Gastronomie

Barbesitzer im Kollwitzkiez: „Wir mussten von jetzt auf gleich um 22 Uhr schließen“

Vorverlegte Sperrzeit, halbierter Umsatz: Für die Bar Adieu war das erste Jahr im Kollwitzkiez alles andere als leicht. Warum der Betreiber dennoch zuversichtlich bleibt.

8 Min
Mit bestem Blick auf den Wasserturm im Kollwitzkiez: die Bar Adieu

Mit bestem Blick auf den Wasserturm im Kollwitzkiez: die Bar Adieu

© Anna Reuter

Seit etwas mehr als einem Jahr ist die Bar Adieu im Kollwitzkiez zu Hause. Wenige Meter von der Prenzlauer Allee entfernt und mit bestem Blick auf den Wasserturm stehen unter gestreiften Markisen Tische, Stühle und Bänke, denen man ihre Jahre durchaus ansieht – denen man aber noch einiges zuzutrauen scheint.

Im Barinneren warten gemütliche Samtsofas in strahlendem Petrol, geschwungene Thonetstühle und runde Bistrotische auf einem dunklen Parkett, das schon beim Anblick gemütlich zu knarzen beginnt.

Das Adieu ist gekommen, um zu bleiben

Für den Inhaber und Betreiber Julian Mathieu soll hier der neue Treffpunkt im Kiez entstehen. Im Juli 2025 eröffnete er die Bar und gewann schon bald eine Stammkundschaft, die auch ein Jahr später noch gerne vorbeischaut und oft länger bleibt, als sie eigentlich vorhatte, wie er im Interview mit der Berliner Zeitung erzählt.

Sein Erfolg scheint ihm recht zu geben: Gerade erst wurde der 29 Jahre junge Gastronom für die Falstaff Bar & Spirits Awards nominiert – einen bedeutenden Branchenpreis für Bars, Bartender und Barteams.

Doch der Start verlief nicht reibungslos – und hat offenbar seine Spuren hinterlassen. In einem neuen Instagram-Video spricht Mathieu von schwierigen Zeiten für seine Bar. Heißt es bald möglicherweise schon wieder Adieu für das Adieu? Auf keinen Fall. Auch wenn der Gastroalltag nicht immer so rosig ist, wie er auf Social Media wirkt, und Prenzlauer Berg eben nicht Kreuzberg: Die Bar Adieu ist gekommen, um zu bleiben. Davon ist man hier in der Knaackstraße überzeugt.

Herr Mathieu, seit Juli 2025 betreiben Sie das Adieu am Wasserturm im Kollwitzkiez. Nun geht es der Bar, wie Sie in einem Instagram-Video sagen, „leider nicht so gut“. Was ist passiert?

Eines vorweg: Ich möchte hier niemandem auf die Füße treten. Wir wollen uns sowohl mit unseren Nachbarn als auch mit dem Bezirksamt gut stellen. Aber im Juni haben wir nach Beschwerden zeitweise eine Sperrzeitvorverlegung bekommen – mit der massive Umsatzverluste einhergingen und die uns finanziell an unsere Grenzen brachte.

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Was bedeutet das konkret?

Wir mussten von jetzt auf gleich um 22 Uhr den kompletten Laden schließen, und zwar nicht nur auf der Terrasse. Das bedeutet, es muss bereits um 21 Uhr die letzte Runde eingeläutet werden, was wiederum dafür sorgt, dass um 20 Uhr keiner mehr für einen entspannten Abend vorbeikommt. Am Wochenende sowieso nicht.

Wie lange durften Sie vorher öffnen?

Unter der Woche hatten wir bis 1 Uhr auf, am Wochenende bis 3 Uhr.

Zeitweise durfte hier nur bis 22 Uhr serviert werden – inzwischen ist man froh über eine Verlängerung der Sperrzeit bis Mitternacht.

Zeitweise durfte hier nur bis 22 Uhr serviert werden – inzwischen ist man froh über eine Verlängerung der Sperrzeit bis Mitternacht.

