Berlin hat rund 3,8 Millionen Einwohner, und jeder hat seinen eigenen Blick auf die Stadt. Was macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern?
In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und nach Plätzen, die sie lieber meiden. Sie verraten, wo sie gern essen, einkaufen oder spazieren gehen. Aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.
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Diesmal hat der in Teheran geborene Autor und Essayist Behzad Karim Khani unsere Fragen beantwortet. Über seinen im August 2022 erschienenen ersten Roman „Hund, Wolf, Schakal“ sagte Kulturstaatsministerin Claudia Roth gerade auf der Leipziger Buchmesse, sie selbst komme zwar nur noch wenig zum Lesen. Ihr Highlight der vergangenen Wochen sei aber Karim Khanis Buch gewesen – wegen der faszinierenden Sprache, die er verwende.
In der Berliner Zeitung machte Behzad Karim Khani zuletzt mit einem Kommentar über die Neuköllner Silvesternacht von sich reden. Unter dem Titel „Integriert euch doch selber“ schrieb er „eine Art Pflichtverteidigung eines, zugegeben, offensiven Anwalts, in der ich nicht die Gewalt, aber zumindest die Wut der Straße einzuordnen versuchte, die der Gewalt – nicht nur der Silvesternacht – vorausging“. Sein Debattenbeitrag provozierte heftigen Widerspruch, erntete aber auch Zustimmung unter den Lesern.
1. Herr Khani, seit wann sind Sie schon in der Stadt?
Ich kam 2003. Viele, die die Neunziger hier erlebt hatten, sagten, ich sei zu spät. Sie lagen falsch.
2. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?
Die Sonnenallee im Sommer. Zwischen der goldenen und der blauen Stunde. In meinem Wagen.
3. Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?
Nicht vor die Haustür.
4. Welche Ecken der Stadt meiden Sie?
Es gibt Ecken, die interessieren mich nicht sonderlich, aber meiden würde es nicht treffen.
Zur Person
In Berlin gehörte Karim Khani Anfang der 2000er-Jahre zu den Mitbegründern der Bar 25, auf deren Gelände er auch eine Zeitlang lebte. Von 2012 bis 2022 betrieb er die Lugosi-Bar in Kreuzberg, arbeitete aber auch als Drehbuchautor, Essayist und freier Journalist.
Sein Debütroman „Hund, Wolf, Schakal“ ist 2022 bei Hanser erschienen und erzählt die Geschichte zweier Brüder, die mit ihrem Vater im Tumult der Iranischen Revolution nach Neukölln fliehen. Das Buch wurde ein Bestseller. Karim Khani war für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert und kam auf die Shortlist des aspekte-Literaturpreises. Im September 2022 erhielt er den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals.
5. Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?
Ich denke, der sollte geheim bleiben. Ein Geheimtipp gehört nicht in die Zeitung.
6. Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?
Wenn ich shoppe, dann in der Gegend Münzstraße und Hackescher Markt. Oder am Kudamm. Also nicht zwingend geheim.
7. Der beste Stadtteil Berlins ist …
Ich bin Kreuzberger aus Überzeugung. Als ich herzog, sagte ich nicht, ich ziehe nach Berlin, sondern nach Kreuzberg. Daher ist meine Antwort von fast ideologischer Einfachheit. Auch wenn mir für einen Kreuzberger Mitte etwas zu gut gefällt. Aber ich liebe auch die wilde Schwester Kreuzbergs, Neukölln.
8. Das nervt mich am meisten an der Stadt:
Berlin ist eine Großstadt. Eine Großstadt, die nicht nervt, hat etwas Prinzipielles nicht verstanden. Für mich sticht da nichts besonders Nerviges heraus.
9. Was muss sich dringend ändern, damit Berlin lebenswert bleibt?
Der Rest der Welt. Aber ich glaube, wir schaffen es auch so.
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10. Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?
Man muss hasslieben können, wenn man hier leben will. Und man sollte hier wirklich leben wollen, nicht nur erleben. Man sollte hier bleiben, bis aus Erlebnis Erfahrung wird, weil das eine Qualität ist, die Berlin besitzt und auch geben kann. Berlin wächst mit dir.
Dennoch: Das Grundrauschen der Stadt ist ein Tinnitus. Wenn man ihn mag, stimmt was nicht mit einem. Man muss ein inneres Trotzdem entwickeln können. „Trotzdem!“ ist die Grundhaltung, die wir hier alle teilen, und das macht Berlin so welthaltig und lebensnah.
11. Cooler als Berlin ist nur noch …
Berlin ist immer besonders uncool, wenn es sich cool, besonders provinziell, wenn es sich weltstädtisch geben will, aus der Geschichte gefallen, wenn es sich historisch präsentiert. Manche Dinge brauchen eine Selbstverständlichkeit und die kommt ohne Beiläufigkeit nicht aus. Anders: Was ist uncooler als die Coolness-Charts eines Berliners?
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