BERLIN. Die deutsche Wirtschaft ist robust und kraftvoll wie seit Jahren nicht. Der Bundesverband der Deutschen Industrie erhöhte gestern seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr erneut deutlich auf bis zu 2,5 Prozent. Auch im Export ist der Aufwärtstrend ungebrochen: Der Außenhandel werde voraussichtlich erneut zweistellig, und zwar um bis zu zehn Prozent wachsen, gab BDI-Präsident Jürgen Thumann am ersten Tag der Hannover Messe seine Erwartung wieder. Der größte Industriezweig, der Maschinen- und Anlagenbau, steht vor dem vierten Rekordjahr in Folge und rechnet mit zehntausend neuen Stellen. Die Auftragseingänge lägen im Inland wie im Ausland weiter im zweistelligen Plus, betonte der Branchenverband VDMA. Laut Präsident Dieter Brucklacher gebe es zudem keinen starken Trend mehr zu Produktionsverlagerungen ins Ausland. Es scheine, dass es wieder mehr Vertrauen in den Standort Deutschland gebe.Nachdem im vergangenen Jahr das Bruttoinlandsprodukt um 2,7 Prozent gestiegen war, hatten Wirtschaftsforscher zunächst befürchtet, dass wegen der seit Jahresanfang geltenden höheren Mehrwertsteuer das Wachstum in Deutschland erheblich an Dynamik verlieren würde. Die guten Konjunkturdaten und mögliche Firmen-Übernahmen trieben an der Börse den Dax auf deutlich über 7 300 Punkte.Gegen MindestlöhneDer anhaltende Aufschwung nährt indes Hoffnungen auf eine deutliche Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt. BDI-Päsident Thumann sagte, bei einem andauernden Rückgang der Arbeitslosenzahlen werde sich die gute Stimmung in der Wirtschaft auch auf den privaten Konsum positiv auswirken. Dort sei die Stagnation der Jahre 2004 und 2005 einer zunehmenden Kauflaune gewichen. Thumann hielt es für möglich, dass die Zahl der Arbeitslosen in diesem Jahr zeitweilig unter 3,5 Millionen fallen könne. Der Industrievertreter warnte allerdings vor Übermut: "Die große Koalition darf jetzt nicht die Hände in den Schoß legen, sondern muss strukturelle Reformen entschiedener anpacken." Mit Blick auf den Arbeitsmarkt forderte er ein Ende der Debatte um gesetzliche Mindestlöhne.Das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit sprach angesichts der positiven Meldungen aus vielen Branchen von einer "außergewöhnlich positiven Entwicklung" des Arbeitsmarktes. IZA-Arbeitsmarktexperte Hilmar Schneider sagte der Berliner Zeitung, seit langem habe es kein solches Beispiel für einen "derart rapiden Rückgang der Arbeitslosenzahlen" gegeben. Er zeigte sich überzeugt, dass die Erwerbslosenzahl im Jahresdurchschnitt klar unter vier Millionen fallen werde. 2006 lag sie bei knapp 4,49 Millionen.Schneider nannte zwei Gründe für die positive Beschäftigungsentwicklung: Zum einen sei und bleibe die Konjunktur in Deutschland und Europa kräftig. Zum anderen würden die Reformen am Arbeitsmarkt Wirkung entfalten. "Mit den Hartz-Reformen ist einiges auf den Weg gebracht worden, was die Arbeitslosigkeit verringert", sagte er. Dazu zählte er unter anderem die Beschneidung der Vorruhestandsregelungen und die Verkürzung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld. Das habe zweifellos den Druck erhöht, länger zu arbeiten und sich schneller neue Jobs zu suchen.In den letzten 30 Jahren habe es keinen Konjunkturzyklus gegeben, bei dem die Zahl der Arbeitslosen am Ende niedriger als zu Beginn war, betonte der IZA-Vertreter. "Wir sind auf gutem Wege, jetzt diesen Trend zu brechen", sagte Schneider. Im kommenden Jahr sei es gut möglich, dass es nicht zu einer Verlangsamung des Job-Aufbaus, sondern im Gegenteil zu einer nochmaligen Beschleunigung kommen werde. Wenn die Firmen sicherer werden, dass der Aufschwung von Dauer ist, werde sich auch ihre Bereitschaft zu Einstellungen erhöhen.Mangel an IngenieurenDer Verband Deutscher Ingenieure warnte angesichts der guten Entwicklung vor einem Fachkräftemangel. Die Zahl an offenen Ingenieursstellen sei auf monatlich 23 000 angestiegen. Das entspricht im Vorjahresvergleich einer Steigerung um rund 30 Prozent, meldete der VDI unter Berufung auf die Bundesagentur für Arbeit. In Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg fehlen einer Studie zufolge die meisten Ingenieure. Demnach mussten deutschlandweit im gesamten Jahr 2006 sogar 48 000 Ingenieursstellen unbesetzt bleiben.Auch die Informationstechnik-Branche erwartet, dass sich der Mangel an Fachkräften ausweitet. "Vor anderthalb Jahren hatte nicht einmal jedes fünfte Unternehmen unserer Branche Probleme, spezialisierte Arbeitnehmer zu finden. Heute sind es mehr als die Hälfte", sagte der Chef des Branchenverbandes Bitkom,Willi Berchtold. Derzeit seien bundesweit rund 20 000 Stellen in dem Sektor nicht besetzt.------------------------------Grafik: (2) Die Wirtschaft wird immer noch vom starken Export getragen.------------------------------Foto: Rotorblätter einer Windenergieanlage: Der deutsche Maschinenbau ist weltweit auf Platz zwei vorgerückt.
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