Auszeichnung

Warum der Friedenspreis für Salman Rushdie auch eine Art Wiedergutmachung ist

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ehrt mit Salman Rushdie einen großen und bedrohten Autor – und rückt eine frühere eigene Entscheidung zurecht.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
6 Min
Salman Rushdie im Mai 2023 im Museum of Natural History in New York, wo eine Gala des PEN stattfand.

Salman Rushdie im Mai 2023 im Museum of Natural History in New York, wo eine Gala des PEN stattfand.

© Timothy A. Clary/AFP

Eines des schönsten Bücher Salman Rushdies handelt von ihm selbst. Es heißt „Joseph Anton“ nach dem Namen, den er sich gab, als er im Versteck leben musste, geborgt von zweien seiner literarischen Fixsterne, Joseph Conrad und Anton Tschechow. Im Prolog des Buches schildert Rushdie, wie er am Valentinstag 1989 den Anruf einer BBC-Reporterin erhielt, zu Hause, irgendwoher hatte sie seine Nummer. Sie fragte, wie man sich fühle, wenn man gerade von Ajatollah Chomeini zum Tode verurteilt wurde. „Ohne recht zu wissen, was er redete, hat er Folgendes geantwortet: ,Man fühlt sich nicht gut.‘ Und Folgendes hat er gedacht: Ich bin ein toter Mann.“

1989 ist lange her, in der Zwischenzeit hat sich die Weltordnung verschoben, Staaten zerfielen, neue gründeten sich, Telefone trägt man heute mit sich herum und das Internet transportiert Nachrichten in Wimpernschlaggeschwindigkeit, ermöglicht deren Aufbauschen und Veränderung. Aber Salman Rushdie, 1947 in Mumbai (Indien) geboren, mit 14 Jahren wegen der Schulbildung von der Familie nach London geschickt, dort geblieben und zum Schriftsteller geworden, der Mann, der bereits mit seinem zweiten Roman „Mitternachtskinder“ international viel Aufmerksamkeit erhalten hatte, ist heute immer noch so bedroht wie 1989.

Das Attentat auf Rushdie vom August 2022

Das bekam die Weltöffentlichkeit am 12. August 2022 vorgeführt, als Salman Rushdie in Chautauqua im US-Bundesstaat New York von einem Attentäter durch mehrere Stiche an Hals, Gesicht, Leber und Arm lebensgefährlich verletzt wurde. Den Ermittlungen zufolge sympathisierte der 24 Jahre alte Angreifer online mit extremen schiitischen Gruppen und der iranischen Revolutionsgarde, der Prozess gegen ihn hat noch nicht begonnen. Salman Rushdie war wochenlang im Krankenhaus, er ist seither auf einem Auge blind, die Beweglichkeit der rechten Hand bleibt eingeschränkt. Als Anfang 2023 der zuvor fertiggestellte Roman „Victory City“ erschien, der ihn erneut als fantastischen Erzähler zeigt, konnte er nicht damit auf Lesereise gehen, wie es Schriftsteller üblicherweise tun. Er gab ein einziges Interview, dem Magazin New Yorker, und beschrieb seinen Kampf ums Überleben so: „Ich bin noch nicht aus diesem Wald heraus, wirklich.“

Und doch gilt die am Montagvormittag verkündete Auszeichnung Rushdies mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2023 nicht einem Opfer, einem Gejagten, sie gilt einem Autor von Rang, dessen vielgestaltiges Werk die englische Sprache und die Weltliteratur bereichert. Und sie gilt einem Mann, der sich nicht nur um seiner selbst willen nicht einschüchtern lässt, sondern sein Eintreten für die Freiheit des Wortes als einen Einsatz für ein Menschenrecht versteht, wie es etwa in der Charta der Schriftstellervereinigung PEN gefasst ist: „Der PEN steht für den Grundsatz eines ungehinderten Gedankenaustauschs innerhalb einer jeden Nation und zwischen allen Nationen, und seine Mitglieder verpflichten sich, jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten.“

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Bücher von Salman Rushdie (eine Auswahl)
Penguin Verlag/Random House

Bücher von Salman Rushdie (eine Auswahl)

Victory City. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. 416 Seiten, 26 Euro. Ein schillernder Roman, in dem Rushdie historische Mythen mit  der Gegenwart verknüpft und traditionelles wie modernes Schreiben verbindet. Es ist eine matriarchalische Utopie, die Themen wie Machtmissbrauch und Liebe behandelt und von einer wundersamen Stadt berichtet.
Die Mitternachtskinder. Deutsch von Karin Graf. 736 Seiten, 14 Euro. Der Roman, der Rushdies Ruhm als Erzähler begründete: Mit den Mitteln des magischen Realismus bringt er hier das Schicksal eines besonderen Jungen mit der Geschichte des indischen Subkontinents zusammen.
Joseph Anton. Die Autobiografie. Übersetzt von Verena von Koskull und Bernhard Robben. 720 Seiten, 17 Euro. Was bedeutet es für einen Schriftsteller, über neun Jahre lang mit einer Morddrohung zu leben? Anschaulich, bitter, auch komisch, letztlich sehr souverän erzählt Rushdie vom Leben seit der Todesdrohung.
Golden House. Aus dem Englischen von Sabine Herting. 512 Seiten, 12 Euro. Ein Roman aus dem New York der Gegenwart mit Krimi-Elementen und einer wahnwitzigen Geschichte um Macht und Aufstieg, Wirtschaftsbetrug, die faszinierende Kraft des Kinos und die Spielarten der Liebe.
Harun und das Meer der Geschichten. Aus dem Englischen von Gisela Stege. 256 Seiten, 12 Euro. Mit diesem Kinder- und Jugendbuch, 1990 erstmals erschienen, greift Rushdie die Traditionen orientalischer Märchen auf. Er schrieb es für seinen Sohn Zafar und um sich selbst zu beweisen, dass er unter der Bedrohung das Erzählen nicht verlernt hat.

