Die Formel war so einfach wie einleuchtend: Laptop und Lederhose gleich Erfolg der CSU. Schließlich gelang es in keinem anderen Bundesland, die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft derart schlüssig mit der Tradition der Region und dem Bedürfnis der Bürger nach sozialer Sicherheit zu verbinden. Hinzu kam die für eine Regionalpartei ungewöhnlich große Bedeutung der CSU im Bund, die den Bayern schmeichelte. Diesen Erfolg symbolisiert bis heute Franz Josef Strauß, der die Partei wie kein zweiter geprägt hat.Erfunden hat er die Erfolgsformel allerdings nicht, sie bot sich an. So musste Bayern nach dem Krieg nicht wie andere Bundesländer zerstörte Industrien wieder aufbauen, die später zu Grunde gingen wie die Kohle- und Stahlproduktion. Es hat stattdessen bei seiner Industrialisierung auf moderne Branchen wie Informationstechnik oder Medien gesetzt. Zudem war Bayern auch kein alliiertes Bindestrich-Kunstprodukt wie Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz, dessen Bürger ihre neue Identität erst einmal suchen mussten. Das Land Bayern blickte auf eine 150-jährige Geschichte zurück, in der es territorial unverändert existierte. Zwar fühlten sich Franken, Schwaben oder Altbayern anfangs keineswegs primär als Bayern, aber die CSU etablierte sich schon in den Fünfzigerjahren als gesamtbayerische Partei, die die verschiedenen Regionalkulturen geschickt integrierte. Symbolisch und institutionell gewann die CSU die Hoheit über den Freistaat. Sie war die Partei, die das schöne Bayern erfunden hatte, wie der Münchner Journalist Herbert Riehl-Heyse schrieb.Die CSU verstand es dabei, die Verbindung des Althergebrachten mit der Modernisierung der Wirtschaft, aber auch die Förderung von neuen Universitäten und Forschungseinrichtungen als urbayrische Qualitäten zu definieren. Gleichzeitig kümmerte sie sich um die vom Fortschritt nicht gleichermaßen begünstigten Landwirte, für die sie stets Subventionen in der Bundeshauptstadt und bei der EU in Brüssel erstritt.Dass die Erfolgsformel der CSU nicht auf alle Ewigkeit Bestand haben würde, prognostizieren Sozialwissenschaftler seit vielen Jahren. Schon 1966 sagte der Mannheimer Wahlforscher Rudolf Wildenmann zu Franz Josef Strauß, dass Urbanisierung und Industrialisierung langfristig die Strukturen gefährden würden, auf denen der Erfolg der CSU basiere. Das amüsierte Strauß noch zwanzig Jahre später, als er seine Lebenserinnerungen verfasste. Allerdings sorgte auch er sich durchaus, dass nach seinem Abgang der Abstieg unter die 50-Prozent-Grenze kommen könnte.Zu Recht. Kurz nach Strauß' Tod 1988 erlebte die CSU eine erste Krisenzeit, die sich jedoch nur bei den Europawahlen 1989 niederschlug, als sie auf 45,4 Prozent zurückfiel. Unter Edmund Stoiber schien sich die Partei ab 1993 wieder zu erholen. Was kaum beachtet wurde: schon bei den Bundestagswahlen 1998 erreichte sie nur 47,7 Prozent und fiel damit erstmals seit den Fünfzigerjahren unter 50 Prozent. Diese Marke verfehlte sie erneut bei der Bundestagswahl 2005 - das Kanzlerkandidatenhoch von Stoiber im Jahr 2002 war keine Trendwende gewesen.Für das Ende der CSU-Dominanz in Bayern gibt es eine Reihe von Gründen: der schmerzliche Bedeutungsverlust der Partei im Bund seit der deutschen Einheit oder die Schwäche des Führungspersonals - nicht erst Huber, schon Stoiber war weit entfernt vom Einfluss eines Franz Josef Strauß. Hinzu kommen die Sorgen der verunsicherten Mittelschicht über die wirtschaftliche Entwicklung - obwohl die Krise Bayern bisher kaum erreicht hat.Und schließlich sind die Wähler des Landes oft genug auch nicht mehr das, was sie einmal waren: katholisch, ländlich, sittlich. Die klassischen sozialen Milieus lösen sich in Bayern wie im Rest der Republik auf. So wählen immer seltener Arbeiter oder Arbeitslose im Ruhrgebiet die SPD oder bürgerliche Katholiken in Westfalen die Union. Heute ist fast jeder irgendwie "ein bisschen sozialdemokratisch, ein bisschen neoliberal, ein bisschen christlich und ein bisschen grün", stellte der Parteienforscher Franz Walter fest. Dementsprechend haben die Wähler in Bayern nun andere bürgerliche Parteien wie die FDP, die Freien Wähler oder die Grünen gewählt, von denen sie ihre Interessen eher vertreten sehen als von der CSU. Damit ist die Krise der Volksparteien auch in Bayern angekommen. Und sie dürfte auch hier bleiben, weil in unserer modernen individualisierten Gesellschaft weder die Union noch die SPD inhaltlich oder personell die integrative Kraft früherer Tage erreichen.Einher geht diese Krise aber mit einem Fortschritt. Denn mit dem Niedergang der CSU hält die moderne Verhandlungs- und Kooperationsdemokratie in Bayern Einzug. Entscheidungen werden jetzt auch hier nicht mehr so oft in rauchfreien Hinterzimmern ausgehandelt, sondern im öffentlichen Streit zwischen den Parteien. Vielleicht mit Laptop, aber nur noch selten in Lederhosen.------------------------------Die Wähler in Bayern sind oft genug auch nicht mehr das, was sie einmal waren: katholisch, ländlich, sittlich.
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