Ausverkauf der alten Zeit

MAXIM GORKI THEATER Stefan Bachmann inszeniert Paul Claudels Trilogie "Die Gottlosen" - Europa lesen - Werkstatt Hamletmaschine

BLZ
4 Min

Was ist bleibender als der Wechsel?", fragt der Baron Turelure provozierend in Paul Claudels Stück "Die Geisel", dem ersten Teil einer historischen Trilogie, die ab dem 30. März im Maxim Gorki Theater Berlin zu sehen ist. Die zynische Frage könnte wie eine Überschrift über allen drei Teilen stehen. Erzählt wird die Geschichte vom Zerfall und Ausverkauf eines alten französischen Adelsgeschlechts, der Familie Coûfontaine.Die zur Trilogie zusammengefassten Dramen "Die Geisel", "Das harte Brot" und "Der Erniedrigte" entstanden zwischen 1908 und 1916, in einer Zeit also, in der Europa sich radikal wandelte - während Claudel schrieb, stürzte sich Europa in einen Weltkrieg - die Gewissheiten von Aufklärung und Humanismus fielen in sich zusammen. Vor diesem aktuellen Hintergrund konstruierte Claudel ein historisches Dramengefüge, das sich dem 19. Jahrhundert widmet und damit der Vorgeschichte der Katastrophe. Die Familiensaga der Coûfontaines setzt 1812 ein, zur Zeit der napoleonischen Herrschaft, und endet 1869 mit dem Bild eines aller weltlichen Macht beraubten Papstes. Dazwischen spinnt sich der Faden einer Familiengeschichte als packend erzählte Saga, die zur Parabel über die Unbarmherzigkeit der voranschreitenden Zeit und den Verfall vermeintlich ewig gültiger Werte wird. Claudel beschreibt die schmerzliche Geburt der europäischen Spätaufklärung und analysiert die Geburtsfehler.Symbolisch, sagte Claudel einmal, seien seine Figuren insofern, als sie historisch seien. Sie sind Liebende, Glaubende, Zweifelnde, Überlebende, Tötende - also Menschen mit dem tragischen Potenzial, das einer jeden Biografie innewohnt. Das schmerzliche Erlebnis der Entwertung von Erfahrung und Geschichte durch den Zwang der Zeit und in einer Zeit der Zwänge zeigt Claudel nicht zuletzt am Verhältnis zu Gott und zur Religion. "Ganz gewiss ist nur Gott", heißt es im Stück - doch was passiert, wenn die Begrifflichkeiten und Zeichen dieser Gewissheit zwischen Machtstreben und Gewinnsucht abhanden kommen? Stefan Bachmann inszeniert die Trilogie an einem Abend und setzt damit eine Vision um, die Claudel bereits in den zwanziger Jahren äußerte. Mit seiner erfolgreichen Basler Inszenierung von Claudels "Der seidene Schuh" hat Stefan Bachmann dazu beigetragen, dass der Autor Paul Claudel wieder stärker ins Bewusstsein der deutschsprachigen Theateröffentlichkeit rückte. Für die Inszenierung der Trilogie, der er den Titel "Die Gottlosen" gibt, hat er mit Anja Schneider, Ruth Reinecke, Peter Kurth, Ulrich Anschütz, Florian Stetter und Andreas Leupold ein großartiges Ensemble um sich versammelt, das durch Melanie Kretschmann und Sebastian Blomberg als Gäste komplettiert wird.EUROPA LESENMaxim Gorkis Stück "Kinder der Sonne" inspirierte das Gorki Theater, acht Studierende des Studiengangs "Szenisches Schreiben" der UdK einzuladen, mit Gorkis Figurenarsenal neu umzugehen. Entstanden sind acht Minidramen, die ab dem 2. März im Studio unter dem Titel "Ozonkinder" zu sehen sind. Inszeniert werden die Arbeiten von dem jungen polnischen Regisseur Michal Zadara, es spielen Studierende der HfS "Ernst Busch". Außerdem in "Europa lesen": "Das Wunderwerk oder The Re-Mohammed-TY Show" des dänischen Autors Christian Lollike in einer lecture performance am 4. März. "Europa lesen" endet am 17. und 18. März mit Vorstellungen der Inszenierungen von "Sauerstoff" und "Ozonkinder" und viel Musik.WERKSTATT HAMLETMASCHINEIn einer vierzehntägigen Werkstatt untersucht die Internationale Heiner-Müller-Gesellschaf die Aktualität von Heiner Müllers Werken. Der Fokus liegt vor allem auf Müllers wohl bekanntestem Werk "Die Hamletmaschine" und seiner Beschäftigung mit dem Hamletstoff, der für Müller von zentraler Bedeutung war. Dabei stellte er schon in frühen Notizen den Bezug zum ungarischen Volksaufstand von 1956 her: Hamlet in Budapest.------------------------------Die Gottlosen Eine Familiensaga von Paul Claudel.Regie: Stefan Bachmann. Bühne: Michael Simon. Kostüme: Annabelle Witt. Musik: Felix Huber. Mit Melanie Kretschmann, Ruth Reinecke, Anja Schneider; Ulrich Anschütz, Sebastian Blomberg, Peter Kurth, Andreas Leupold und Florian Stetter. DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG am 30. März um 18 Uhr im Maxim Gorki Theater. Nächste Vorstellung am 31. März.EUROPA LESEN: KINDER DER SONNE 2 Ozonkinder Uraufführung von acht Minidramen. Kooperation mit der UdK und der HfS "Ernst Busch" Berlin.PREMIERE am 2. März im Gorki Studio.LECTURE PERFORMANCE Das Wunderwerk oder The Re-Mohammed-TY Show von Christian LollikeErste Vorstellung am 4. März im Gorki Studio.Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin.Karten und Informationen unter Telefon: (030) 202 21-115 www.gorki.de------------------------------Foto: "Ganz gewiß ist nur Gott": "Die Gottlosen", eine Familiensaga von Paul Claudel. Premiere ist am 30. März.

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