Barack Obama ist der Herausforderer, John McCain sein Rivale im Kampf um die amerikanische Präsidentschaft und Hillary Clinton pokert noch

Das Rennen beginnt

Olivia Schoeller
8 Min

WASHINGTON. Wenn es ein einziges Wort gibt, das diesen Tag in den USA prägt, dann lautet es: Historisch. Erstmals in ihrer Geschichte hat eine der großen amerikanischen Parteien einen Schwarzen zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gewählt. Vierzig Jahre nach dem Tod von Martin Luther King bekommt Barack Obama die Chance, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. "Heute Nacht werden wir eine historische Reise beenden und eine neue beginnen - eine Reise, die einen neuen und besseren Tag für Amerika bringt", sagte Obama. Dann tat er das, was er immer in solchen Momenten tut. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf seine Unterstützer. "Euretwegen stehe ich heute hier, um zu sagen, dass ich der demokratische Kandidat für die Präsidentschaft der USA bin", rief er seinen euphorischen Anhängern in St. Paul, Minnesota, zu, die ihrerseits sofort mit ihrem Schlachtruf "Yes, he can" antworteten.Seinen Erfolg verdankt Obama einer großen Koalition von Wählern. Wie niemandem zuvor war es dem 47-Jährigen gelungen, neue und junge Wähler mit seiner Botschaft des Wandels und der Hoffnung zu motivieren. Es war vor allem Obamas nahezu esoterischer Ansatz, wonach die Wähler selbst zu besseren Menschen werden, wenn sie ihre und seine Hoffnung auf eine besseres Zukunft teilen. Nach acht Jahren Bush-Regierung kam seine Prophezeiung einem langersehnten Versprechen gleich.Hatte anfangs noch seine deutliche Haltung gegen den Irak-Krieg für Obamas Popularität gesorgt, so waren es zum Schluss eher diffus formulierte Ziele, die vor allem junge, wohlhabende und gut ausgebildete Amerikaner ansprachen. Seine Forderung, Grenzen zu durchbrechen und die Nation zu versöhnen, stieß bei ihnen nach acht Jahren Bush-Regierung auf Resonanz. "Es gibt keine blauen Staaten, es gibt keine roten Staaten, es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika", wiederholte Obama immer wieder.Nicht zuletzt hat er seinen Sieg den Millionen Afro-Amerikanern zu verdanken, die mit regelmäßig über 90 Prozent der Stimmen für ihn votierten. Für sie könnte mit einem schwarzen Präsidenten jener schöne Traum, den Martin Luther King einst träumte, Wirklichkeit werden.Doch jeder historische Moment kennt bei genauerer Betrachtung auch seine Schattenseite. Dieser wurde dadurch getrübt, dass Hillary Clinton ihre Niederlage nicht eingestehen wollte. In einer Rede vor ihren Anhängern in ihrem Heimatstaat New York gratulierte sie zwar Obama zu einem "außerordentlichen Wahlkampf"; sie sagte, sie sei dankbar, dass er "Menschen inspiriert und die Partei stärker und lebhafter gemacht hat". Doch dann erklärte sie klipp und klar, dass sie an diesem Abend keine Entscheidungen über ihre Zukunft treffen werde. Alles, was sie anschließend sagte, klang so, als wollte sie klarmachen, warum sie die bessere Kandidatin gewesen wäre. Damit hat sie - zum Ärger vieler Demokraten - Obamas Triumph geschmälert.Kurz zuvor hatte sie ihren Kontrahenten sogar noch unter Druck gesetzt, als sie erklärte, sie sei offen dafür, als Vize-Präsidentin mit ihm zu kandidieren. Ganz unbegründet ist Hillary Clintons Ansinnen nicht, schließlich hat Barack Obama einen denkbar knappen Sieg errungen, und sie kann den Anspruch erheben, die Mehrzahl der abgegebenen Stimmen für sich gewonnen zu haben. "Ich will, dass