HEBRON. Als Dschibril Radschoub im überfüllten Hochzeitssaal von Hebron an das Mikrofon tritt, gibt es kein Halten mehr. Die Anhänger der Palästinenser-Partei Fatah jubeln dem ehemaligen Sicherheitschef der Westbank wie einem Popstar zu. Wegen seiner Direktheit mögen sie ihn. Er ist einer, der selbst im Clinch mit dem verstorbenen PLO-Chef Jassir Arafat seine Meinung sagte. 17 Jahre verbrachte er hinter israelischen Gittern. All das zusammen verschafft ihm die Aura eines Helden. Und Helden braucht man in diesem Wahlkampf. Am 25. Januar wählen die Palästinenser ein neues Parlament. Es ist ein Kampf zwischen der Fatah und der radikalen Hamas.Für Dschibril Radschoub findet dieser Kampf in der eigenen Familie statt. Sein jüngster Bruder Naif kandidiert für die Hamas, die sich offiziell "Reform und Veränderung" nennt. Radschoub, der Ältere, hat nichts dagegen. Er könnte sich sogar eine "nationale Koalition" vorstellen. "Allerdings zu unseren Bedingungen", sagt er. "Mein Gefühl sagt mir, dass wir gewinnen."Gegen die KorruptionProminente Vorzeigekandidaten, die wie Radschoub fest an einen Sieg glauben, sind für die Fatah in diesen ungewissen Tagen von unschätzbarem Wert. Befindet sich doch die PLO-Mehrheitsfraktion in der größten politischen Krise ihrer mehr als vierzigjährigen Geschichte. Erstmals ist ihr Führungsanspruch ernsthaft in Frage gestellt. Die populären Islamisten von der Hamas könnten der Befreiungsbewegung den Rang ablaufen. Es geht dabei nicht nur um religiöse Fragen oder politische Ideologien. Entscheidend wird sein, wer näher am Volk ist. Wem die Leute zutrauen, die Korruption zu bekämpfen, wer die anarchischen Verhältnisse in Gaza und Westbank zu ordnen verspricht. Wem mehr zugetraut wird im Kampf gegen die Besatzung.Viele Palästinenser sind in diesen Fragen gespalten. Der Radschoub-Clan ist es erst recht. Kürzlich, während einer Familienfeier anlässlich des moslemischen Opferfestes Eid al-Adha, sollen die beiden Brüder sich gegenseitig vorgeschlagen haben, auf die eigene Kandidatur zu verzichten, wenn dem anderen damit geholfen wäre. Aber das war nur ein Spaß.Bei der Aufstellung der Kandidaten hat die Hamas darauf geachtet, die Listen mit Honoratioren aus dem öffentlichen Leben zu durchmischen. Spitzenkandidat in Hebron ist ein Universitätsdozent, der Stadtplaner Asis Dueik. Im großen Versammlungsraum im Rathaus hat Dueik gerade vor einem ziemlich gesetzten Publikum gesprochen. Es sind fast nur Männer da. Anders als bei der revolutionsverliebten Fatah geht es hier so diszipliniert zu wie auf einem CDU-Parteitag. "Nein zur Korruption", "Islam ist die Lösung", lauten die Parolen. Asis Dueik erklär, die jetzige Autonomieregierung habe abgewirtschaftet und Chaos angerichtet. Die Situation von Präsident Mahmoud Abbas nennt er "beinahe noch elender als die des palästinensischen Volkes".Dass heutzutage Ausländer in Gaza Gefahr laufen, gekidnappt zu werden, missbilligt er im Namen der Hamas scharf. Verantwortlich dafür seien die Gang-Chefs. Nach den Wahlen sollen die neuen Mehrheitsverhältnisse dafür sorgen, dass "die Unruhestifter per Gesetz erledigt werden". Diese Ansicht teilt auch Dschibril Radschoub. Zum Bürgerkrieg aber, das betont der Hamas-Kandidat Dueik, dürfe es niemals kommen. Darüber hinaus sei die Hamas "natürlich bereit, über das Ende der schmutzigen israelischen Besatzung zu verhandeln". Die Waffen wollen die Islamisten jedoch nicht hergeben, solange die Besatzung andauert. Nur, sagt Dueik listig, Widerstand könne schließlich vieles bedeuten, Parlamentsarbeit genauso wie bewaffneten Kampf. "Uns geht es nicht um die Zerstörung Israels", sagt er. Das sind neue Töne aus dem moderaten Hamas-Flügel. Die Hardliner aber machen ungeachtet weiter. Nicht umsonst kandidiert auf der nationalen Hamas-Liste auch die Mutter eines Selbstmordattentäters aus Gaza. Dennoch dämmert einigen Israelis bereits, dass womöglich an Verhandlungen mit der Hamas auf Dauer kein Vorbeikommen sein wird. "Das Osloer Abkommen ist ja mit daran gescheitert, dass das islamistische Lager außen vor blieb", sagt Schalom Harari vom Internationalen Anti-Terror-Institut in Herzliya. "Gespräche mit der Hamas werden hart werden, aber es ist besser, sie sind mit dabei."
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