Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder treffen sich heute in Hamburg. Die Strategische Partnerschaft zwischen Russland und Deutschland wird Thema des Gipfels sein. Deren Kernstück ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit, vor allem im Energiesektor. Bemerkenswert an diesem vorweihnachtlichen Gipfel ist, dass beide Staatsmänner offenbar übereingekommen sind, die Wirtschaftsnachricht des Tages nicht behandeln zu wollen: Die Zerschlagung von Yukos, eins der drei größten Energieunternehmen Russlands. Yukos, dessen durchaus bemerkenswertes Ende am Tag zuvor besiegelt wurde, wird nach Angaben von Regierungssprecher Bela Anda kein Thema der Unterredungen sein.Die Verschwiegenheit Putins und Schröders ist erklärlich. Zum einen ist die seit eineinhalb Jahren von der russischen Führung betriebene Zerschlagung des Yukos-Konzerns rechtlich mehr als fragwürdig. Sie ist - nach übereinstimmender Ansicht von Beobachtern - eine staatlich initiierte Enteignung. Der Europarat stellte inzwischen fest, dass der Prozess gegen das Unternehmen die Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit verletzt. "Gegen keinen anderen russischen Konzern wurde oder wird in vergleichbarer Weise vorgegangen", heißt es in dem einschlägigen Bericht, der einen "Fall selektiven und willkürlichen Vorgehens" konstatiert, der "das Recht auf Gleichbehandlung vor dem Gesetz verletzt". Dies erklärt das Schweigen des russischen Präsidenten, der noch im Sommer wissen ließ, die russische Führung habe kein Interesse an der Zerschlagung des Unternehmens.Bundeskanzler Schröder dagegen schweigt zu dem Profit, den die deutsche Industrie aus der Ausschlachtung des Konzerns zu ziehen hofft. Der russische Erdgasmonopolist Gasprom ist ein strategischer Partner der deutschen Wirtschaft. Der deutsche Energiekonzern Eon ist über seine Tochter Ruhrgas an Gasprom beteiligt, die BASF-Tochter Wintershall wiederum ist ein enger Geschäftspartner von Gasprom. Und auch die Deutsche Bank verspricht sich einen finanziellen Zugang zu Gasprom. So soll das Geldinstitut ein Strategiepapier für den Konzern entworfen haben, das Gasprom rät, die Yukos-Tochter zu übernehmen. Dass Gasprom bei der Versteigerung des wichtigsten Förderunternehmens von Yukos am Sonntag überraschend den Kürzeren zog, schmälert nicht die Profitaussichten der deutschen Industrie. Denn möglicherweise lief am Sonntag vor den erstaunten Augen der Weltöffentlichkeit nur ein relativ simpel inszeniertes Theaterstück ab. War doch schon im Vorfeld der Auktion die Rede von Strohmannfirmen, die nur als Staffage gegen Gasprom bieten sollten, um den Schein eines korrekten Verkaufsvorgangs zu wahren. Dass eine dieser vermuteten Strohfirmen nun den Topfavoriten Gasprom ausbootete, mag mit der Entscheidung eines Konkursgerichtes in den Vereinigten Staaten zusammenhängen. Das Gericht, vor dem der Yukos-Konzern Gläubigerschutz beantragte, hatte vergangene Woche eine einstweilige Verfügung gegen die Versteigerung von Yuganskneftegas verhängt. Da die Entscheidung für die russische Justiz zwar nicht bindend war, den Kreditgebern des Käufers aber Sanktionen androhte, könnte Gasprom, das eine Vielzahl internationaler Interessen - auch in den USA - verfolgt, in letzter Sekunde davor zurückgeschreckt sein, offiziell als Käufer aufzutreten.Substanzielle Äußerungen Putins oder Schröders zum Überraschungscoup vom Sonntag sind am heutigen Tag in Hamburg nicht zu erwarten. Denn dass man die ebenso verschwiegenen wie gedeihlichen Zusammenarbeit der russischen und deutschen Wirtschaft zum Nachteil des Yukos-Konzerns ausspart, ist Ehrensache unter lupenreinen Demokraten.
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