die Stimmen von 18 Millionen Menschen respektiert werden, die mich gewählt haben", rief Hillary ihren Unterstützern zu.Den Demokraten wie auch Obama selbst ist die Macht der Clinton-Anhänger natürlich bewusst, und so hat Hillarys Ruf nach dem Vizepräsidenten-Posten Obama in eine schwierige Lage gebracht. Hillary hat ihre Hand ausgestreckt und ist somit dem Wunsch der Partei nach Versöhnung entgegengekommen. Wenn er nun ihr Angebot ablehnt, werden ihm das die Clinton-Wähler übel nehmen. Viele von ihnen trauen Obama das Amt nicht zu, vor allem haben sie Bedenken, was seine Kompetenz in der Wirtschaftspolitik betrifft. Oder sie sind schlichtweg enttäuscht, dass Hillary nicht die erste Frau im Weißen Haus geworden ist. Sie haben bereits angekündigt, dass sie gar nicht oder aber den Republikaner John McCain wählen werden. Doch Obama kann auf die Clinton-Stimmen nicht verzichten. Wenn er sie gewinnen will, muss er Hillary einbinden.Andererseits weiß Obama aus dem quälenden Vorwahlkampf, mit was für einer Politikerin er es zu tun bekommen würde, wenn er Hillary als Vize nominiert. Und dann käme auch noch ihr Ehemann Bill dazu. Ob ein junger und unerfahrener Präsident Obama dieser politischen Doppelgewalt im Weißen Haus standhalten könnte, ist fraglich.Es wäre vermutlich klüger, würde sich Obama einen loyaleren Partner oder auch eine Partnerin suchen.Doch was wird dann aus Hillary? Dies war am Tag von Obamas Sieg das große Thema. Wahrscheinlich wäre es klug, ihr einen Kabinettsposten anzubieten. Vielleicht hatte er das in seiner Rede auch schon angedeutet, als er sie ausgiebig lobte und davon sprach, dass Hillary Clinton "eine tragende Rolle" bei der Einführung der allgemeinen Krankenversicherung spielen wird.Die Ära Clinton, das müsste Obama nach diesem harten Wahlkampf klar sein, ist trotz ihrer Niederlage nicht beendet. Auch wenn sie nicht ins Weiße Haus einzieht, ist Hillary noch immer die Senatorin von New York, und wenn sie sich geschickter verhält, kann sie auch im Senat Karriere machen. Vielleicht wird sie die erste Frau, die das Amt der Mehrheitsführerin bekommt - das ist ein fast so mächtiger Posten, wie die Präsidentschaft. Und sollte Obama die Wahl gegen McCain verlieren, könnte es Hillary Clinton in vier Jahren erneut für das Weiße Haus probieren. Dann ist sie 61 Jahre alt.Wie wichtig Hillary Clinton im amerikanischen Machtgefüge ist, zeigte sich, noch bevor Obama seine Siegesrede hielt. In einer Ansprache vor eigenem Publikum verbeugte sich Barack Obamas republikanischer Rivale John McCain rhetorisch vor Clinton und nannte sie "meine Freundin". Es war ein deutliches Zeichen, dass auch er um ihre Anhänger kämpft.In den letzten Vorwahlen in Ohio, Pennsylvania, Kentucky und West Virginia wurden Obamas Schwächen offenbar. Vor allem weiße Frauen, weiße Arbeiter und Latinos konnte Obama nicht für sich begeistern. Einige machen dafür die öffentlichen Bemerkungen seines ehemaligen Pastors Reverend Jeremiah Wright verantwortlich, andere seine Hautfarbe und noch anderen sind die teilweise recht unpräzisen politischen Vorstellungen von Barack Obama suspekt.Noch am Abend wurde deutlich, dass John McCain eben auf diese Schwächen in den kommenden Monaten zielen wird. In einer ersten Erwiderung auf Obamas Nominierung hat der republikanische Kandidat den Herausforderer als einen unerfahrenen Träumer und somit als ein Risiko für die USA dargestellt. Zudem wurde deutlich, dass McCain aus der Niederlage von Hillary Clinton gelernt hat. Im Gegensatz