Halb Berlin war angereist, überhaupt das Kulturvolk aus allen Winkeln der Republik. Wolfgang Wagner war grinsend vom Grünen Hügel herabgestiegen, und sogar Werner Tübke hatte mit etwas mürrischer Miene sein Leipziger Atelier im Stich gelassen. Das Heer der Kunstbeamten war anwesend und beinahe vollständig die Parade der wohl bekannten Satrapen von Joachim Sartorius bis Adrienne Göhler, von Kasper König bis Linda Reisch. Sie alle witterten Morgenluft, sprich: neues Geld, das Hortensia Völckers, die künstlerische Intendantin der Bundeskulturstiftung, und ihr Verwaltungsleiter Alexander Farenholtz zu verteilen haben. 38,3 Millionen (ab 2004) sind kein Pappenstiel, da sollte man sich zeigen.Allein Günter Grass, dem Festredner bei der Gründungszeremonie in den Franckeschen Stiftungen zu Halle, ging es überhaupt nicht ums Geld. Er war sichtlich befriedigt, dass seine Idee einer nationalen Kulturstiftung, die er einst Willy Brandt in die Regierungserklärung von 1973 geflüstert hatte, nun Vollendung gefunden habe. Zudem beglückwünschte er die Politiker, dass sie "mit Bedacht" einen so treffenden Ort für die Stiftung ausgesucht hätten. Dabei wusste jeder im Saal, dass auch die Franckeschen Stiftungen sein eigener Vorschlag waren, den Bundeskanzler Schröder in föderalem Populismus allzu rasch aufgriff. Nun muss die weltläufige, international vernetzte Stiftungsmannschaft schauen, wie sie weitab von allen Kunstzentren zurechtkommt. Indes freute sich Reinhard Höppner, der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, wie ein Schneekönig über die Neuansiedlung in seinem Land; das versöhnte etwas mit der Anfahrt im Bummelzug.Günter Grass entwickelte in seine Festrede seine eigene Vorstellung von der "Nationalstiftung", wie er sie notorisch nannte - obwohl es vorerst noch eine Bundesstiftung ohne Beteiligung der Länder ist. Grass sprach vom Unvermögen der Deutschen, sich als Nation zu begreifen, ohne sich dem Chauvinismus hinzugeben: "Wir finden das Maß nicht." Dabei habe die deutsche Kulturgeschichte genügend Substanz, um den Begriff der Nation vor Missbrauch zu schützen. Grass verwies auf die verlorenen Provinzen im Osten, deren Kulturüberlieferung man nicht den Landsmannschaften und Vertriebenenverbänden überlassen dürfe. Er erinnerte an die Königsberger Aufklärung und die schlesische Barockdichtung, auch an die einst "literaturfähigen" Sprachdialekte in Ostpreußen, Schlesien und Pommern. Dies alles dürfe die Kulturnation nicht aus ihrem Erbe tilgen, sondern müsse es pflegen und erforschen. Und die Nationalstiftung sei der rechte Ort dafür. Dann wiederholte Grass seine schon im vergangenen Jahr geäußerte Vision von einem deutsch-polnischen Beutekunstmuseum. Am liebsten möchte er es im "großen Bogen" über der Oder als völkerverbindendes Monument errichtet sehen: "Ich sehe das Bauwerk vor mir."Frau Völckers, die auf allen Bühnen der Gegenwartskunst zu Hause ist und erklärtermaßen vor allem die zarten Pflänzchen des Experimentellen gießen will, wird sich dazu ihre eigenen Gedanken gemacht haben. Kulturstaatsminister Nida-Rümelin dankte höflich für die Vorschläge des Nobelpreisträgers; sie seien sicher nicht alle (also: gar keiner) in der Bundeskulturstiftung am ganz richtigen Ort. Bei allem Respekt: Die Nationalstiftung, von der Grass seit dreißig Jahren träumt, ist in Halle gewiss nicht erstanden.
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