„Bad Banks“

Paula Beer: „Jede Figur kann eine Stimme für andere sein“

In der Serie „Bad Banks“ spielt Paula Beer eine junge Frau, die ihre Karriere ohne Skrupel vorantreibt. Im Interview spricht sie über Rollenklischees, Konflikte zwischen den Generationen – und ihren neuen Berlinale-Film „Undine“.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
12 Min
Die Schauspielerin Paula Beer

Die Schauspielerin Paula Beer

© Benjamin Pritzkuleit

Sie haben viele Monate Ihres Lebens als Investmentbankerin verbracht. Wäre das eine Alternative, wenn es mit der Schauspielerei mal nicht mehr klappt?

Eher nicht. Als Schauspielerin ist ja meine Aufgabe, einen Wesenszug von diesen Menschen zu verstehen, die in diesem Beruf arbeiten, und das in einen Film zu transportieren. Aber fachlich weiß ich nicht, was sie da machen.

Sie untertreiben. Sie haben doch vorher Banker getroffen.

Ja, dabei versteht man ein bisschen die Abläufe, und was die Menschen antreibt. Aber ich habe keine Vorstellung, was genau die in ihren Telefonaten besprechen, was sie in ihren E-Mails schreiben, was bei Treffen wirklich geredet wird. Das ist eine andere Welt.

Die Männer in den blauen Anzügen

Sie zeigen diesmal noch mehr Facetten dieser Jana Liekam, hat die Beschäftigung mit dem Schauplatz dabei geholfen?

Das sind zwei verschiedene Bereiche: Die Recherche war enorm wichtig, um nicht nur das Klischee von Bankern zu erzählen. Sonst sind es bloß die Männer in blauen Anzügen, von denen man nur weiß, dass sie skrupellos sein sollen. Zum anderen ist die Figur bereits so facettenreich geschrieben. Bei der zweiten Staffel war der Vorteil für mich – das hatte ich vorher noch nie – dass ich Jana weiterentwickeln konnte.  

Sie mussten sie nicht mehr selbst kennenlernen?

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Jana ist eine sehr komplexe Figur. Der Beruf und der familiäre Background waren jetzt klar und ich konnte mich auf ihre Emotionen konzentrieren.

Sie sprachen von den Männern in den blauen Anzügen. Die Frauen tragen auch eine Art von Uniform: Weiße Blusen und eng geschnittene Hosenanzüge oder Kostüme. Macht das was mit Ihnen?

Jedes Kostüm hilft dem Schauspieler irgendwie, weil es nicht die private Kleidung ist, mit der man anders verknüpft ist. So ein Anzug oder Kostüm und hohe Schuhe geben sofort eine andere Körperhaltung.

Hilft es auch, diese Sachen wieder abzulegen? Oder bleibt die Anspannung, weil am nächsten Tag weitergemacht wird?

Tatsächlich glaube ich, dass es über den ganzen Drehzeitraum unbewusst im Körper steckt: Das geht jetzt über vier Monate und erst danach ist es richtig vorbei. Aber es hilft schon, wenn man morgens das Kostüm anzieht und die Maske gemacht wird. In der Stunde Vorbereitung findet die Metamorphose statt.

Zur Person 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Zur Person 

Paula Beer wurde 1995 in Mainz geboren und lebt in Berlin. Im Jahr 2009 wurde sie von dem Regisseur Chris Kraus für seinen Film „Poll“ entdeckt – und von der Kritik als hochtalentiert gefeiert.

Weitere Rollen hatte sie etwa in Peter Sehrs Historienfilm „Ludwig II“ (2012), in Andreas Prochaskas Western „Das finstere Tal“ (2014), in der deutsch-französischen Koproduktion „Frantz“ (2016) von François Ozon. Sie spielte bei Christian Petzold in der Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ (2018) und wurde von ihm wieder für „Undine“ verpflichtet.

Die Serie „Bad Banks“ lief 2018. Sendetermine der 2. Staffel im ZDF: 8.2., 21.45 Uhr, 9.2., 22.15 Uhr, 10.2., 22.15 Uhr und komplett in der Mediathek.

Müssen Sie in der Zeit Ihre Lebensweise auf „Bad Banks“ einrichten?

Nein, allerdings sollte man in der Zeit möglichst vermeiden, sich ernsthaft zu verletzen, zum Beispiel nicht unbedingt Bungee-Jumping ausprobieren… 

Ich dachte eher, Sie dürfen nicht zu ausgeschlafen sein, so gestresst sehen Sie zuweilen aus.