zu ihr stellte er das Duell mit Obama nicht als eines zwischen "Erfahrung" und "Wandel" dar, sondern als eine Entscheidung zwischen "richtigem und falschem Wandel". McCain porträtierte Obama als einen traditionellen linksliberalen Demokraten, der die Steuern erhöhen, Regierungsausgaben steigern und die Staatsverschuldung erhöhen wolle. McCain machte deutlich, mit welchen Argumenten er Obama schlagen will. Obama sei zwar ein eindruckvoller Redner, aber er habe keine wirklichen Errungenschaften vorzuweisen. "Bei all seinen schönen Worten und Versprechungen hat er niemals den harten, aber richtigen Weg eingeschlagen, für euer Wohl seine eigenen Interessen zu gefährden", sagte McCain.Auch für Barack Obama begann am Tag des Triumphes der eigentliche Wahlkampf. Sofort ging er mit McCain in den Clinch. Wie gewohnt zollte er seinem Rivalen Respekt, indem er dessen heroische Zeit als Kriegsgefangener in Vietnam lobte, um ihn dann aber umgehend als Kandidat der Vergangenheit und als eine Verlängerung der Regierungszeit von Präsident George W. Bush darzustellen.In diesem Schlagabtausch zwischen Obama und McCain, über etliche Staaten hinweg, wurden allerdings nicht nur die politischen, sondern auch die persönlichen Unterschiede der beiden Anwärter auf das Weiße Haus deutlich. Veteran gegen Newcomer. John McCain ist 71 Jahre alt, Barack Obama 47. Sie trennt eine ganze Generation.Schon ihre jeweilige Selbstdarstellung war symptomatisch. Während Obama vor 20 000 enthusiastischen Fans sprach und taktisch geschickt eine Gruppe von Menschen hinter sich platzierte, hielt McCain seine Rede vor einem langweiligen grünen Plakat und einem höflichen Publikum. Obwohl nun seit mehr als zwei Monaten klar ist, dass McCain für die Republikaner antritt, hat er die Zeit nicht genutzt, um sein Wahlkampfteam auszubauen.Dass John McCain heute überhaupt eine Chance gegen den Hoffnungsträger Barack Obama eingeräumt wird, kommt eigentlich überraschend. Gemessen an den Umfragen, die den deutlichen Frust der Amerikaner mit der Bush-Regierung bezeugen - über 70 Prozent der Amerikaner sind gegen ihn - sollte McCain seine Chancen begraben müssen. Doch der Mann ist beliebt und liegt in Umfragen weit über denen seiner Partei. Die Mehrheit der Amerikaner meint, dass Demokraten das Land besser regieren würden als Republikaner. Das ist eine deutliche Absage an die Bush-Partei. In den Umfragen, wen sie wählen würden, liegt McCain derzeit nur fünf Prozent hinter Barack Obama. Auch wenn der Jubel um Obama anderes vermuten lässt, das Rennen um die amerikanische Präsidentschaft geht jetzt erst los.Selbst wenn heute eine Mehrheit der Amerikaner das Ende des Engagements in Irak herbeisehnt, sind doch einige nicht so sicher, ob Obama tatsächlich die beste Lösung für die Probleme des Landes wäre. Die jüngsten Erfolge der Truppenverstärkung in Irak bringen McCain, der dafür gestimmt hatte, in eine gute Position und machen ihn in diesem Punkt nicht mehr ganz so anfällig für Obamas Vorwürfe.------------------------------"Amerika, dies ist die Zeit, unserem Land, das wir lieben, eine neue politische Richtung zu geben." Barack Obama------------------------------"Es ist eine lange Kampagne gewesen, und ich werde heute Abend keine Entscheidung treffen." Hillary Clinton------------------------------Foto: Die Hoffnungen der Demokraten ruhen jetzt allein auf ihm: Der Präsidentschaftskandidat Barack Obama wird von seinen Anhängern gefeiert.

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