Durch die Fatwa verlor er sein Ich

Salman Rushdie war 2004 bis 2006 Präsident des PEN America. Im Mai dieses Jahres ist er bei einer Galaveranstaltung der Schriftstellervereinigung im New Yorker Museum for Natural History erstmals wieder öffentlich aufgetreten. Ohne Vorankündigung, unter Polizeischutz. Man könnte denken, seine Lebensweise sei erneut zurückgefallen in die Situation, wie er sie in „Joseph Anton“ beschreibt, übersetzt von Verena von Koskull und Bernhard Robben: „Er besaß jetzt ein neues Ich. Er war der Mensch im Auge des Sturms, nicht mehr der Salman, den seine Freunde kannten, sondern Rushdie, Autor der satanischen Verse – dieses Buches mit dem auf subtile Weise durch das Fortlassen des Artikels Die entstellten Titel. Die satanischen Verse war ein Roman. Satanische Verse waren Verse, die satanisch waren, und er war ihr satanischer Verfasser, ,Satan Rushdy‘, eine gehörnte Kreatur auf Plakaten, die von Demonstranten durch die Straßen ferner Städte getragen wurden, der Gehängte mit langer roter Zunge auf primitiven hochgehaltenen Bildern. Hängt Satan Rushdy.“

Die Jury des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels begründet ihre Entscheidung unter anderem damit, dass Rushdies Werk von Beginn an „durch seine Deutungen von Migration und globaler Politik“ beeindrucke. „In seinen Romanen und Sachbüchern verbindet er erzählerische Weitsicht mit stetiger literarischer Innovation, Humor und Weisheit. Dabei beschreibt er die Wucht, mit der Gewaltregime ganze Gesellschaften zerstören, aber auch die Unzerstörbarkeit des Widerstandsgeistes Einzelner.“ Seine Auszeichnung folgt auf die von Serhij Zhadan und Tsitsi Dangarembga aus den beiden Vorjahren, folgt auch auf Liao Yiwu und Swetlana Alexijewitsch, auf Susan Sontag und Orhan Pamuk. In seiner ersten Reaktion schreibt Salman Rushdie: „Ich weiß, wie bedeutsam dieser Preis ist, und ich bin ein wenig eingeschüchtert von der Liste der bisherigen Preisträger, zu der sich mein Name nun gesellen wird.“

Kritik an den Friedenspreisen für Schimmel und Zhadan

Seit 1950 wählt der Stiftungsrat des Friedenspreises jedes Jahr eine Persönlichkeit aus, die, so die Statuten, einen wichtigen Beitrag zum Frieden, der Menschlichkeit und der Verständigung der Völker geleistet hat. Rushdie werde, heißt es weiter, auch „für seine Unbeugsamkeit, seine Lebensbejahung und dafür, dass er mit seiner Erzählfreude die Welt bereichert“, geehrt.

Man kann die Entscheidung für ihn auch als eine Art Wiedergutmachung interpretieren: 1995 sprach die damalige Jury die Auszeichnung der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel zu, womit sie eine heftige öffentliche Auseinandersetzung auslöste. Schimmel hatte in einem Fernsehinterview gesagt, Rushdie hätte mit dem Roman „Die satanischen Verse“ auf eine „sehr üble Art“ die Gefühle gläubiger Muslime verletzt, was nach einem Verständnis für die Angriffe gegen ihn und die Verbreiter seines Buches klang. Dass die Wissenschaftlerin, die in Ankara, Cambridge und London gelehrt hatte, sich als „absolut unpolitischer“ Mensch zu rechtfertigen suchte, wurde auch nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen – die Preisverleihung und die Laudatio des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog dann aber mit viel Beifall bedacht.

Eine Generation später gab es wieder Diskussionen. Als im Oktober 2022 der ukrainische Lyriker, Romanautor und Bandleader Serhij Zhadan in seiner Dankesrede ausführte, wie sich die Sprache und das Schreiben seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine verändert hatten, kritisierte der deutsche Soziologe Harald Welzer den minutenlangen Applaus des Publikums in der Paulskirche in Frankfurt am Main als „gesinnungs­ethische Überanstrengung“. Zhadan, dessen Aufzeichnungen aus dem Kriegsalltag in das Buch „Der Himmel über Charkiw“ mündeten, sprach als Dichter unter Beschuss, im Wortsinne: „Wir unterstützen unsere Armee nicht deshalb, weil wir Krieg wollen, sondern weil wir unbedingt Frieden wollen.“

Die Preisverleihung für Salman Rushdie findet am letzten Tag der 75. Frankfurter Buchmesse statt, am Sonntag, dem 22. Oktober.

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