Auskünfte Erich Honeckers - nun auch als CD

Verklemmte Öffnung

Abini Zöllner
3 Min

Ich hab aber hochdeutsch gesprochen, wenn man auch manchmal immer merkte den Dialekt." Erich Honecker erzählt in gewohnter Weise: Er lässt Wörter aus, artikuliert nicht deutlich und bringt seine typischen Schachtelsätze durcheinander. Aber diesmal klingt er anders - nicht nur, weil seine Stimme mürbe ist. Auf der gerade erschienenen, hörenswerten CD "Wir sind überall" wirkt er beinahe privat. Der Autor und Liedermacher Reinhold Andert hat den Menschen befragt (oder erzählen lassen), der 18 Jahre lang das Staatsoberhaupt jenes Staates war, in dem Kritiker sofort zu Gegnern wurden, in dem dem Volk glauben gemacht wurde, es regiere und in dem der Sozialismus eben doch zum Experiment geriet. Der Chef der einzigen DDR (Es gibt keine andere!") und dessen Frau Margot gestatteten Andert nach der Wende ein paar Einblicke. Vieles wird da zurecht gelegt, nichts wird gestanden. Das Ehepaar öffnet sich, aber Offenbarungen gibt es nicht. Es sind zynische Bemerkungen (Wir hatten keine Zensur), groteske (Ein Skandal, dass es keine Damenschlüpfer zu koofen gibt), komische (Die Naturschützer sollten dankbar sein, dass durch die Jagd die Schorfheide erhalten blieb), sture (Der Stern leuchtet trotzdem), schamlose (Die halbe Produktion des Quelle-Versandes ist DDR) und vor allem tragische Dokumente (Die DDR fiel einer großen Intrige zum Opfer). Es wird ein bisschen über die Bibel geredet, über "Udo", über Maueropfer - von allem noch zu wenig.Die Honeckers beklagen die Abgeschiedenheit ihrer Siedlung: "viele Bürger der DDR haben natürlich bessere Häuser gehabt, als wir da in Wandlitz". Und aus dem Privatleben ist zu erfahren, dass Honecker sich nicht in Frauen verliebte, sondern sich mit ihnen "zusammenschloss". Margot Honecker gefiel an ihrem Mann, dass er "ein guter Kamerad" war. Am Anfang war sicher auch Liebe im Spiel - eine, die tatsächlich Intrigen widerstand.Markus Wolf berichtet, wie Honecker mit einem Schutzkommando nach Dölln fuhr, überraschend anwies, Maschinenpistolen mitzunehmen und Telefonleitungen unterbrechen ließ - um sich mit Ulbricht "auszusprechen". Danach wird ein O-Ton Honeckers angefügt: "Das war ein sehr kulturvoller Übergang von einem Älteren auf einen Jüngeren." So sagt er es, nachdem er am 17. 10. '89 selbst schon zum Rücktritt gezwungen wurde.Andert lässt die Aussagen stehen, wie Honecker irgendwann die Zeit stehen ließ. Seine einzigen Kommentare sind Liedcollagen. Tendenzielle Zitate, die den Aussagen zweckdienlich angefügt werden. Am Ende wird die emotionale Vereinsamung und die soziale Entwurzelung deutlich, ohne Mitleid zu erregen. Nachhaltig wirkt eher die Schlichtheit des Ex-Staatschefs. Für Honecker war die politische Arbeit das "Wichtigste". Obwohl diese nicht seine Begabung war, hat er es in der Politik sehr weit gebracht. Das bleibt unheimlich.Wir sind überall CD-Vorstellung mit R. Andert & Ed Stuhler, 13.1., 20.30 Uhr, Knorre, Revaler Str. 33, Tel.: 29 36 57 03.------------------------------Viele Bürger hatten bessere Häuser, als wir da in Wandlitz.------------------------------Foto: Irgendwann blieb die Zeit stehen: Erich Honecker, 1981.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner