Die befürchtete Fortsetzung des Architekturalphabets des Schreckens in der Berliner Mitte ist eingetreten: A wie das Alexa-Shopping-Center von Ortner & Ortner Baukunst, B wie das Belvedere des Humboldt-Forums von Franco Stella, G wie der Gertraudenstraße-Block von Gernot Nalbach, P wie das Parkhaus hinter dem Rathaus von Kny & Weber und … W wie eben jener WBM-Neubau am Köllnischen Fischmarkt von Blauraum-Architekten (mittlerweile blrm-Architekten), Hamburg. Wie konnte dieser Bau so nichtssagend werden?
Bürgerproteste gegen siebtes Hochhaus
Das 1999 vom Senat, maßgeblich inspiriert von Senatsbaudirektor Hans Stimmann, beschlossene Planwerk Innenstadt hatte an der Stelle schräg gegenüber vom historischen Petriplatz einen Neubau in Blockrandform vorgesehen. Stimmanns Nachfolgerin Regula Lüscher ließ auch ein weiteres Wohnhochhaus zu – es sind ja schon sechs davon vorhanden.
Von den feingliedrigen Hochhäusern an der Leipziger Straße im Hintergrund über das Sparkassenhochaus der Nachwendezeit und den Nalbachblock der 2000er-Jahre zum Banalitäts-Monster am Köllnischen Fischmarkt im Vordergrund: Die Qualität der Architektur sinkt beständig.
© Rainer Quambusch
Das Berliner Architekturbüro DMSW-Architekten gewann den Wettbewerb mit einem Wohnhochhaus. Bürgerproteste der Anwohner unter Führung von Dieter Raab, der auf dem Baugrundstück geboren worden ist, verhinderten den Bau des siebten Hochhauses – so ging der Auftrag an Blauraum-Architekten, die einen der beiden dritten Preise gewonnen hatten.
Wie schon auf der gegenüberliegenden Straßenseite quetschen sich die vielen Wohnungen jetzt in einen U-förmigen Block. Der Architekt wird sagen: Die Bürgerproteste und die Überarbeitungen durch die WBM beziehungsweise die von der bauabteilungslosen Wohnungsbaugesellschaft beauftragte MILA-Unternehmensgruppe haben den Entwurf banalisiert. Sicherlich. Aber banal war er vorher schon.
Berlins ältester Wohnort liegt am südlichen Zipfel der Spreeinsel
Mitgefühl allen, die in diesem Haus an der großen Straße wohnen müssen. Was lernt Berlin daraus? Wer nach wie vor einen weiteren zuschussfreien Sozialwohnungsbau der WBM am Molkenmarkt fordert, ist entweder blind oder gänzlich anspruchslos. Der politisch verlangte Sozialwohnungsbau am Molkenmarkt muss aus Respekt vor dem historischen Ort so weit bezuschusst werden, dass kleinere, schöne und nachhaltige Gebäude möglich werden – Gebäude, die man nicht umgehend wieder abreißen will.
Dr. Benedikt Goebel, Historiker und Stadtforscher, ist Stiftungsvorstand der Stiftung Mitte und Gründer und Sprecher der Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin.
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