Das ist auch die Frage, wie man Schauspiel auffasst. Es gibt sicher Kollegen, die versuchen, dass es möglichst echt wirkt. Aber ich möchte in der besten Verfassung zum Dreh kommen, um dann fit zu sein und das Erschöpfte eben zu spielen. 

Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich

Das Budget für die zweite Staffel war höher. Haben Sie das bei der Arbeit gemerkt?

Es hilft immer, wenn mehr Geld da ist. Wir hatten diesmal mehr Drehtage, das entzerrt natürlich das Ganze. Was nicht bedeutet, dass wir uns zwischendurch gelangweilt hätten.

Wenn man in so einer Welt spielt, in der es wichtig ist, reich zu sein und das zu zeigen, kommen einem dann die gesellschaftlichen Unterschiede noch viel stärker vor Augen?

Es ist schwer, sich vorzustellen, was für absurde Dinge mit Reichtum verknüpft sind, bis man einmal davon gehört hat. Vor allem, wenn man auf der anderen Seite sieht, wie schnell Menschen vor dem Nichts stehen, weil irgendetwas schiefgelaufen ist. Aber es hat nicht nur mit der Figur zu tun, dass ich mir darüber Gedanken mache. Ich finde es erschreckend, dass die Gesellschaft sich so aufspaltet.  

Sie spielen eine junge Investmentbankerin, die den Generationenkonflikt bewusst angeht. Die Geographiestudentin Luisa Neubauer, in Ihrem Alter, bekam einen Aufsichtsratsposten bei Siemens Energy angeboten. Lesen Sie solche Nachrichten als Jana Liekam oder als Paula Beer?

Ich finde vor allem wichtig, dass bedeutende Entscheidungen nicht nur von Menschen getroffen werden, die schon in ihrem Leben angekommen sind. Das klingt jetzt hart. Jana fragt einmal in der Staffel Christelle Leblanc: Wie viele Jahre interessieren Sie noch?

Zehn Jahre, vielleicht fünfzehn, setzt sie hinzu. Selber hat sie 40 Jahre Karriere vor sich.

Ich glaube, es ist problematisch, wenn nur an den Lebensstandard von heute gedacht wird. Veränderungen sind mit Unbequemlichkeiten gekoppelt. Wenn alles gepolstert bleiben soll, dann frage ich mich, wie sich etwas entwickeln kann. Deshalb finde ich es gut, wenn junge Leute einbezogen werden, die noch idealistischer sind, die vielleicht mit den Realitäten noch nicht so konfrontiert wurden, dass sie allen Antrieb verloren haben. Vielleicht ist das Alter sogar egal. Man braucht Menschen, die ein Feuer haben und nicht nachlassen, die nachhaken, auch wenn es unbequem ist.

Man muss sich gutgelaunt in den Abgrund schmeißen

Spüren Sie einen Generationenkonflikt auch am Set? Sie sind viel jünger als die meisten Ihrer Kollegen dort.

Ach, ich lerne ganz viel von meinen Kollegen. Ich habe das Gefühl, dass jeder Schauspieler ständig auf der Suche ist, mehr zu erfahren, wie man Rollen anlegt, wie man sich in bestimmten Situationen verhält, denn das ist ja mit jedem Projekt anders. Ich erlebe da einen großen Gemeinschaftssinn.

Die Regie der zweiten Staffel hat ein anderer Regisseur übernommen, Christian Zübert. Lag Ihnen bei der Arbeit manchmal der Satz auf der Zunge: Bei Christian Schwochow haben wir das aber soundso gemacht?

Nee… Das war gerade eine tolle Erfahrung: Es kam jemand dazu, der die Serie kannte und mochte und sie weiterführen wollte. Er brachte so etwas wie neuen Wind in den Laden. Auch der Kameramann war ein anderer. Natürlich ist es eine Herausforderung, die Kommunikation erfordert.

Ihre Figur muss sich in einer Männerwelt behaupten. Haben Sie als Schauspielerin das Gefühl, eine Stellvertreterin für andere Frauen zu sein?

Klar, jede Figur kann eine Stimme sein für die Menschen, denen es genauso geht. Und manchmal ist es auch gut, wenn man nicht den Best-of-Zustand zeigt, sondern die Situation, wie sie vorliegt.

Diese Jana Liekam ist einerseits sehr erfolgreich, andererseits kommt sie wiederholt psychisch an ihre Grenzen. Wie erreichen Sie diese Tiefpunkte?

Das kann man gar nicht gut proben. Vorbereitung ist da das A und O. Ich baue mir lange vorher schon aus der Realität meiner Figur das, was es mir als Schauspielerin ermöglicht, wie Jana zu reagieren. Aber das ist auch jedes Mal ein Risikopart, weil man nicht weiß, wie der Körper drauf ist. Wenn man gut geschlafen hat, ist es natürlich nicht so einfach, sich in den Abgrund zu schmeißen.

