AUSLÄNDER GERATEN VIEL SCHNELLER UNTER VERDACHT

Axel Kintzinger
3 Min

Die jüngsten Forderungen des niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder nach einem härteren Durchgreifen gegen ausländische Straftäter haben in Politik und Öffentlichkeit zu heftigen Reaktionen geführt. Über die umstrittene These einer überdurchschnittlichen Kriminalität von Ausländern sprach Axel Kintzinger mit dem Kriminologie-Professor Fritz Sack vom Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung der Universität Hamburg.Berliner Zeitung: Herr Schröder und andere Politiker verweisen immer wieder auf den hohen Anteil von ausländischen Tatverdächtigen. Wie real sind diese Zahlen?Fritz Sack: Daß Ausländern in der Kriminalstatistik eine derartige Belastung zugerechnet wird, hängt zu einem hohen Grad damit zusammen, daß Ausländer unter einer erhöhten Kuratel stehen. Nähme man Delikte aus der Kriminalstatistik heraus, die nur von Ausländern begangen werden können, normalisiert sich das Verhältnis erheblich.Welchen Sinn macht die Forderung nach rigoroser Abschiebung überhaupt, wenn man bedenkt, daß viele Ausländer nur zum Zweck einer Straftat nach Deutschland kommen und dem hier geltenden Ausländerrecht gar nicht unterliegen?Sie macht gar keinen Sinn. Man kann sie überhaupt nur vor dem Hintergrund des beginnenden Wahlkampfes verstehen - nicht vor dem Hintergrund der rechtlichen Situation und dessen, was nötig ist. Das Instrumentarium, das heute zur Verfügung steht, behindert weder polizeiliche Ermittlungen noch Überwachung und Kontrolle.Es ist in dieser Diskussion stets von Tatverdächtigen die Rede. Wie ist das Verhältnis zu rechtskräftigen Urteilen?Die Statistiken hinken wegen der langen Verfahren zwei, drei Jahre hinterher. Aber es gibt definitiv eine systematische Diskrepanz zwischen Tatverdächtigen und Verurteilten.Geraten Ausländer schneller unter Tatverdacht als Deutsche?Sie geraten offenbar viel schneller unter Tatverdacht. Man guckt bei Ausländern jedenfalls viel genauer hin. 90 bis 95 Prozent der registrierten Straftaten gehen auf Anzeigen aus der Bevölkerung zurück, nicht auf Beobachtungen der Polizei. Ausnahme ist die Drogenkriminalität: Da fahndet die Polizei in der Szene, arbeitet mit verdeckten Ermittlern. Aber auch hier gilt, in Gegenden mit hohem Ausländeranteil wird genauer hingeguckt als anderswo.Bei einigen Delikten spielen ausländische Tatverdächtige tatsächlich eine große Rolle. Wo liegen die Ursachen?Wenn man den hier lebenden Ausländern keine Möglichkeit gibt, am Leben teilzunehmen, zum Beispiel beim Konsum, dann darf man sich nicht wundern, wenn sie illegale ökonomische Chancen nutzen. Außerdem: Jede illegale Dienstleistung hat ihre legalen Kunden. Es gäbe keine illegalen Zigarettenhändlerringe, wenn brave Bürger die Ware nicht billig kaufen würden.Politiker argumentieren oft mit der Kriminalitätsangst der Bürger. Deckt die sich mit dem Risiko, Opfer einer Straftat zu werden?Überhaupt nicht, das klafft zunehmend auseinander.Warum ist das so?Die Quelle dieser Angst hängt mehr und mehr von anderen Faktoren ab: von Arbeitslosigkeit und der sozialen Perspektive. Daher ist in Ostdeutschland die Angst vor Kriminalität auch größer als im Westen.

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