Wiedersehen

Ausgeblutet und gerupft: Was der späte Defa-Film „Herzsprung“ festhält

Der Film von Helke Misselwitz ist ein seelisches Dokument der Nachwendezeit. Jahrzehnte später bricht der von Wohlstand und Alltag zugekleisterte Schmerz neu hervor.

5 Min
Ein Dokument der Veränderung: Tatjana Besson und Claudia Geisler in „Herzsprung“ von Helke Misselwitz

Ein Dokument der Veränderung: Tatjana Besson und Claudia Geisler in „Herzsprung“ von Helke Misselwitz

© Imago

Der Film beginnt mit Gesang und toten, ausgebluteten Gänsen, denen die Federn ausgerissen werden. Wir befinden uns in einem kleinen Städtchen im Norden Brandenburgs, das so, wie es gefilmt wurde, nie existierte, auch wenn es den titelgebenden Namen und die Abfahrt der Autobahn 24 gibt: „Herzsprung“ von Helke Misselwitz, herausgekommen 1992.

Am Donnerstag wird er im Beisein der Regisseurin mal wieder auf der Leinwand gezeigt, zur Eröffnung der „Potsdamer Gespräche“. Mit der Reihe widmet sich das Forum Neuer Markt in diesem Jahr den Transformationen der 1980er- und 90er-Jahre in Brandenburg. In sechs Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten in Potsdam geht es um die politischen, gesellschaftlichen und städtebaulichen Veränderungen dieser prägenden Zeit – und um die Frage, welche Spuren sie bis heute hinterlassen haben. Seelische Spuren, die gemeinhin als flüchtig gelten, lassen sich in diesem Film finden.

Schlingensiefs „Kettensägenmassaker“ weitergedreht

Er ist ein authentisches Gemütszeugnis jener Umbruchsjahre: Weil der zeitliche Abstand fehlt, bleibt der Blick seltsam diffus. Die Erzählung tastet sich durch den Nebel der Veränderung und versucht, sich mit den Mitteln der Poesie zu orientieren, manches gerät überdeutlich und erschlagend, vieles wird aus dem Augenwinkel klar.

Das mit den Gänsen ist zum Beispiel eine naheliegende Metapher, die jener von Christoph Schlingensiefs Wiedervereinigungssatire „Kettensägenmassaker“ (1990) an Brutalität kaum nachsteht, dabei aber eine Umdrehung mehr nimmt: Während bei Schlingensief die Ossis einfach nur zu Wurst-und Fleischwaren verarbeitet und auf diese Weise immerhin verwertet werden, finden sich für die gerupften Ossis, pardon: Gänse, und ihre Federn bei Misselwitz keine Verwendung mehr. Die Daunen fliegen immer mal wieder durchs Bild wie Schneeflocken, die nicht schmelzen.

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Die von Claudia Geisler gespielte Johanna ist eine changierende Gestalt zwischen Ophelia und Pippi Langstrumpf. Sie verliert ihre Arbeit; ihr Mann (Ben Becker) verfällt der Perspektivlosigkeit und dem Suff, erschießt erst die Rinder im Stall und dann sich selbst. Johanna schafft sich das Haareschneiden drauf und übernimmt den örtlichen Frisiersalon von ihrer Freundin (Tatjana Besson), die ihr Glück in Italien sucht. Ein Junge aus dem Dorf (ebenfalls Ben Becker) verliebt sich in Johanna, diese wiederum verliebt sich in einen fremden Schwarzen (Nino Sandow).

Das soziale Gefüge reißt, und alles geht auf schlimme, ungewollte, aber doch zwangsläufige Weise schief. Am Ende brennt ein Fanal: ein zum Imbiss umgebauter Bus auf einem Pinkelparkplatz der A24, während hinten der Verkehr ungerührt weiter fließt.

Szenen mit Günter Lamprecht und Eva-Maria Hagen

Alles geht schief? Es gibt immerhin eine neue, erst vorsichtige, dann ungestüme Liebe zwischen Johannas Vater (Günter Lamprecht) und ihrer ehemaligen, älteren Kollegin (Eva-Maria Hagen). Das ist sehr rührend und auf den Punkt gespielt von den beiden, die sich viel sicherer als ihre suchenden, jüngeren Kollegen durch diesen späten Defa-Film bewegen.

Wenn man diesen in der Haltung völlig jammerfreien Film mit dem Abstand der Jahrzehnte wieder sieht, tritt seine Überambitioniertheit in den Schatten und die festgehaltene Wirklichkeit hervor. Da sind die authentisch abgelichteten schrottigen Autos, die Autobahnfugen, die verwitterten Häuser – Helke Misselwitz und ihr 2023 gestorbener Kameramann Thomas Plenert sind vor allem für ihre Dokumentarfilme bekannt. Und da sind die Menschen vor der Kamera, von denen auch einige schon nicht mehr leben, darunter das erwähnte Paar mit dem kurzzeitigen späten Glück.

Stark und betörend cool ist der Auftritt von Tatjana Besson, die eigentlich keine Schauspielerin war. Sie steckte  selbst mitten in einer biografischen Achterbahnfahrt und drohte aus der Kurve zu fliegen: Die Punk-Lady mit der roten Mähne spielte E-Bass und sang mit schönster Heiserkeit bei der DDR-Band Die Firma. Sie gründete unter anderem mit Flake (heute Rammstein) und Aljoscha Rompe (heute tot) die anarchistische Vereinigung Autonome Aktion und kandidierte für die letzten DDR-Wahlen, besetzte nach der Wende mit Freunden und Musikern ein Haus in der Rosenthaler Straße (um es als Kulturhaus Im Eimer zu beleben) und wurde als inoffizielle Stasi-Mitarbeiterin enttarnt. Sie mag hier als Beispiel stehen.

Zugekleisterte Wunden und alte Reflexe

Man sieht die Leute an einer Kreuzung ihres Lebenswegs spielen. Auch in den kleineren Rollen, darunter der Orchesterleiter der Westgruppe der russischen Streitkräfte, der zusammen mit Besson auf der Bühne der Dorfkneipe auftritt. Ihnen widerfährt etwas, dessen Auswirkungen sie noch nicht ahnen können. Und etwas davon, nennen wir es den Fatalismus der Ungewissheit oder den Mut zur Wahrheit, überträgt sich auf die Figuren und wird dem Zuschauer, der sich damals selbst in einem Zustand der Ungewissheit befand, vielleicht erst heute bewusst.

Die ideologischen Verwirrungen jener Jahre, die auch heute wieder den Diskurs dominieren, wirken auf der Erzählebene als Katalysatoren. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die in den Baseballschlägerjahren aufbrachen, erscheinen in dem Film wie ein aggressiver Schmerzensschrei, wie ein aus verborgenen Wurzeln schlagender Reflex auf Benachteiligung und Ignoranz, wie ein Drang zur Sichtbarkeit und Selbstvergewisserung. Viele der in dem Film offen liegenden, frischen Wunden wurden später mit Alltag und Wohlstand zugekleistert. Beim Wiedersehen zeigt sich: Was nicht überwunden oder wenigstens verstanden wurde, weist weiter. Und die Reflexe funktionieren noch.

Herzsprung. (1992). Vorführung zum Auftakt der „Potsdamer Gespräche“, 3. September, 18 Uhr im Filmmuseum Potsdam. Anschließend Gespräch mit der Regisseurin Helke Misselwitz.

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