, es geht Schlag auf Schlag. Kaum bleibt dem Publikum Zeit, Geschmack zu finden an einer Form, einer Figur, einer Sprache, schon geht es weiter zur nächsten Geschichte.Heimatminiaturen zu schreiben war die Pflicht, die am ersten Tag als Einstieg in den Workshop diente und als Aufwärmtraining für die Diskussion der eingereichten Stücke. Eine Art "Sprachsport" sei das gewesen, schildert Nikola Richter die Arbeit an der Kurzform mit auferlegtem Thema. Engführung als positive Herausforderung.Themen, Bilder, Sprachbewegungen scheinen auf. In "Heimweh, wohin gehst du Samstagnacht" schneidet Nina Ender Dialoge und epische Textfragmente ihrer Figuren Rolf und Hanna in- und gegeneinander, die Jugendlichen ringen um ihre Form, um Abgrenzung und Annäherung. Auch in den anderen Stücken begegnen dem Publikum Stimmen, die sich reiben an den Eltern und imaginären Partnern, die über Ehe, Eigenheim und Einbauküche parlieren. Doch die gebauten Sprachwelten bleiben allzu luftig; sie überraschen, entwickeln Witz, aber greifbare Figuren entstehen selten. Manchmal bleiben die Geschichten auch bloß anekdotisch, Simon Froehling etwa lässt Goethe mit Schiller WG-Erfahrung sammeln und über Biobrot plaudern und outet ihn als schwul. Höchst originell.Nett angerichtet sind die Häppchen, doch die szenische Phantasie bringen sie in ihrer Knappheit nur bedingt in Schwung. Verziehen - die eigentlichen Mühen auf dem Schiff galten den längeren Formen des szenischen Schreibens. Diese Werkstattarbeit verdient jede Unterstützung, setzt sie doch dem Perfektions-Demonstrations-Programm des Theatertreffens die kleine Form entgegen. Schafft Raum für Talente, die daran arbeiten, sich die Gegenwart zu erschreiben. Ein schöner Ansatz gerade dann, wenn auf die Bühnen des Festivals, abgesehen von Lutz Hübners Gegenwartsdramatiksleuchtboje "Hotel Paraiso" und Schlingensiefwahnsinn, nur Klassiker und Adaptionen geladen sind. Ulrike Wendt------------------------------Foto: Reden, rühren, relaxen: Vier Tage lang teilten sich sieben Talente Kajüte und Deck, nicht nur für die Arbeit am Text mit Workshop-Leiter John von Düffel (Foto rechts oben, rechts im Bild), sondern auch fürs Auftanken per Essen (Nuran David Calis, Foto Mitte unten) und Lesen (Nina Endes, Foto rechts Mitte).Arbeitsfahrt auf dem tt talente-Schiff: Sieben Nachwuchsdramatiker bereiten mit Käpt'n John von Düffel den Landgang ihrer Stücke vor

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