Nach tagelangen Protesten in Bangladeschs Textilindustrie sollen die Beschäftigten einen höheren Mindestlohn erhalten. Die neue Lohnstruktur soll ab dem 1. Dezember gelten, wie die staatliche bangladeschische Nachrichtenagentur BSS berichtet. Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter einigten sich darauf bei der ersten Sitzung eines neu gebildeten Lohnausschusses. Ausgezahlt werden sollen die höheren Dezembergehälter erstmals im Januar. Wie stark die Löhne steigen, ist dabei jedoch noch offen.
Die Beschäftigten fordern eine Anhebung des monatlichen Mindestlohns von derzeit 12.500 Taka (rund 90 Euro) auf 30.000 Taka (rund 215 Euro). Das entspräche einem Plus von 140 Prozent. Sie begründen ihre Forderung mit steigenden Kosten für Lebensmittel, Wohnungen und Transport, die ihre Kaufkraft erheblich geschwächt hätten.
Zum Vergleich: Der durchschnittliche Monatsverdienst abhängig Beschäftigter lag 2024 landesweit bei 15.554 Taka, umgerechnet rund 112 Euro.
Neue Verhandlungen am Montag
Der sechsköpfige Ausschuss soll am Montag erneut zusammenkommen. Dann sollen Vertreter der Beschäftigten und Fabrikbesitzer getrennte schriftliche Vorschläge für die neue Lohnstruktur vorlegen, berichtet das bangladeschische Nachrichtenportal Jago News 24 unter Berufung auf eine Mitteilung des Gremiums. Der bisherige Mindestlohn gilt seit Dezember 2023.
Die Regierung hatte den Ausschuss am 1. November eingesetzt, nachdem sich die Proteste in wichtigen Industriestandorten ausgeweitet hatten. Ihm gehören Vertreter der Beschäftigten und Arbeitgeber sowie ein Regierungsvertreter und ein unabhängiges Mitglied an.
Die Fabrikbesitzer halten die Forderungen für überzogen. „Für eine solche Forderung gibt es keine logische oder mathematische Grundlage“, sagte Salim Rahman, erster Vizepräsident des Herstellerverbands, laut Angaben der Nachrichtenagentur Reuters.
Proteste trotz Zusage
Die Aussicht auf eine Erhöhung beendete die Unruhen zunächst nicht. Die bangladeschische Tageszeitung The Daily Star berichtete am Donnerstag über weitere Proteste. Beschäftigte verlangten konkrete Zusagen.
Zeitweise mussten mehr als 500 Fabriken schließen. Demonstrierende blockierten Straßen, die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Betroffen waren unter anderem die Hauptstadt Dhaka und umliegende Produktionszentren wie Ashulia und Gazipur.
Bei den Auseinandersetzungen kam mindestens ein Arbeiter ums Leben. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dokumentierte den Fall und kritisierte die Reaktion der Behörden. Statt berechtigte Forderungen nach existenzsichernden Löhnen aufzugreifen, mache die Regierung politische Gegner für die Proteste verantwortlich.
Textilarbeiter demonstrierten bereits im Oktober für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen.
© Abir Ahmmed Shupto/JNA Press/imago
Lieferant für internationale Modeketten
Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Bekleidungsexporteur der Welt. Die Branche beschäftigt mehr als vier Millionen Menschen, überwiegend Frauen, und erwirtschaftet rund 80 Prozent der Exporterlöse des Landes. Zu ihren Kunden gehören internationale Modeunternehmen wie H&M, Zara und Uniqlo.
Die Produktionsausfälle treffen damit eine tragende Säule der Wirtschaft. Zugleich stehen die Beschäftigten unter wachsendem Druck: Ihre Forderung nach höheren Löhnen richtet sich gegen ein Einkommen, das nach ihrer Darstellung mit den alltäglichen Ausgaben nicht mehr Schritt hält.
Bangladesch und China vereinbaren Ausbau der Zusammenarbeit am Teesta-Fluss
Aus für Mode-Müll: Neues Gesetz soll Textilhersteller in die Pflicht nehmen
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]