TENERO. Michael Ballack mag nicht still sitzen. Er dreht sich auf seinem Drehstuhl, links herum, rechts herum, er öffnet sich ein Wasser. Er zwinkert einem Fotografen zu, vorn in der ersten Reihe, er winkt einem Mitarbeiter des Deutschen Fußball-Bundes hinter den Kulissen, er guckt auf sein Wasser, in den Saal und einmal auch kurz zu seinem Nebenmann auf dem Podium im Centro Sportivo Nazionale della gioventù in Tenero: zu Bundestrainer Joachim Löw. Michael Ballack guckt kritisch, fast streng, er hält die Arme vor der Brust verschränkt. Er sitzt lange da, während Joachim Löw redet. Er sieht nicht aus wie ein Schüler, der seinem Lehrer lauscht. Er sieht aus wie ein Experte, der sich mal anhören will, was ein anderer Experte zu seinem Fachgebiet so zu sagen hat.Wer beobachtet, wie Ballack und Löw bei dieser Fußball-Europameisterschaft, vor dem zweiten Gruppenspiel am Mittwoch (18 Uhr) gegen Kroatien, miteinander umgehen, der ahnt: Der Kapitän der deutschen Mannschaft pflegt zum Bundestrainer eine professionelle Distanz. Er hat in seiner Karriere so viel gesehen, er ist mit seinem Wechsel zum FC Chelsea so hoch gestiegen, er hat dem Nationalteam so viel gebracht, dass er automatisch Löws erster Kritiker ist. Ballack nutzt diese Stellung, aber er nutzt sie nicht aus. Er prescht nicht populistisch vor. Er sagt seine Meinung, wenn er Fehlentwicklungen erkennt. Ballack glaubt: "Ich war nie der Typ, der diese Rolle in der Öffentlichkeit verbal beansprucht hat. Für mich passiert das auf natürliche Weise, über Leistung und Erfahrung. Jetzt bin ich in dieser Rolle drin und fülle sie gerne aus."Ballack kennt seinen Wert für die Mannschaft. Die Ansprüche, die er an sich stellt, an denen misst er seine Mitspieler und auch Löw. Er hat bei Chelsea in José Mourinho einen Coach erlebt, der ihn fasziniert hat: durch seine Aura, seine Perfektion, seine Strategie, seine Taktikstunden und Videolektionen, durch das detaillierte Rollenbild, das er für jeden Spieler entwickelt und dessen exakte Umsetzung er erwartet hat. Mourinho hat einen Spleen und einen Plan gehabt, und diese Kombination hat Michael Ballack geschätzt. Sie hat ihm die Reize gegeben, die ihn mit seinen 31 Jahren immer noch weiterbringen können.Bei Löw findet der Kapitän des deutschen Teams vieles davon wieder, nur die Extrovertiertheit nicht. Der Bundestrainer macht um seine Arbeit nicht so ein Brimborium wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, er stellt nicht jeden Psychotrick der Öffentlichkeit vor, er konzentriert sich mehr auf das fußballerische Kerngeschäft. Ballack ist klug genug zu merken, dass dieser Stil für eine langfristig angelegte Arbeit tragfähiger ist als die impulsive Motivationsmethode Klinsmanns. Der Bundestrainer, der die WM 2006 verantwortet hat, hat seine Spieler "Wir sind ein Team" brüllen lassen. Das hat funktioniert. Aber Ballack hat nicht so euphorisch mitgebrüllt wie all die jungen, gelehrigen Hitzlspergers, Odonkors, Jansens. Er hat wohl geahnt, dass es auf Dauer so nicht geht.Vor der WM hat Michael Ballack das Hurra-System Klinsmanns für naiv und nicht praktikabel erklärt und angekündigt, dass er ab sofort defensiver agieren werde, zentral vor der Abwehr neben Torsten Frings. Er hat dem Bundestrainer vorgeschrieben, wie er seine Formation zu ändern hat - ein bemerkenswerter Affront. Bei Joachim Löw kann er sich derartige Angriffe sparen; der neue deutsche Coach dosiert das Risiko geschickter. Aber Michael Ballack beharrt auch heute auf seiner Anweisung von damals: "Ich habe schon 2006 gesagt: Das passt von der Aufstellung zu unserem Spiel."Der Kapitän und der Bundestrainer wissen, was sie aneinander haben. Joachim Löw sagt: "Ich sehe, dass wir Spieler haben, die in der Lage sind, die Mannschaft zu führen und die einen sehr positiven Einfluss haben." Er nennt Torsten Frings, Jens Lehmann, Christoph Metzelder, aber zuvorderst Michael Ballack. Der Kapitän wiederum kokettiert gern mal mit seinem Sonderrecht zum offenen Wort. Am Dienstag wurde er gefragt, ob er nicht vielleicht die Aufstellung der deutschen Mannschaft für das Spiel gegen Kroatien verraten könne. "Ich weiß: Wenn der Bundestrainer eben schon wenig gesagt hat, dann kann ich noch weniger dazu sagen", sagt Michael Ballack und grinst. Den Rest kann sich jeder denken.------------------------------"Für die Stabilität der Mannschaft sind Torsten Frings und ich ganz wichtig." Michael Ballack------------------------------Foto: Erfahrene Führungskräfte, die sich schätzen: DFB-Kapitän Michael Ballack (vorn) und Bundestrainer Joachim Löw.
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