© Anna Reuter

Und was ist der heutige Stand?

Inzwischen haben wir eine Fristverlängerung bekommen und dürfen wieder bis 24 Uhr unter der Woche öffnen, am Wochenende bis 1 Uhr. Das ist schon mal besser als vorher. Aber ich würde das auch gar nicht so sehr beziffern wollen. Es wäre einfach schön, wenn die Leute am Wochenende abends entspannt ausgehen können – ohne ständig überlegen zu müssen, wann heute Abend Schluss ist. Das macht etwas mit der Stimmung in einer Bar. Nach der Sperrzeitvorverlegung haben manche Leute gar nicht mitbekommen, dass sie teilweise wieder zurückgenommen wurde.

Können Sie ungefähr beziffern, was die Vorverlegung Sie finanziell gekostet hat?

Ungefähr 50 Prozent Umsatzverlust. Wenn man bedenkt, wie hoch die Personalkosten und andere laufende Kosten sind, ist das ein wirklich existenzgefährdender Verlust. Wir waren dadurch eigentlich ab dem Moment im Minus.

Julian Mathieu
Anna Reuter

Julian Mathieu

Der Wahl-Berliner ist Gründer und Betreiber der Bar Adieu in der Knaackstraße in Prenzlauer Berg, die er nicht nur als klassische Bar, sondern auch als Veranstaltungsort versteht.

Gemeinsam mit Freunden eröffnete der 29-Jährige die Tages- und Aperitifbar bereits im Juli 2025 und ist seitdem Geschäftsführer der Adieu Mathieu GmbH. Zuvor arbeitete Mathieu als Videoproduzent und Fotograf. Neben dem laufenden Betrieb kümmert er sich auch um Veranstaltungen und Kooperationen.

Bei vielen Berlinern hat der Kollwitzkiez seit einigen Jahren den Ruf als eher sensibles Wohnviertel. Hatten Sie vor der Eröffnung mit solchen Problemen gerechnet?

Ich war schon guter Dinge, muss ich sagen. Mein Anspruch war und ist es, rund um den Wasserturm einen Ort zu schaffen, an dem wieder ein bisschen mehr Kultur stattfinden kann. Für Jung und Alt. Ich wohne selbst in Prenzlauer Berg und habe das Gefühl, dass es hier nicht mehr so viele Läden gibt, wo man schön ausgehen und einen guten Abend verbringen kann – ohne dass es den eigenen Geldbeutel sprengt.

Haben Sie konkrete Pläne, um die finanzielle Schieflage wieder geradezurücken?

Wir haben unser Angebot gerade in letzter Zeit stark ausgebaut. Zum Beispiel haben wir jetzt alle zwei Wochen dienstags einen Bingo-Abend, der so gut wie immer ausgebucht ist. Außerdem gibt es montags ab 18 Uhr kostenlose Antipasti und Snacks. Und mittwochs machen wir eine Afterwork-Party mit Glitter Spritz und Wein für 5 Euro. An dem Tag wollen wir jüngere Leute oder Menschen, die nicht so viel Geld haben, einladen, nach der Arbeit zum fairen Preis etwas bei uns zu trinken.

Mir war es von Anfang an wichtig, einen Ort zu schaffen, an dem der gesamte Kiez – von jung bis alt – zusammenkommen und auch bleiben möchte. Und das funktioniert auch wirklich gut. Morgens bieten wir beispielsweise auch Kaffee und Frühstück an, sodass einige Gäste schon um 12 Uhr vorbeikommen und acht Stunden später immer noch bei uns sitzen. Dann aber halt nicht mehr mit einem Kaffee, sondern mit einer Weinschorle oder einem Glitter Spritz.

Sandwich am Morgen, Weinschorle zum Feierabend: Julian Mathieu passt das Angebot der Adieu Bar auch wegen der vorverlegten Sperrzeit an.

Sandwich am Morgen, Weinschorle zum Feierabend: Julian Mathieu passt das Angebot der Adieu Bar auch wegen der vorverlegten Sperrzeit an.

