Karl Marx war kein Anarchist. Seine auserwählte Klasse war das Proletariat, war die Arbeiterschaft, diszipliniert und organisiert, die im 20. Jahrhundert en masse zur Sozialdemokratie überlief. Marx’ Haltung dem Bodensatz der Gesellschaft gegenüber, dem, was er „Lumpenproletariat“ nannte, unterschied sich nicht von derjenigen des Bourgeois seiner Zeit: „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen.“
Dieser „Abfall“ erschien ihm auch politisch als höchst unzuverlässig. Im Lumpenproletariat sah er das billig käufliche Instrument der Konterrevolution, den Prügel, den die Besitzenden jederzeit auf die wahren Proletarier loslassen konnten.
Seit den frühen Zivilisationen wissen begabte Demagogen, wie man sich die kurze Zündschnur des bis unter die Halskrause hass- und wuterfüllten Mobs zunutze macht. Noch jede erfolgreiche Revolte und Revolution, von den Aufständen der römischen Volkstribunen über die Sansculotten 1789 bis zum Sieg des russischen Bolschewismus 1917, lebte von dieser Energie der Straße.
Heterogenität der Unterschicht
Marx wusste auch von der Heterogenität der urbanen Unterschicht, zu der er verschiedentlich „Vagabunden“, „Verbrecher“, „Prostituierte“, „entlassene Zuchthaussträflinge“, „Herumtreiber“ und „dunkle Existenzen“ zählte, ausdrücklich auch „Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler“.
In dieser Vielfalt der Ab- und Ausgestoßenen des 19. Jahrhunderts fehlte ein Element, das heute selbstverständlich ist: der migrantische Anteil. In ganz Westeuropa haben der Rückbau der europäischen Imperien und seither die weitgehend unkontrollierte Zuwanderung aus dem Süden neben einer Einwanderung in die Sozialsysteme auch eine Einwanderung in das Lumpenproletariat zur Folge gehabt.
Belastbare Zahlen gibt es kaum. Was wir wissen: Die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen mit Migrationshintergrund ist in Deutschland mit fast 3,5 Millionen und in Frankreich mit 2,1 Millionen Menschen vertreten. Bekannt ist auch, dass die Jugendarbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe, unabhängig von der Herkunft, im August 2026 in Frankreich bei 20,6 Prozent und in Deutschland bei 7,3 Prozent lag.
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Der inzwischen verstorbene Christian Semler schrieb 2011 in der taz: „Ein Leben nach festen moralischen Regeln würde voraussetzen, dass man es auf halbwegs funktionierende Weise bewältigen kann. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ In den seither vergangenen 15 Jahren haben sich die Verhältnisse weiter verschlechtert. Die Generation Z, kurz Gen Z, wird mit Erwerbsarbeit kein Wohneigentum mehr schaffen können. Ihre Lebensperspektive ist düsterer als die ihrer Eltern und Großeltern.
Hinzu kommen die KI und die damit verbundenen Ungewissheiten. Hinzu kommen aber auch Millionen Zuwanderer aus teils sehr fremden Kulturen, von denen ein Gutteil in prekären Verhältnissen lebt. Das ist die ökonomische Seite. Auch kulturell stehen die Zeichen auf Sturm. Quer durch Europa gewinnen Herkunftsidentitäten an Bedeutung, einheimische wie migrantische. Die Bereitschaft zur Integration, auch die Neugier, sinkt. Neugier und Angst sind keine Bettgenossen.
Hingegen Hass und Neid, die vertragen sich vorzüglich. 2000 geplünderte Geschäfte in ganz Frankreich, darunter Luxusboutiquen im Pariser Marais, sprechen eine beredte Sprache. Da macht es keinen Unterschied, wer hinter der Maske steckt, Migranten im Prekariat, eingesessene Anarchisten oder einfach nur Diebespack. Die Heterogenität des Lumpenproletariats lebt fort, auch im 21. Jahrhundert.
Halal-Metzger verschont
Politischer wird es bei selektiven und geplanten Angriffen auf jüdisches Eigentum, wie sie in einigen französischen Städten beobachtet wurden. Wenn die Schaufenster der Döner-Restaurants und Halal-Metzger verschont bleiben und gezielt das Glas der jüdischen Geschäfte klirrt. Oder wenn die Randale im Namen der Kufiya oder der Palästinenserflagge erfolgt.
Weder die Flaggen noch die antijüdischen Ausschreitungen haben etwas mit den Anliegen der französischen Schüler und Studenten zu tun. Vielmehr beweisen Sie das Kalkül einer breiten, linksislamistisch-anarchistischen Front, jeden legitimen und vor allem friedlichen Protest für die eigene, gewalttätige Agenda zu kapern.
Das französische Szenario vom Samstag lässt sich zudem eins zu eins auf die deutsche Hauptstadt übertragen. Das Berliner Lumpenproletariat, auch das linksislamistisch-anarchistische, ist zahlreich. Ob die Polizei einer rot-grün-roten Stadtregierung, wenn es Spitz auf Knopf steht, für die Ladengeschäfte jüdischer Eigentümer die eigene körperliche Unversehrtheit riskiert?
Und wie sähe die Antwort aus? Recht und Ordnung, exekutiert durch Marine Le Pen und Alice Weidel? Dass Franzosen oder Deutsche sich von Linksislamisten und Anarchisten auf der Nase herumtanzen lassen, ist aller historischen Erfahrung nach unwahrscheinlich. Der Samstag hat die Aussichten der politischen Mitte jedenfalls weiter eingetrübt.
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