Barack Obama wird mit dem Friedensnobelpreis geehrt, bevor er die Chance hat, wahre Größe zu zeigen

Die Last der Erwartung

Olivia Schoeller
7 Min

Gegen sechs Uhr morgens klingelt das Telefon in Barack Obamas Schlafzimmer. Am anderen Ende der Leitung hört der verschlafene US-Präsident seinen Pressesprecher Robert Gibbs. Der hat eine sensationelle Nachricht: Obama ist der Nobelpreisträger des Jahres 2009. So wird die Geschichte aus dem Weißen Haus berichtet. Obama sei völlig überrascht gewesen. So richtig geglaubt habe er die Neuigkeit erst, als seine Töchter ins Zimmer stürmten und ihrem Vater gratulierten. Sie sollen ihn aber gleichzeitig daran erinnert haben, dass an diesem Tag nicht nur er, sondern auch Bo zu feiern sei. Der portugiesische Wasserhund der Obamas hat Geburtstag. In den Augen der Mädchen offenbar ein ähnlich wichtiges Ereignis.Als Obama etwas später vor die Presse tritt, ist ihm die Überraschung noch anzusehen. Mehrere Stunden hat er gebraucht, um sich an die Nachricht zu gewöhnen. Kameras zeigten ihn, wie er in seinem Büro telefonierte und schrieb. Offenbar wollte er seine Worte genau wählen. "Er sei demütig", sagt Obama. Er empfinde den Preis nicht als Anerkennung seiner Errungenschaften, sondern als einen Ansporn für die Zukunft. Nicht nur für die USA, sondern für alle Nationen.Obamas Bescheidenheit war taktisch klug. Noch während er schlief, war Zustimmung, aber auch Kritik an der Entscheidung des Nobelpreis-Komitees laut geworden. Einige empfanden den Preis für Obama als zu früh, andere als schlichtweg nicht gerechtfertigt. Wofür, darf man fragen, erhält dieser Mann eigentlich einen Preis, hieß es.Thorbjörn Jagland, der norwegische Komiteechef, schien diese Fragen vorhergesehen zu haben: "Alles, was er in der noch sehr kurzen Zeit als Präsident angepackt hat und wie sich das internationale Klima durch ihn verändert hat, ist schon mehr als Grund, ihm den Nobelpreis zu verleihen", sagte Jagland. Das klang wie eine Rechtfertigung. Aber nur kurz. Dann legte Jagland nach: Es sei durchaus üblich, dass das Komitee Preise vergebe, selbst wenn der ausgezeichnete Prozess noch nicht abgeschlossen sei. Aus diesem Grund seien auch Willy Brandt und Michail Gorbatschow ausgezeichnet worden. Doch als Brandt 1971 den Preis erhielt, war er immerhin schon zwei Jahre im Amt. Und als Gorbatschow 1990 geehrt wurde, war die Mauer gefallen. Die Mauern, gegen die Obama kämpfen will, sind bestenfalls für den Einsturz vorgesehen.Und doch hat Jagland gar nicht unrecht. Obama hat in kurzer Zeit vieles angestoßen. Sein Plädoyer für eine atomwaffenfreie Welt in Prag war visionär und eine Genugtuung für all diejenigen, die sich wünschen, dass die USA hier eine Führungsrolle übernehmen. Erst im September nahm der UN-Sicherheitsrat eine Resolution für nukleare Abrüstung einstimmig an. Für Barack Obama war das ein Erfolg.Oder die Ansprache an der Universität in Kairo, in der er eine neue Beziehung zwischen den USA und der islamischen Welt versprach. Mit der ihm eigenen Ernsthaftigkeit, erklärte er den Studenten wie er sich eine respektvolle Beziehung vorstellt. Er weckte in Ägypten Hoffnungen, wie zuvor in Amerika. Minutenlang applaudierten ihm die Studenten.Bislang hat er seine Versprechen gehalten. Er hat ein Abzugsdatum für US-Soldaten aus dem Irak festgesetzt. In Afghanistan hat er eine neue Militärstrategie angeordnet, durch die zivile Opfer verhindert werden sollen. Er ist bereit, mit dem Iran über nukleare Abrüstung und sogar mit den Taliban über die Zukunft Afghanistans zu verhandeln. Doch ob diese Länder nach einem Ende der Ära Obama befriedet sein werden, ist heute genauso unsicher wie die Zukunft des Friedensprozesses in Nahost. Hier hat Obama nach neun Monaten Amtszeit Absichten, aber kaum Resultate vorzuweisen.Lob gebührt ihm jedoch schon heute für den Neubeginn der Beziehungen zu Russland. Obamas Verzicht auf den Bau eines Raketenabwehrschilds in Osteuropa hat nicht nur das Verhältnis zwischen den beiden Ländern verbessert. Es hat Obama Spielraum gegeben, zum Beispiel für die Verhandlungen mit Iran. Aber ist das schon einen Friedensnobelpreis wert?Das Nobelkomitee hat auch recht, wenn es sagt, Obama sei ein Mann, der die internationale Diplomatie stärke, der sich für den Klimaschutz engagiere und Werte vertrete, die die Mehrheit der Weltbevölkerung teile. Aber das gilt doch genauso für Bundeskanzlerin Angela Merkel, den britischen Premier Gordon Brown oder Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh. Warum werden sie nicht