© Anna Reuter

Wie kam es überhaupt zu den Problemen mit der Nachbarschaft?

Ich möchte an der Stelle wirklich vorsichtig sein und kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Schließlich wollen wir eine Bar haben, die in dieser Nachbarschaft existieren kann. Aber wir bekamen gleich zur Eröffnung, als wir in kleiner Runde mit zehn Freunden anstoßen wollten, gesagt, dass man hier in der Ecke keine Bar haben will. Das war wirklich am allerersten Tag. Da habe ich schon gemerkt: Okay, das könnte schwierig werden.

Und dann?

Die ersten Beschwerden ließen dann nicht lange auf sich warten. Zugegebenermaßen haben wir am Anfang vielleicht auch ein bisschen mehr Party gemacht, als wir durften. Das ist aber vorbei und wir wollen jetzt ruhiger und nachbarschaftsfreundlicher werden. Eigentlich standen wir von Beginn an immer im diplomatischen Austausch mit unseren Nachbarn. Wir grüßen alle, nehmen deren Pakete an, geben gerne auch mal Rabatte. Und trotzdem gab es immer wieder Beschwerden beim Bezirksamt, bis irgendwann eben die Sperrzeit vorverlegt wurde.

Was lässt sich zu den Beschwerden sagen?

Dazu möchte ich nicht viel sagen. Das ist Vergangenheit und wir probieren die Stimmung jetzt durch Entgegenkommen zu verbessern. Wir konnten bei einigen Punkten aber zeigen, dass die Vorwürfe so nicht gestimmt haben. Ich stand zum Beispiel einmal selbst vor der Bar, als drei Streifenwagen mit ungefähr 15 bis 20 Polizisten vorfuhren. In der Bar saßen zu dem Zeitpunkt vielleicht zehn, 15 Leute auf der Terrasse. Da fragt man sich schon, was die alle hier machen und inwieweit das überhaupt verhältnismäßig ist.

Hat sich die Situation inzwischen beruhigt?

Ja, ich würde schon sagen. Es sind zwar immer noch nicht alle glücklich, dass die Adieu Bar nun hier ist, aber wir stehen in engem Austausch mit Nachbarn, dem Bezirksamt sowie dem Umwelt- und Bauamt und arbeiten an Lösungen. Ich möchte aber auch betonen, dass der Großteil unserer Nachbarschaft gerne zu uns kommt und sich hier wohlfühlt. Leider spielt das aber keine Rolle, wenn eine neue Beschwerde beim Bezirksamt eingeht.

Wenn es nach ihrem Betreiber geht, soll die Adieu Bar ein Ort sein, wo Jung und Alt zusammenkommen – und bleiben möchten.

Wenn es nach ihrem Betreiber geht, soll die Adieu Bar ein Ort sein, wo Jung und Alt zusammenkommen – und bleiben möchten.

© Anna Reuter

Was tun Sie konkret, um die Situation zu verbessern?

Wir setzen gerade konkrete Lärmschutzmaßnahmen um. Außerdem sagen wir unseren Gästen aktiv, dass sie zum Beispiel nicht draußen in bestimmten Bereichen bleiben oder dort länger stehen sollen. Wir tun wirklich unser Bestes, so gut es geht alles abzufangen. Und wir sehen auch ein, dass wir am Anfang Fehler gemacht haben und vielleicht ein bisschen zu sehr Kreuzberg waren. Dafür haben wir uns aber auch beim Bezirksamt und bei unseren Nachbarn entschuldigt. Jetzt wollen wir nach vorne schauen.

Wie schauen Sie in die Zukunft?

Ich bin ein positiver Mensch und bin guter Dinge. Durch das Video auf Instagram habe ich sehr viel positives Feedback bekommen. Viele Leute haben mir lange Nachrichten geschrieben und gesagt, wie schön sie unsere Adieu Bar finden und wie schade es wäre, wenn es sie nicht mehr gibt. Ich würde mich einfach freuen, wenn wir noch ganz lange hier bleiben können.

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