Beim FC Bayern schwindet trotz des 5:0 in Lissabon die Autorität des Trainers Jürgen Klinsmann

Lauf gegen die Wand

Michael Neudecker
4 Min

MÜNCHEN. Von Uli Hoeneß sagt man, er sei selbst der größte Fan des FC Bayern, er trägt ja auch gerne Fanartikel. Am Mittwochabend in Lissabon trug der Manager Uli Hoeneß einen rot-weiß gestreiften Schal, lustig sah diese Kombination aus, Fanschal auf Managerhemd, und dann sagte er: "Heute hat alles gepasst." Sein FCB hatte bei Sporting Lissabon 5:0 gewonnen und sich quasi schon vor dem Rückspiel für das Viertelfinale der Champions League qualifiziert, Hoeneß lächelte - aber das Lächeln hielt nicht lange. Man habe ja auch Glück gehabt, sagte Hoeneß dann, und man dürfe jetzt nicht euphorisch werden. Erleichterung klingt anders.Fünf Tore in der Champions League, der höchste Sieg in diesem Wettbewerb in der Klubgeschichte, ein "historischer Abend" (Rummenigge) - und doch ist beim FC Bayern noch immer dieser Druck spürbar, diese Last, diese Angst. "Wir können mit etwas weniger Nervenflattern nach Bremen fahren", sagte Hoeneß. Er hätte auch sagen können: beruhigt, vielleicht sogar: befreit; auch, wenn der Sieg natürlich "ungerecht hoch" ausfiel, wie Sportings Trainer Paulo Bento korrekt anmerkte. Aber es ist zu viel passiert in den letzten Wochen, die Anspannung war vor jenem Mittwoch so groß, dass sie sich nicht von fünf Toren wegschießen ließ. "Dieser Sieg ist nur dann eine tolle Sache, wenn wir am Sonntag in Bremen nachlegen", sagte Hoeneß.Es geht beim FC Bayern nicht mehr nur um ein Spiel, ein 5:0. Es geht um die Gesamtsituation. Die Gesamtsituation ist bemerkenswert, legt man das zugrunde, was passierte, als am Mittwoch das Nachspiel begann, in der Mixed Zone des José-Alvalade-Stadions. Es war nicht weniger zu beobachten als die subtile Andeutung einer Revolution."Wir haben gemeinsam entschieden, dass wir defensiver spielen", sagte etwa Mark van Bommel. Gemeinsam? Nicht nur der Trainer? "Gemeinsam", wiederholte der in der Mannschaft hoch geachtete Niederländer. Philipp Lahm fügte an, er gehe davon aus, "dass wir jetzt immer defensiver spielen werden", er klang wie der Trainer selbst. Und dann kam Daniel van Buyten.Klinsmann habe ihm in den Tagen vor der Partie versichert, er werde spielen, erzählte van Buyten, in der letzten Besprechung habe der Trainer aber dann Martin Demichelis vorgezogen, ohne Begründung. "Es ist, als würde ich gegen eine Wand laufen", sagte van Buyten, "natürlich ist der Trainer der Chef, aber es wird immer schwieriger für mich. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich das noch durchhalte." Van Buyten sprach ruhig, aber ernst und kritisch, was erstaunlich war in diesem Moment, nach diesem Sieg. Umso überraschender war Klinsmanns Reaktion: "Natürlich ist der Daniel enttäuscht", sagte er, "aber wie er mit der Situation umgeht, das ist erstklassig."Es ist nicht einfach für Jürgen Klinsmann: Er wurde schon einmal von Uli Hoeneß in Sachen Aufstellung und Taktik zurechtgewiesen, in der Hinrunde ordnete der Manager mitten in Klinsmanns Reformspielereien hinein eine Rückkehr zum 4-4-2-System an. Und nun muss Klinsmann feststellen, dass die Mannschaft die Dinge selbst in die Hand nimmt. Dass er vollends die Kontrolle zu verlieren droht. Dabei mag der Trainer Klinsmann sportlich gesehen solche Momente: solche Alles-oder-nichts-Spiele. Es ist jetzt wieder ein bisschen WM für ihn, er kann das machen, was er am liebsten tut: den Fokus nur auf dieses eine nächste Endspiel legen, Sonntag in Bremen, Mittwoch in Leverkusen, die Spieler heiß machen. Der Trainer Klinsmann funktioniert so.Aber die Endspiele sind am Mittwoch vorbei, vermutlich, und dann ist wieder Alltag an der Säbener Straße. Die Spieler wissen das. Ihr Respekt vor der Kompetenz des Trainers, so ist zu hören, soll auf einem bedrohlichen Tiefpunkt angelangt sein. "Wir müssen uns auf das besinnen, was auf uns zukommt", hat Klinsmann nach der Rückkehr nach München gesagt. Was genau auf ihn zukommt, das ist die spannendste Frage, die der FC Bayern und sein Trainer aus Lissabon mitgenommen haben.------------------------------"Keine Ahnung, wie lange ich das noch durchhalte." Daniel van Buyten------------------------------Foto: Noch lacht er: Jürgen Klinsmann (l.), Trainer des FC Bayern, der in der Mannschaft nicht übermäßig geschätzt wird.

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