ALEXANDRIA, im Oktober. "Schöne Grüße von Tante Klara. Es ist schön, daß ich von Junior das kleine Buch so schnell und in so gutem Zustand erhalten habe." Am 17. Februar 1988 kabelte die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin diesen rätselhaften Funkspruch an die Washingtoner DDR-Botschaft. Die amerikanische Lauschbehörde National Security Agency (NSA) schnitt den Funkspruch mit und legte ihn ins Archiv für alle Fälle.Tatsächlich kommen Tante Klaras Grüße aus Ost-Berlin jetzt noch einmal zu Ehren. Seit vergangener Woche dienen sie und weitere abgehörte Funksprüche in einem Prozeß vor dem Distriktgericht von Alexandria (US-Bundesstaat Virginia) als Beleg für die Spionagetätigkeit von zwei mutmaßlichen Stasi-Agenten, der 40jährigen Theresa Squillacote und ihrem 43jährigen Ehemann Kurt Alan Stand. Den Eltern von zwei Kindern droht bei einem Schuldspruch eine lebenslange Freiheitsstrafe.Dünne BeweislageDas Ehepaar war im Oktober vergangenen Jahres bei Washington festgenommen worden. Die Anklage wirft ihnen vor, seit den 70er Jahren unter den Decknamen "Resi" beziehungsweise "Junior" für die Stasi-Hauptverwaltung A (HVA) in den USA spioniert zu haben. Ob die Funksprüche aber ausreichen, den beiden Angeklagten Verschwörung und Spionage zugunsten des Ostblocks nachzuweisen, zweifeln selbst die mit dem Fall befaßten FBI-Beamten an. Einer von ihnen räumte am zweiten Verhandlungstag ein, man habe keine Beweise dafür gefunden, daß die Angeklagten jemals "Geheim" oder "Vertraulich" eingestufte Materialien an den DDR-Geheimdienst weitergegeben haben. Allerdings haben nach Überzeugung des FBI beide Angeklagte auch nach dem Zusammenbruch der DDR ihre Agententätigkeit fortgesetzt. Gemeinsam mit ihrem früheren Ostberliner Führungsoffizier von der Stasi sollen sie nach 1990 zunächst dem KGB ihre Dienste angeboten haben. Als dieser Plan fehlschlug, bot sich Theresa Squillacote in einem Brief dem südafrikanischen Geheimdienst an. Zu diesem Zeitpunkt aber überwachte das FBI bereits die Ex-Stasi-Agenten. Durch HVA-Unterlagen, die die Bundespolizei von der CIA erhalten hatte, waren die Beamten auf das Agentenpaar gestoßen. Ein FBI-Beamter nahm, getarnt als angeblicher südafrikanischer Geheimdienstler, Kontakt zu Theresa Squillacote auf. Bei einem ihrer Treffs übergab ihm die Frau Geheimpapiere aus dem Pentagon und der CIA.Bis zu diesem Zeitpunkt habe man noch keine Beweise dafür gehabt, daß die beiden Angeklagten jemals geheime Dokumente weitergegeben haben, räumte der FBI-Beamte Douglas S. Gregory vor Gericht ein. Für den Verteidiger von Theresa Squillacote, Lawrence Robbins, steht damit aber fest, daß die Bundespolizei seiner Mandantin eine Falle gestellt und sie zur Übergabe der Geheimpapiere angestiftet habe, um sie und ihren Mann wegen Spionage anklagen zu können. Laut Robbins hätten die beiden Angeklagten zwar eine jahrelange Verbindung zu einem Stasi-Offizier unterhalten; gegen die USA aber hätten sie nicht spioniert. Den Gegenbeweis will die Anklage mit Hilfe eines Freundes der beiden Angeklagten, James Michael Clark, antreten. Der 50jährige Privatdetektiv aus Fairfax, Virginia, war 1997 zusammen mit dem Ehepaar festgenommen worden. Er hatte im Juni dieses Jahres in einem gerichtlichen Vorverfahren seine Spionagetätigkeit für die Stasi gestanden. Gegenüber der Staatsanwaltschaft hat sich Clark bereit erklärt, als Zeuge im Prozeß gegen Stand und Squillacote auszusagen. Clarks Verfahren ist daraufhin abgetrennt worden. Ein Urteil gegen ihn wird Anfang November erwartet.
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