In zahlreichen Regionen Russlands kommen Braunbären derzeit bewohnten Gebieten gefährlich nahe. Tiere werden auf Straßen, an Schulen und vor Wohnhäusern gesichtet. Eine Auswertung russischer Regionalmeldungen kommt seit Jahresbeginn auf mindestens elf Menschen, die bei Bärenangriffen ums Leben gekommen sind.
Die Zahl stammt aus einer Chronik des russischen Regionalportals NGS24. Eine zentrale amtliche Statistik über sämtliche tödlichen Bärenangriffe in Russland wurde bislang nicht veröffentlicht. Die tatsächliche Zahl könnte deshalb höher liegen.
Kühlschränke geplündert: Bär verübt Einbruchsserie in Japan
Drei Todesfälle allein im Gebiet Krasnojarsk
Besonders angespannt ist die Lage in Sibirien. Im Gebiet Krasnojarsk starben in diesem Jahr drei Menschen. Zwei Frauen aus der Siedlung Podtessowo waren Ende August zum Pilzesammeln in den Wald gegangen. Ihre Leichen wiesen nach Angaben der Ermittler Verletzungen auf, die auf einen Bärenangriff hindeuteten.
Wenige Tage später wurde ein 40 Jahre alter Mann nahe der Siedlung Juschno-Jenisseiski getötet. Das Tier wurde anschließend von Jägern erschossen. Weitere tödliche Angriffe wurden unter anderem aus der Republik Altai und aus Burjatien gemeldet. Im Altai soll ein Bär eine 29-jährige Touristin aus ihrem Zelt gezogen haben. In Burjatien starb ein Mann, der gemeinsam mit seiner Frau nach entlaufenen Kühen gesucht hatte. Die Fälle wurden unter anderem von Meduza anhand regionaler Behördenmeldungen zusammengetragen.
Ein Braunbär bei Kuhmo nahe der finnisch-russischen Grenze. In Russland hat sich der Bestand seit 1990 mehr als verdoppelt.
© Jussi Nukari/imago
Bären in 41 russischen Regionen nahe Siedlungen
Die russische Nachrichtenagentur Tass zählte im Jahr 2026 Berichte über Bären in oder unmittelbar an Siedlungen aus 41 Regionen. Betroffen waren demnach sämtliche elf Regionen des Fernen Ostens, neun Regionen Sibiriens, acht Regionen an der Wolga und fünf Regionen im Ural. Auch aus mehreren Gebieten im europäischen Teil Russlands wurden Begegnungen gemeldet.
Im Gebiet Krasnojarsk tauchten Bären nach Behördenangaben in der Nähe von Schulen auf und versuchten, in Privathäuser zu gelangen. Zeitweise wurden Zugänge zum Nationalpark Krasnojarsker Stolby geschlossen. In mehreren anderen Regionen versetzten die Behörden Einsatzkräfte in erhöhte Bereitschaft. Fontanka berichtete unter Berufung auf Tass von rund 80 getöteten Bären allein am 9. und 10. September im Gebiet Krasnojarsk.
Braunbärenbestand seit 1990 mehr als verdoppelt
Nach Angaben des russischen Umweltministeriums leben derzeit rund 307.900 Braunbären im Land. 1990 waren es demnach etwa 130.000. Der Bestand hat sich damit innerhalb von 36 Jahren mehr als verdoppelt. Die Schätzung beruht nach Ministeriumsangaben auf der jährlichen staatlichen Erfassung jagdbarer Tierarten. Besonders große Bestände gibt es in den Regionen Krasnojarsk, Chabarowsk, Kamtschatka und Irkutsk. RBC veröffentlichte die Zahlen unter Berufung auf das Ministerium.
Der Bestandszuwachs allein erklärt die derzeitigen Vorfälle jedoch nicht. Regionale Behörden führen die Begegnungen auch auf fehlende Nahrung in den Wäldern zurück. Aus Teilen Sibiriens wird von einer schlechten Ernte bei Zirbelnüssen, Beeren und Pilzen berichtet. In anderen Regionen gelten offene Müllplätze und frei zugängliche Lebensmittelabfälle als wesentlicher Anreiz für die Tiere.
Eine einheitliche wissenschaftliche Untersuchung zu den Ursachen der aktuellen Häufung liegt bislang nicht vor. Fachleute warnen zudem davor, sämtliche regionalen Fälle auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen.
Mehr als 530 Bären getötet
Nach der Auswertung von NGS24 wurden seit Beginn der Saison in Russland mehr als 530 Bären getötet, die Behörden oder Jäger als Gefahr für Menschen betrachteten. Auch diese Zahl ist keine amtliche landesweite Statistik, sondern eine Zusammenstellung öffentlich zugänglicher Angaben aus den Regionen.
Das russische Umweltministerium sammelt inzwischen Vorschläge für Änderungen der Regeln zur Regulierung des Braunbärenbestands. Zugleich fordert es die Regionalbehörden auf, Müllplätze, Touristencamps und Siedlungen besser gegen Bären zu sichern. Die Tiere dürften keinen Zugang zu Lebensmittelabfällen erhalten und keinesfalls gefüttert werden. An menschliche Nahrung gewöhnte Bären könnten ihre Scheu verlieren, warnte das Ministerium laut Wedomosti.
Wildschwein, Löwe, Bär & Co.: Was man tun soll, wenn man einem Wildtier begegnet
Katzen in Deutschland: Wann Jäger sie erschießen dürfen
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]