BERLIN. Beim Stichwort Champions League wurde Lucien Favre hellhörig. Wohlgefällig hob der Trainer von Hertha BSC nach dem 1:2 gegen Werder Bremen zu einer Antwort auf die Frage an, wie denn nun die Chancen bestellt seien, einen Platz in der europäischen Königsklasse zu ergattern. Erst aufbrandendes Gelächter im Pressekonferenzraum ließ ihn erkennen, dass die Frage an seinen Kollegen Thomas Schaaf gerichtet war. Tapfer fuhr der Schweizer dennoch in seinen Ausführungen fort und erntete für seine positive Einschätzung der Bremer Perspektiven Lob von Schaaf: "Das war eine gute Antwort."Die kleine Episode verdeutlichte, wie weit die beiden Teams, die sich vor fast 60 000 Besuchern im Berliner Olympiastadion eine über weite Strecken bescheidene Partie lieferten, voneinander entfernt sind. Hertha ist den Champions-League-Plätzen so fern wie Werder der Abstiegsregion, die jetzt langsam wieder ins Blickfeld der Berliner rückt. "Wir müssen immer nach unten schauen", sagte Kapitän Arne Friedrich, sah aber nach der dritten Niederlage in Serie verschärften Handlungsbedarf: "Wir müssen schnell wieder punkten, damit wir mit unten nichts mehr zu tun haben."Manager Dieter Hoeneß dürften mehr als die Niederlage seiner Mannschaft die Siege von Bielefeld, Cottbus und Nürnberg beunruhigt haben. "Nach menschlichem Ermessen", hatte er vor der Partie gegen Bremen gesagt, habe Hertha mit dem Abstieg nichts zu tun, da 35 Punkte in dieser Saison vermutlich zum Klassenerhalt reichen würden. Diese Rechnung funktioniert aber nur, wenn die Teams aus dem tiefsten Keller nicht plötzlich kollektiv Siegesserien wie Cottbus hinlegen, das drei seiner letzten vier Spiele gewonnen hat. Außerdem müssten bei schwierigem Restprogramm irgendwo noch die drei fehlenden Punkte bis zur 35er-Marke geholt werden. "Wir müssen das besser machen gegen Bochum", blickte Favre voraus auf das Auswärtsspiel am kommenden Sonnabend.Das Polster der positiven Phase zu Beginn der Rückrunde ist langsam aufgezehrt, und die Verletzungen von wichtigen Spielern wie Marko Pantelic, Steve von Bergen oder Raffael, der gegen Werder mit einer Zerrung ausgewechselt wurde, stellen eine deutliche Schwächung dar. Die durch den Verkauf von Malik Fathi und die Verletzung von Bergens entstandene Schwächung der linken Seite wirkte sich am Sonnabend schon nach 39 Sekunden aus. Ungestört konnte Clemens Fritz flanken, und ebenso ungestört vollendete Markus Rosenberg zum 1:0.Danach folgte die beste Phase der Berliner, die sofort auf den Ausgleich drängten. Erst scheiterte Raffael nach schönem Solo an Werder-Keeper Tim Wiese, doch schon in der 10. Minute köpfte André Lima einen Skacel-Freistoß zum 1:1 ins Netz. Ansonsten drückte sich der in der Tabelle sichtbare Unterschied zwischen beiden Teams an diesem Sonnabend lediglich im Ergebnis aus. Weit entfernt von ihrem Zuckerfußball aus besseren Tagen, gewannen die Bremer nur, weil sie ihre Chancen besser nutzten. "Spielerisch war das nicht das, was wir selbst von uns erwarten", sagte Fritz, während der starke Torsten Frings die Werder-Befindlichkeit in einem verbalen Dreierpack bündelte: "Wichtig ist, dass wir wieder gegenhalten können, dass dieser Sieg erkämpft wurde und dass wir einen Schritt nach vorne gemacht haben."Es waren die simpelsten Mittel des Fußballs, die eine spielerisch ärmliche Partie am Ende prägten. Erst traf Lima in der 70. Minute mit einem 30-Meter-Schuss über den schlecht postierten Wiese hinweg das Lattenkreuz, und Okoronkwo verfehlte beim Nachschuss kläglich das verwaiste Tor. Dann fand Frings in der 72. Minute mit einem 50-Meter-Pass den plötzlich freistehenden Tim Borowski, dessen Ballannahme und Abschluss zum 2:1 allerdings von lehrbuchhafter Perfektion waren. "Dass er das kann, hat er oft bewiesen", kommentierte Schaaf den genialen Moment des in Bremen zuletzt geschmähten Bayern-Abwanderers, "wichtig war, dass er wieder vorne reingegangen ist."Dieter Hoeneß hingegen wirkte verbittert: "Das war nicht mal ein Konter, wir waren in Überzahl. So ein Tor dürfen wir niemals bekommen", schimpfte der Hertha-Manager. Die zwei Minuten, die über Wohl und Wehe in dieser Partie entschieden, offenbarten komprimiert das momentane Dilemma der Hertha. Die eigene ungenügende Chancenverwertung paart sich neuerdings wieder mit haarsträubenden Fehlern in der Abwehr. Sicher ist: Es wartet noch viel Arbeit auf Lucien Favre, bis er das magische Wort Champions League auch mal in eigener Sache in den Mund nehmen kann.------------------------------"Nach dem 1:1 hatten wir Angst weiterzuspielen. Ich weiß nicht, warum." Lucien Favre------------------------------Foto: Kniefall nach 39 Sekunden: Bremens Torschütze Rosenberg jubelt, Herthas Keeper Drobny ist fassungslos.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]