Ist es indiskret, danach zu fragen?

Nein, es ist nur schwierig für mich, das in Worte zu packen. Es ist schwer nachvollziehbar, was man da so macht und wie man es erlebt. Der Beruf ist ja in einer gewissen Weise verrückt. Es kann mir als Paula an dem Tag super gehen, aber wenn die Kamera läuft, stelle ich das um auf Janas emotionalen Haushalt und spiele eine Panikattacke.

Durch MeToo haben wir viel gehört über Machtverhältnisse beim Film und am Theater. Schafft dann auch der Regisseur eine solche Atmosphäre, damit man sich als Schauspielerin elend fühlt?

So etwas habe ich zum Glück noch nicht erlebt. Bei mir war es so, dass Christian mich fragte, wie diese Szenen für mich funktionieren und was ich dafür brauche. Das war sehr angenehm. Jedem ist klar, dass man diese Extreme nicht so oft hintereinander spielen kann. Deshalb war die Situation am Set dann besonders konzentriert.

Christian Zübert ist als Regisseur also kein Diktator...

Nein. Es geht ja um Respekt. Und manchmal ist es auch gut, wenn man Leute ein Stück weitertreibt und ihnen sagt, es muss mehr Spannung rein. Aber das geht professionell, das darf nicht persönlich sein.

Hatten Sie und Ihre Kollegen eigentlich ein Coaching für die Vokabeln aus der Finanzwelt, dass die Ihnen flüssig von den Lippen gehen?

Am Ende des Tages muss man es lernen und so sprechen können, dass man es auch glaubt. Wir hatten in beiden Staffeln Fachberater dabei, die uns bestimmte Sachen erklärten.

Zum zweiten Mal mit Christian Petzold

Chris Kraus, der Sie für seinen Film „Poll“ entdeckt hatte, sagte damals, Ihr Gehirn sei sehr, sehr viel älter als der Rest Ihres Wesens. Würden Sie das rückblickend bestätigen?

Hm. Ich habe damals schon im Jugendensemble des Friedrichstadt-Palasts gespielt, was mir sehr viel Spaß machte. Bei „Poll“ wusste ich überhaupt nicht, was auf mich zukommt: Es war in den Sommerferien, ich hatte keine Ahnung vom Film und war überrascht, wie viele Menschen damit zu tun haben. Ich glaube, dass ich damals sehr aufmerksam war und schnell aufnehmen und umsetzen konnte, was da an Input kam.

Haben sich jetzt Hirn und Wesen angeglichen?

Es fühlt sich zumindest so an.

Nun haben Sie wieder einen Film mit Christian Petzold gedreht, „Undine“, der bei der Berlinale seine Premiere haben wird. Vor „Transit“, als er sie das erste Mal verpflichtet hatte, erzählte er im Interview, habe er mit Ihnen und Franz Rogowski vorher Filme gesehen. Gab es diesmal wieder so eine Vorbereitung?

Ja. Christian Petzold sorgt dafür, dass man ein Gefühl von seinen Vorstellungen, seiner Vision bekommt. Oft liest man das Drehbuch, hat seine eigene Idee und erfährt dann bei der Arbeit, dass der Regisseur vielleicht über manche Punkte ganz anders denkt. Bei Christian ist das wie ein Abgleich, damit man auf einen Nenner kommt. An zwei Tagen waren alle Schauspieler beieinander, wir haben Filme gesehen, Szenen besprochen und wussten: Wir sind die nächsten zwei Monate ein Ensemble.

Ist das der typische Unterschied zwischen Kino und Serie oder ist es der spezielle Petzold'sche Zugang?

Ich glaube, das ist schon sehr speziell für ihn. Kino und Serie unterscheiden sich ohnehin, bei der Serie muss man viel komprimierter arbeiten.

Und wie war es, das zweite Mal mit demselben Regisseur zu drehen?

Super! Und auch wieder mit Franz zu spielen. Es macht schon einen großen Unterschied, wenn man sich schon kennt und nicht mehr viel Zeit damit zubringt herauszufinden, was gemeint sein könnte und wie der andere reagiert. Das macht die Arbeit noch schöner.

„Ich gehe bei der Rollenwahl nicht danach, was taktisch klug wäre"

Dem Kino schwinden die Zuschauer, Serien aber werden immer beliebter, vor allem bei jüngeren Leuten. Stellt man sich beim Dreh darauf ein, dass man mit einer Serie ein anderes Publikum erreicht?  

