Gustav Mahler ist ein Komponist, von dem man sich ein Bild macht. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Strauss oder Schönberg ist er Zielpunkt identifikatorischer Bedürfnisse: Schöner leiden mit Mahler - und das Ende ist dennoch fast nie ganz hoffnungslos. Konnte Dieter Schnebel in den 70er Jahren noch mit Aussicht auf breite Zustimmung die Meinung zitieren, dass Mahler alle schönen Stellen in seiner Musik wieder durchstreiche, so konnte Wolfgang Rihm vor kurzem behaupten, Mahlers Musik bestehe gänzlich aus schönen Stellen.Was ist denn da passiert? Haben sich hier die Bilder Mahlers vor die Musik geschoben, die Bilder des gehetzten, zerrissenen Repräsentanten der Moderne, des Naturfreunds und Großstädters, des Propheten künftiger Katastrophen, des weltverneinenden, erlösungsfixierten Christen? Soll sich das Aufführen seiner Werke nicht in der Wiederholung immer gleicher Ansichten totlaufen, muss auch dem selbsternannten sinfonischen Weltenbauer Mahler der Tonsetzer Mahler entgegengehalten werden.Daniel Barenboim hat am Dienstag mit der Staatskapelle Berlin im Konzerthaus Mahlers Neunte ungeheuer beeindruckend aufgeführt. Mit ungewohnt schroffem Klang wurde der Sinfonie die mittlerweile alle Modernität mildernde Patina abgezogen. Steht der erste Satz meist im Zeichen einer unwiederbringlichen schönen Zeit, so interessiert sich Barenboim für sein formales Potenzial. Schon der Anfang, gern mit mürbem Ton als vom Wind verwehtes Material gespielt, erklingt bei Barenboim eher rau und kräftig, der Einsatz des Themas in den Violinen erscheint nicht als Resultat, sondern als Kontrast. Und auf Kontraste kommt es Barenboim durchgängig an.Was die Posaunen an knatternden, die Klarinetten an röhrenden, die Oboen an klagenden Farben in die Musik schießen, geht durchaus über Mahlers Forderungen hinaus. Dadurch entsteht aber nicht das Porträt eines zerrissenen musikalischen Ichs, sondern eine wirklich zerrissene Musik. Die vielgerühmte Polyphonie wirkt bei Barenboim nicht wie mit dem Kontrapunkt-Gütesiegel versehen, sondern erzeugt eine dissonante Reibungsenergie, die den Satz in erstaunlichem Tempo vorantreibt. Schön klingt das in der Tat nicht mehr - aber wahr, weil die Wahrheit nicht als interpretatorische Veranstaltung erscheint, sondern als engagierte Darstellung des Notentextes.Und in diesem Engagement unterscheidet sich Barenboims Mahler von dem seines Freundes Pierre Boulez, der dazu neigt, der Musik jegliche Hitze zu entziehen, auch die ihrer hypertrophen Konstruktion. Dirigiert Barenboim die in der Tat hypertroph konstruierte Rondo-Burleske, droht der Klang in seiner Körperlichkeit die formalen Wände zu durchschlagen. Dies wäre der einzig mögliche Einwand, dass Barenboims großer Schub wichtige formale Momente, Höhepunkte etwa, nicht mehr schlüssig markieren kann. Dennoch, sollten die Mahler-Festtage, die die Staatsoper 2007 plant - und die an sich überflüssig sind wie ein Kropf - mehr derartige Aufführungen zeitigen, finden sie nicht umsonst statt. Bei Schumanns Klavierkonzert vor der Pause demonstrierte Radu Lupu am Flügel virtuose Totalverweigerung - einige Arpeggien waren schlicht nicht hörbar. Das gab dem Stück einen sehr depressiven Ton, der im Finale zu einem einigermaßen orientierungslosen Verlauf führte.------------------------------Barenboim dirigierte Mahlers Neunte als eine wahrhaft zerrissene Musik.
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