ausgezeichnet? Vielleicht deshalb, weil sie keinen Vorgänger hatten, der George W. Bush hieß.Bush griff Afghanistan und Irak an, er schuf ein Gefangenlager namens Guantanamo, er verprellte seine Alliierten und ignorierte globale Abmachungen. Bush verkörpert alles, was das Nobelkomitee hasst. Und die Mitglieder des Komitees zeigten ihr Missfallen. Zwei Mal zeichneten sie während der Bush-Regierungszeit Männer aus, die Bush kritisierten. Im Jahr 2002 erhielt Ex-Präsident Jimmy Carter den Friedensnobelpreis, 2007 dann der ehemalige Vize-Präsident Al Gore. In den USA wurden diese Entscheidungen als Ohrfeigen für Bush empfunden.Dass nun der mit 1,09 Millionen Euro dotierte Preis erstmals seit neunzig Jahren wieder an einen amtierenden US-Präsidenten geht, ist auch als Aussöhnung zwischen dem Komitee und den USA, zwischen der Welt und der bisher geächteten Supermacht zu werten. Hätte George W. Bush nicht gewütet, würde die Welt nicht so sehr auf den Retter Barack Obama hoffen. Dieser Nobelpreis ist weniger ein Lohn für das Erreichte, sondern mehr eine Aufforderung für die Zukunft. Es ist kein Friedensnobelpreis, sondern ein Nobelpreis der Hoffnung.Niemand weiß das so gut wie Barack Obama. Die Ehrung kommt zu einer Zeit, in der das Obama-Fieber in den USA sinkt. Die Arbeitslosigkeit ist auf über neun Prozent gestiegen, seine Gesundheitsreform ist umstritten und die Nation gespalten. Die Aussöhnung, die Obama für die USA versprochen hat, konnte er noch nicht verwirklichen.Nun ist er Friedensnobelpreisträger. Innenpolitisch wird der Preis Barack Obama weder nutzen noch schaden. Obamas Gegner geißeln die Würdigung als weiteren Beweis dafür, dass er mehr um sein Ansehen in der Welt als um die Interessen der Amerikaner bemüht ist.Außenpolitisch wird Obamas Position durch den Preis gestärkt. Es wird für seine Gesprächspartner nicht mehr so leicht sein, die USA als kriegslüstern darzustellen. Aber es ist auch schwer zu glauben, dass Irans Präsident Ahmadinedschad auf die nuklearen Ambitionen seines Landes verzichtet, nur, weil er mit einem Nobelpreisträger spricht.Und Barack Obama selbst? Wer weiß, ob er sich freut. Seit er in jener Sommernacht 2004 seine legendäre Rede auf dem Parteitag der Demokraten in Boston gehalten hat, blickt die Welt mit Hoffnung auf diesen Mann. Er hat Millionen Menschen inspiriert und ist dank seines politischen Talents rasant nach oben katapultiert worden. Als Präsident wollte Obama beweisen, dass er nicht nur reden, sondern auch handeln kann. Die Ehrung wird ihn nicht von seinem Kurs abbringen, aber er steht unter großem Druck.Jimmy Carter und Al Gore mussten Jahre für ihre Anliegen kämpfen, bevor sie den Friedensnobelpreis bekamen. Ebenso Martin Luther King, der 1964 die Auszeichnung für seinen Kampf um die Bürgerrechte der Schwarzen erhielt. Barack Obama aber wird geehrt, bevor er die Chance hat, seine wahre Größe zu zeigen.------------------------------REAKTIONEN"Wow!" Robert Gibbs, Sprecher des Weißen Hauses"Wir hoffen, dass dieser Preis sein Engagement stärken wird, als Staatschef der mächtigsten Nation der Erde weiter den Frieden und die Ausmerzung der Armut zu propagieren."Nelson Mandela, Friedensnobelpreisträger 1993"Sie haben uns die Lizenz zum Träumen und zum Handeln in eine noble Richtung gegeben."Schimon Peres, israelischer Staatspräsident"Mir fällt niemand ein, der diese Ehre mehr verdient hätte."Mohammed el Baradei, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde"Ich glaube, wir sollten ihn alle unterstützen dabei, Frieden auf der Welt noch besser möglich zu machen. Es gibt noch sehr vieles zu tun, aber es ist auch ein Fenster der Möglichkeiten geöffnet worden."Angela Merkel, Bundeskanzlerin"Wir werden sehen, ob er ausharrt und das tut, was er vorgeschlagen hat."Lech Walesa, Friedensnobelpreisträger 1983"Die Auszeichnung für den Führer der größten Militärmacht der Erde zu Beginn der Amtszeit spiegelt die Hoffnungen wider, die er weltweit mit seiner Vision einer atomwaffenfreien Welt geschaffen hat."José Manuel Barroso, EU-Kommissionspräsident"Was er in seiner Zeit als Präsident getan hat, ist ein großes Signal, er gibt Hoffnung."Michail Gorbatschow, Friedensnobelpreisträger 1990------------------------------Foto: Freude im Oval Office: Barack Obama lacht, als er am Freitag von seinem Büro aus telefoniert. Kurz zuvor hat der US-Präsident erfahren, dass ihm der Friedensnobelpreis 2009 zugesprochen wurde. Er ist erst seit knapp neun Monaten im Amt.

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