Ich entscheide bei Projekten eher nach dem Stoff und frage mich, ob ich mich dafür über längere Zeit begeistern kann. Aber klar, Serien werden auf ganz anderen Plattformen zur Verfügung gestellt, sind länger verfügbar und werden schon deshalb von mehr Leuten gesehen.

Sie sind in wenigen Jahren durch sehr verschiedene Rollen sehr bekannt geworden, von „Poll“ über „Frantz“ bis zu „Werk ohne Autor“. Überlegen Sie bei Rollenangeboten, was noch fehlt für Ihre Vielseitigkeit?

Ich glaube, wenn man von etwas überzeugt ist, weil man den Stoff, die Kollegen, den Regisseur mag, ist das ein anderer Motor, als wenn man sich sagt, das wäre taktisch klug, nun so eine Rolle zu spielen. So funktioniere ich zumindest nicht. Mit diesen ganzen Gewerken beim Film kann man Märchen schaffen in 90 Minuten. Das braucht vom einzelnen noch viel mehr als nur die berufliche Routine. Man muss auch bereit sein, ein Risiko einzugehen oder etwas auszuprobieren.

Märchen schaffen passt gut zu „Undine“, aber nicht zu „Bad Banks“.

Ich meine es ja auch nicht im direkten Sinne: Film ist kein Alltag. Der Alltag ist immer rausgeschnitten. Die Figuren gehen im Film nur auf Toilette, wenn es für die Geschichte wichtig ist. Film ist komprimiertes Leben.

Würde Sie auch Theater reizen?

Ja, total. Diese Zeit zu haben, gemeinsam mit einer Truppe etwas zu entwickeln und sich nicht allein vorzubereiten und dann zu gucken, dass man es in der Drehzeit hinbekommt, das interessierte mich schon. Ich wüsste auch gern, wie anders das Spielen funktioniert, wenn vor mir die Leute sitzen und direkt reagieren. Man braucht andere Qualitäten, eigentlich ein anderes Handwerk.

Ab Mitte 30 werden die Frauenrollen knapp

Sie waren 14 bei „Poll“ und haben seither jedes Jahr gearbeitet. Vorm Gesetz gelten Sie immer noch als junge Erwachsene. Beim Deutschen Schauspielpreis für „Bad Banks“ 2018 dankten Sie Ihrer Mama und Ihrer Filmmama Andrea Lambsdorff, Ihrer Agentin. Welche Rolle hat sie für Sie?

Sie ist wahnsinnig wichtig für den beruflichen Teil meines Lebens. Wir haben, glaube ich, auch ein sehr besonderes Verhältnis. Ihr war ja damals bewusst, welche Verantwortung darin liegt, so einen jungen Menschen in solch eine Spur zu schicken. Man könnte natürlich auch das Wort Mentor nehmen. Aber ich glaube, Filmmama passt gut, weil sie die schützenden Flügel über mich ausbreitet.

Schauspieler, die als Jugendliche angefangen haben, landen leider später oft in der Rubrik „Was macht eigentlich?“.

Da muss auf junge Menschen echt aufgepasst werden, weil man es so jung selbst noch nicht abschätzen kann. Abhängig davon, was man vorhat, muss man darauf achten, dass es nicht zu schnell knallt und dann vielleicht vorbei ist.

Sie haben Erfolg. Was würden Sie damit machen, wenn noch das richtig große Geld dazukäme?

Es gibt nichts, was ich jetzt brauche, damit mein Leben besser wird. Es ist leider noch immer so, dass es für Schauspielerinnen etwa ab Mitte 30 weniger Rollen und damit Jobs gibt. Von daher würde ich einen Teil als Altersvorsorge nutzen. Den Rest würde ich irgendwohin spenden.

Dass selbst Sie mit Mitte 20 auf diese Sorge hinweisen, ist kein gutes Zeichen. Es haben doch so viele bedeutende Schauspielerinnen bereits darauf hingewiesen!

Vielleicht ändert sich das, bis ich Mitte 30 bin. Aber wenn man sich, was in den letzten zwei Jahren produziert wurde, daraufhin anschaut, was es für Männer- und für Frauenfiguren sind, ist es nach wie vor sehr auffällig: Frauen stecken meistens nur in Liebeskonstellationen, Männer sind Helden in den verschiedensten Bereichen, Frauen in Hauptrollen müssen vor allem stark und tough sein. Und die Frauenrollen nehmen mit dem Alter deutlich ab. Man mag das Sehgewohnheiten nennen. Aber die müssen dringend mal überdacht werden.


Das Gespräch führte Cornelia Geißler

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