Die Wunden sind tief. Sie manifestieren sich in Schuttwüsten, in nackten Häuserrücken, in explosionsverkohlten Mauern und halbzerbombten Gebäuden: Kriegswunden in Ost-Berlin, die nur langsam heilen. In den Fünfziger Jahren dokumentierte ein unbekannter Fotograf im Auftrag des Magistrats die Straßen und Plätze der Stadt - als Bestandsaufnahme, nicht als Kunst.Der Berliner Fotograf Arwed Messmer grub diese Aufnahmen aus dem Archiv der Berlinischen Galerie aus, montierte sie digital zu weiten Panoramabildern und schuf aus dem alten Material neue, künstlerische Bildwelten. Das Ost-Berlin der Wiederaufbaujahre erscheint wie eine Bühne, auf der ein Spiel gegeben wird mit Nähe und Ferne, mit Ausschnitt und Wiederholung, mit Erinnerung und Neubeginn.Messmers in der Berlinischen Galerie gezeigte Arbeit "So weit kein Auge reicht" entspricht in ihrem Ausgraben und Neu-Zusammenfügen ganz dem Motto des nunmehr dritten "Europäischen Monat der Fotografie": "Noch nie gesehen". 120 Galerien, Museen und Institutionen zeigen in mehr als 130 Ausstellungen Fotografien und Sammlungen, die bislang noch nie - zumindest aber so nicht in Berlin - zu betrachten waren. Neben der Berlinischen Galerie gibt es in diesem Jahr ein neues Zentrum der Veranstaltung in den Weddinger Uferhallen, die vom 8. November an fünf Ausstellungen zeigen.Thematisch gibt es keine Vorgaben beim Fotografiemonat, die Palette reicht von Fotos einer Studienreise von Walter Gropius im Bauhaus-Archiv über Magnum-Aufnahmen der Familie Kennedy im gleichnamigen Museum bis zu Pflanzenbildern aus dem Mikrokosmos des Botanischen Gartens in Dahlem. Auch zeitlich ist der Bogen weit gespannt, von Aufnahmen der Pyramiden aus dem 19. Jahrhundert bis zu zeitgenössischer Videokunst in der ebenfalls in der Berlinischen Galerie gezeigten Ausstellung "Mutations II - Moving Stills". Sie wurde gemeinsam kuratiert von den europäischen Hauptstädten Paris, Wien, Bratislava, Luxemburg, die am "Monat der Fotografie" beteiligt sind .Im Grenzbereich von Fotografie und bewegtem Bild schlafwandelt etwa die russische Künstlerin Olga Chernysheva. Wie in einem Kabinett zeigt die Ausstellung auf kleinsten Bildschirmen ihre mit der Handkamera aufgenommenen nächtlichen Einblicke durch die Fenster eines Moskauer Wohnblocks. Die 2007 entstandene Serie "Windows" entführt den Betrachter so zurück in die Kommunalkas der Sowjetzeit. In dem kleinen Ausschnitt wird das Fenster zur Bühne, in die trocknende Wäsche hineinragt, auf der Männer trinken, Einsame fernsehen, Jugendliche tanzen. Sie sind Darsteller des Alltags und Dokument einer Zeit zugleich.Besondere Zeitdokumente liefert auch die dritte Ausstellung in der Berlinischen Galerie, nach der Schau über die Berliner Fotografin Frieda Riess zeigt sie eine weitere historische Wiederentdeckung aus der Zeit der Weimarer Republik: den Porträtisten der Berliner Kunstszene und Tanzfotografen Hans Robertson. In Aufnahmen großer Eleganz hielt Robertson den nackten Muskelkörper Max Schmelings fest, die fließenden Bewegungen der Tänzerin Mila Cyrul, die ernsten Gesichter von Heinrich Mann, Käthe Kollwitz, Gustav Stresemann. Dank der dänischen Botschaft erfuhr Kurator Thomas Friedrich zufällig von den Fotografien, die in der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen lagerten. Der Jude Robertson war vor den Nazis nach Dänemark geflohen, nun wird er erstmals in Berlin ausgestellt. Auch eine Retrospektive ist in der Stadt geplant, aus der er einst fliehen musste. So fügt sich langsam alles, und heilt.------------------------------3. Europäischer Monat der Fotografie: Vom 1. bis 30. November. Der Katalog kostet sechs Euro. Programm und Info unter www.mdf-berlin.de------------------------------Foto: Aus Einzelaufnahmen vom April 1951 montierte der Fotograf Arwed Messmer ein Panoramabild vom Marx-Engels-Platz, wie der Schlossplatz damals hieß.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]