Für Journalisten ist es der Albtraum, so viel kann ich Ihnen versichern: dass es bei einem Interview Probleme mit dem Aufnahmegerät gibt. Sowieso sind Interviews oft ein Balanceakt. Man möchte als Journalist für die Leser möglichst viel herausholen, möchte, dass die Interviewpartner etwas Erhellendes, etwas Überraschendes, ja, vielleicht sogar etwas Spektakuläres zum Ausdruck bringen, das man (von ihnen) nicht schon dutzendfach woanders gehört oder gelesen hat. Am besten möglichst pointiert und idealerweise auch noch unterhaltsam.
Der Ich-Erzähler hat die Arschkarte gezogen
Doch wie gelangt man zu solchen Antworten? Manchmal, indem man hart nachhakt, dazwischengeht, ins Wort fällt; manchmal aber auch gerade, indem man die Interviewpartner weit ausholen, auch mal von der eigentlichen Frage abschweifen lässt. Die Kunst besteht darin, während des Sprechens und Zuhörens fein abzuwägen, wann die eine, wann die andere Taktik vonnöten ist.
Was man jedenfalls bei alledem so gar nicht gebrauchen kann, ist, dass die Technik Ärger macht. Dass das Aufnahmegerät spinnt. Dass der Handy-Akku zur Neige geht. Dass man die Tonaufnahme durch einen falschen Klick komplett löscht. Horror!
Cover von Ben Lerners „Transkription“
© Suhrkamp Verlag
So gesehen hat der Ich-Erzähler in Ben Lerners Roman „Transkription“ nun wirklich die Arschkarte gezogen: Kurz bevor er Thomas, seinen 90-jährigen einstigen Mentor, interviewen soll, fällt ihm das iPhone ins Klo. Das führt zu einem spontan nicht reparablen Schaden, zumal der Apple-Store geschlossen ist.
Was tut der Ich-Erzähler also, dem das Malheur unsagbar peinlich ist? Er versucht, den Technik-Trubel zu vertuschen – indem er Thomas gegenüber (einem altehrwürdigen Autorenfilmer, der übrigens stark angelehnt ist an den real existierenden Alexander Kluge) verschweigt, dass es Probleme mit dem Aufnahme-Smartphone gibt. Doch der scheint momentweise etwas zu ahnen.
Seine letzte große Botschaft an die Welt
Der Ich-Erzähler (45 Jahre alt, Familienvater) versucht, Thomas zu überreden, das eigentliche Gespräch auf morgen zu verschieben, heute nur ein bisschen Vorgeplänkel zu betreiben. Doch Thomas insistiert: Er möchte heute und nur heute reden.
Von entscheidender Bedeutung ist zudem: Aufgrund des hohen Alters von Thomas dürfte das Gespräch das letzte ausführliche Interview seines Lebens werden. Das ist sowohl dem Interviewer als auch dem Interviewten sehr bewusst. Es geht also um nicht weniger als ein intellektuelles Vermächtnis. Eine letzte große Botschaft an die Welt.
Da der Ich-Erzähler final nichts „auf Band“ hat, beschließt er, das riesige Interview für die Zeitschrift aus der Erinnerung heraus zu rekonstruieren. Als das (auf Thomas’ Beerdigung) ans Licht kommt, wirft man ihm einen „Deep-Fake“ vor. Doch bald erfahren wir, dass noch ein zweites Interview geführt wurde ...
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Ben Lerners Plot-Prämisse in „Transkription“ ist schon mal schwer zu toppen. Ausgehend davon erzählt er gewitzt, aber auch verstörend von unserer verrückten Gegenwart, in der sich Digitalweltgeräte zwischen uns Menschen schieben, soweit wir sie denn lassen. Was ist da noch wahrhaftiges Transkript und was ist Abklatsch unseres sogenannten echten Lebens?
In seinem schmalen Pageturner kommt Lerner ausgehend vom Fake-Interview mit dem (pseudo-)intellektuellen Regiemaestro sogar auf Pandemie-Lockdowns und den richtigen Umgang mit einer mager- und tabletsüchtigen Tochter zu sprechen. „Transkription“ lässt einen zumindest für seine 160 Seiten ganz vergessen, aufs Handy zu gucken.
Das beste uns zur Verfügung stehende Aufnahmegerät für das wahre Leben, so lehrt uns Ben Lerner, ist am Ende womöglich doch der Mensch selbst – mit all seinen Erinnerungslücken, Verzerrungen und Fiktionen.
Ben Lerner: Transkription. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Suhrkamp, Berlin 2026. 160 Seiten, 24 Euro
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