Barack Obama hat versprochen, die amerikanische Nation von George W. Bush zu erlösen. Jetzt trifft der künftige Präsident erstmals seinen ungeliebten Amtsvorgänger

Diplomatie im Weißen Haus

Olivia Schoeller
4 Min

WASHINGTON. Zwei Jahre lang hat Barack Obama die Politik seines Amtsvorgängers scharf kritisiert. Mit seinem Versprechen, die Nation von George W. Bush zu erlösen, hat er die Präsidentschaftswahl fulminant gewonnen. Gestern um 13.51 Uhr Ortszeit trafen die beiden Männer, die verschiedener kaum sein können, zum ersten Mal im Weißen Haus zusammen. Barack Obama und seine Frau Michelle wurden vom Präsidenten und von First Lady Laura Bush begrüßt und gingen dann ins Weiße Haus. Wenige Minuten später schon filmten die Kameras jene historische Szene, die nun Teil der amerikanischen Geschichte ist: der Gang des amtierenden und des künftigen Präsidenten entlang des Säulenganges zum Oval Office.Die Begegnung der beiden Männer war gestern mit großer Spannung erwartet worden. Nach einem bitteren Wahlkampf genießen die Amerikaner das Ritual der zivilisierten Machtübergabe von einem Präsidenten an den nächsten stets mit großem Stolz. Auch Präsident Bush war vor acht Jahren vom damaligen Präsidenten Bill Clinton zu einem Treffen ins Weiße Haus eingeladen worden. Doch im Gegensatz zu Obama kannte der Republikaner bereits den Weg ins Oval Office. Als sein Vater Präsident der USA war, war George W. Bush häufiger dort zu Gast. Nun scheint der Sohn vor allem stolz darauf zu sein, dass er dem ersten afroamerikanischen US-Präsidenten das künftige Arbeitszimmer zeigen wird."Ziemlich cool"Schon kurz nach der Wahl Obamas hatte Bush erklärt, er freue sich, seinen Nachfolger und dessen Familie demnächst an seinem Amtssitz zu begrüßen. Obama hatte Bush für die Einladung gedankt und gesagt, er werde seinem Gastgeber offen begegnen.Der Sieg von Barack Obama hatte George W. Bush in der Wahlnacht "tief bewegt", wie Augenzeugen berichteten. So soll Bush den historischen Moment erkannt und die Wahl des ersten Afroamerikaners ins höchste Amt des Staates als "ziemlich cool" bezeichnet haben. Er nannte Obamas Sieg einen Sieg für die Bürgerrechtsbewegung und die amerikanische Geschichte. Mit glänzenden Augen hatte Bush dann am nächsten Tag davon gesprochen, was für ein wunderbarer Moment es für die Bürger der USA sein werde, wenn "Obama, seine Frau Michelle und deren hübsche Töchter die Schwelle des Weißen Hauses überschreiten". Auf den ersten Besuch der Obama-Töchter Malia und Sasha in deren neuem Zuhause müssen die Amerikaner allerdings noch warten. Die beiden Mädchen sind vorerst in Chicago geblieben.Schon Stunden vor dem Ereignis hatten gestern dutzende Kamerateams darauf gewartet, jenen historischen Moment festzuhalten, da der erste schwarze Präsident das Machtzentrum der Vereinigten Staaten betritt. Während die beiden Männer dann im Oval Office über gravierende Probleme wie die Finanzkrise und die Kriege im Irak und in Afghanistan sprachen, führte Laura Bush ihre Besucherin Michelle Obama durch den Wohnbereich des Weißen Hauses.So freundlich die Visite im Fernsehen anzusehen war, so kann sie doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Differenzen zwischen beiden Politikern riesig sind. Noch vor dem Treffen hatte das Übergangsteam von Barack Obama einen Kurswechsel in etlichen Bereichen verkündet. So schnell wie möglich will Obama die Steuererleichterungen für die Mittelschicht und höhere Steuern für Besserverdienende durchsetzen. Zudem erklärte der Leiter des Übergangsteams, John Podesta, dass sie derzeit Bushs Erlasse zu Stammzellen-Forschung, Ölbohrungen und zum Foltergesetz überprüfen würden. Bush hatte als Präsident die Macht, diese Gesetze auch ohne Zustimmung des Kongresses durchzusetzen. Offenbar ist der neue Präsident gewillt, sein Versprechen vom Wandel umzusetzen, sobald er am 20. Januar an jenem Schreibtisch sitzt, an dem Bush zuvor die Gesetze erlassen hat.Als eine seiner ersten Amtshandlungen kündigte Obama die Verabschiedung eines Konjunkturprogramms für die Wirtschaft an. Dieses Vorhaben könnte er sogar noch als Senator anschieben, da der Kongress in den kommenden Wochen über das Thema berät.Offene PersonalfragenWährend Obama erstmals seinen neuen Arbeitsplatz inspiziert, köchelt es weiter in der Washingtoner Gerüchteküche. So verdichteten sich die Hinweise darauf, dass der amtierende Verteidigungsminister Robert Gates weiter im Amt bleibt. "Warum sollten wir ihn nicht behalten? Er ist nicht einmal Republikaner", sagte Harry Reid, der Mehrheitsführer der Demokraten im Senat. Auf die wohl dringlichste Frage, wer der neue Finanzminister sein wird, gab es allerdings noch immer keine Antwort.------------------------------Foto: George W. Bush und First Lady Laura Bush begrüßen das künftige Präsidentenpaar Barack und Michelle Obama am Eingang ihres Amtssitzes.

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