Vorbild Natur

„Unglaublich vielseitig“: Bänderschnecke mischt fünf Schleimarten aus denselben Bausteinen

Ein neue Studie zeigt, wie eine gewöhnliche Gartenschnecke je nach Zweck klebrigen, rutschigen oder schützenden Schleim erzeugt – und was das für die Materialforschung bedeutet.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
3 Min
Bei der Bänderschnecke steuern Proteine und Kalzium die Eigenschaften des Schleims.

Bei der Bänderschnecke steuern Proteine und Kalzium die Eigenschaften des Schleims.

© Creative Touch/imago

Die gewöhnliche Bänderschnecke (Cepaea nemoralis) stellt aus wenigen molekularen Grundbausteinen fünf funktional sehr unterschiedliche Schleimarten her. Das berichtet ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam-Golm in einer am Freitag im Fachjournal Science veröffentlichten Studie.

Die Wissenschaftler untersuchten Schleim, den die Schnecke zur Fortbewegung, als starken Klebstoff an Oberflächen, zum Schutz vor Austrocknung, zum Verschluss des Gehäuses in Ruhephasen und zur Verteidigung nutzt. Nach Angaben des Instituts verwendet das Tier für alle Varianten dieselben Komponenten und mischt sie lediglich in unterschiedlichen Mengen. Zentrale Bestandteile sind Proteine, vor allem Kollagen, sowie Kalzium.

Das Protein hinter der Vielseitigkeit

Als tragendes Element identifizierten die Forschenden das Protein Kollagen VI, das bisher vor allem aus menschlicher Haut, Knochen und Gelenken bekannt ist, wo es strukturgebend wirkt. Gemeinsam mit ungeordnetem Kalziumkarbonat, das die Schnecke in ihrem Drüsengewebe speichert und bei Bedarf abgibt, steuert der Anteil an Kollagen VI die Eigenschaften des jeweiligen Schleims.

Nach Darstellung des Instituts verändert die Schnecke über die Gesamtmenge an Proteinen und den Anteil von Kollagen VI die Dichte des Proteinnetzwerks. Je engmaschiger dieses Netz sei, desto zäher werde der Schleim. Kalzium wirke in Ionenform als Vernetzer, in Form von Calcit als Verstärkung des Materials.

Farbenfrohes Studienobjekt aus dem Garten

Die Bänderschnecke gehört zu den auffälligsten Landschnecken Mitteleuropas. Ihr bis zu zwei Zentimeter großes Gehäuse zeigt eine gelbe, rosa oder braune Grundfarbe, meist überzogen von bis zu fünf dunklen Längsbändern. Die Farbvielfalt innerhalb einer einzigen Art gilt in der Evolutionsbiologie als Schulbeispiel für genetische Variabilität.

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Die Tiere werden bis zu acht Jahre alt, ernähren sich vorwiegend von welken Pflanzenteilen und sind in Gärten, an Waldrändern und auf Wiesen verbreitet. Zu ihren natürlichen Fressfeinden zählt vor allem die Singdrossel, die die Gehäuse an Steinen aufschlägt. Nach Angaben des Instituts lebt die Art auch auf dem Max-Planck-Campus in Potsdam-Golm, wo die Proben gewonnen wurden.

Vorbild für technische Materialien

„Schneckenschleim mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, ist aber ein unglaublich vielseitiges Material", sagte Franziska Jehle, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Dass die Schnecke mit den gleichen Grundbausteinen gezielt die Eigenschaften ihres Schleims verändern könne, mache sie für die Forschung interessant.

Die Forscher sehen in den Ergebnissen einen Ansatzpunkt für die Entwicklung umweltfreundlicher Klebstoffe, funktioneller Beschichtungen und medizinischer Materialien.

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