Zwanzig Bilder, nicht gemalt, sondern gestickt. Mit Nadel und Faden. Sie zeigen Monogramme, ein Frauenporträt, einen Farbkreis, der nicht für die Farbenlehre, sondern den weiblichen Zyklus steht. Die Bilder erzählen von Umbrüchen, Krisen und dem wiederholten Aufstehen. Es ist keine nüchterne Chronik, die die Textilkünstlerin Lisa Reichmann hier gestickt hat, sondern eine Annäherung an einen Lebenslauf, die sie selbst „poetisch“ nennt.
Der Lebenslauf gehört jedoch nicht ihr. Zwischen der Frau, der sie diese „Lebensbilder“ widmet, und ihr liegen rund 90 Jahre – und doch kreuzen sich ihre Lebenswege an der Burg Giebichenstein in Halle. Bei der Frau handelt es sich um eine der einflussreichsten Textilkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts: Benita Koch-Otte. Sie lernte und arbeitete am Bauhaus in Weimar und prägte von 1925 bis 1933 die Textilausbildung an der Burg – bis die Nationalsozialisten sie aus dem Amt drängten.
Antwort auf eine Vergessene
Lisa Reichmanns „Lebensbilder“ sind Teil der Ausstellung „Meine liebste Otte“, die derzeit in Halle zu sehen ist. Sie ist einer Frau gewidmet, die lange im Schatten stand – bekannter Bauhaus-Kolleginnen, aber auch ihrer eigenen Bescheidenheit. Eine klassische Retrospektive will die Schau nicht sein. Die Kunststiftung Sachsen-Anhalt, die die Ausstellung verantwortet, sei kein Museum, sondern fördere zeitgenössische Kunst, erklärt Kurator Björn Hermann. Deshalb stellt sie die wenigen erhaltenen Originalwerke den Antworten heutiger Künstler gegenüber. Es gehe um eine Figur „aus der zweiten Reihe“, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Anlass sind zwei Jubiläen – Koch-Ottes 50. Todestag und 100 Jahre Bauhaus Dessau.
Benita Koch-Otte kam 1920 nicht als junge Suchende ans Bauhaus. Sie entschied sich bewusst für einen Bruch. Über fünf Jahre arbeitete sie als Turn- und Handarbeitslehrerin, ehe sie mit 28 Jahren nach Weimar ging. Für Reichmann ist das bis heute das Erstaunlichste an ihr: „Wenn man einmal erlebt hat, wie das ist, regelmäßig Geld zu verdienen und dann zu sagen: Ich lasse das hinter mir und will noch mal neu anfangen.“
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Vieles brachte sie sich selbst bei – gemeinsam mit Gunta Stölzl, die ihre engste Freundin werden sollte. Die beiden fuhren zum Färben eigens nach Krefeld, bildeten sich fort und experimentierten. Eigentlich wollte sie mit ihrer Freundin nach Dessau gehen. Doch 1925 übernahm sie die Leitung der Textilwerkstatt an der Burg Giebichenstein.
Es folgten produktive Jahre. Benita musste zugleich ausbilden und produzieren, leitete eine Handweberei, deren Stoffe auf der Leipziger Grassi-Messe verkauft wurden. Parallel entstanden ihre Teppiche als eigenständiges künstlerisches Werk. Doch 1933 drängten die nationalsozialistisch dominierten städtischen Körperschaften sie und weitere Burg-Angestellte aus dem Amt. Als ehemalige Bauhäuslerin galt ihre Kunst nun als „entartet“.
Flucht, Verlust und Rückkehr
Es folgte ein Sturz ins Nichts. Benita Koch-Otte wollte weg, um jeden Preis. Sie gab ihre deutsche Staatsbürgerschaft auf und ging mit ihrem Mann, dem Fotografen Heinrich Koch, ins Exil nach Prag. Dort wollte das Paar gemeinsam etwas aufbauen – doch nur ein Jahr später verunglückte Heinrich Koch tödlich. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie erst ihren Beruf und dann ihren Partner verloren. „Es ist einfach furchtbar, dieses eine Jahr“, sagt Lisa Reichmann.
Nach dem Unfalltod zog sich Benita zunächst für rund ein Dreivierteljahr bei einer Freundin zurück. Doch dann kehrte sie in genau das Land zurück, das sie vertrieben hatte – ungewiss, ob sie überhaupt eine Anstellung finden würde. Im Archiv ist ihre Einbürgerungsurkunde erhalten, mit einem Hakenkreuz obenauf. „Diese Frau geht in ein Land zurück, von dem sie entlassen wurde“, beschreibt Reichmann den Moment, der sie beim Blättern in den Dokumenten am stärksten berührte.
Ihr Leben sollte nun eine positive Wendung nehmen. Auf einer Ausstellung in Berlin lernte sie jemanden aus den von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel kennen, der ihr anbot, dort die Weberei zu übernehmen und mit Menschen mit Behinderungen zu arbeiten. Benita nahm das Angebot an und blieb. Über zwei Jahrzehnte wirkte sie ab 1934 in Bethel an der Schnittstelle von Kunst, Handwerk und der Arbeit mit Menschen mit und ohne Behinderung. Es war ihr letzter Neuanfang – und möglicherweise ihr eindrücklichster.
Benita Koch-Otte prägte von 1925 bis 1933 die Textilausbildung an der Burg Giebichenstein.
© Heinrich Koch/CC BY-SA 4.0
Therapeutisches Weben in Bethel
In Bethel entwickelte sie etwas, das sie „therapeutisches Weben“ nannte. Das Weben bedeutete hier mehr als reines Handwerk: Jede Woche fertigte sie kleine Aquarelle an und schuf einfache Webkompositionen, mit denen sie ihren Schülern das Sehen und Gestalten näherbrachte. „Gönnen wir uns etwas Wärmendes“, heißt es bei der Kunststiftung über diese stille Arbeit, die die Ausstellung nun ins Zentrum rückt.
Hier setzt auch der Berliner Teppichdesigner Jürgen Dahlmanns an. Vier Jahre lang hat er sich mit Benita Koch-Otte beschäftigt und fasst ihr Werk in zwei Begriffen zusammen: „Ich nehme einfach ein Schlagwort für diese starke Frau, das ist für mich Emanzipation. Dann nehme ich ein Schlagwort für das Bethel, das ist Inklusion.“ Beides zusammenzudenken bedeute, „seinen eigenen Willen zur Gestaltung zurückzunehmen, damit die anderen gesehen werden und sprechen können.“ Darin sieht er die Brücke zwischen ihr und seiner eigenen Arbeit.
Diese Brücke reicht bis auf 4000 Meter Höhe. In Nepal initiierte Dahlmanns die Herstellung handgeknüpfter Teppichstreifen, sogenannter Tsukden – inspiriert von den einfachen Webkompositionen aus Bethel. Zusammen mit rund 20 Weberinnen fügte er die Bahnen zu großen textilen Skulpturen, die sich in der Ausstellung vom Boden über die Wände bis zur Decke winden. Als er den Weberinnen Benitas therapeutische Zeichnungen zeigte, erlebte er einen Moment des Wiedererkennens. Was in Bethel entwickelt worden war, kannten sie längst aus ihrer eigenen Tradition. Bewahrt wird dieses Wissen von Amala, inzwischen 83 Jahre alt, die 1959 aus Tibet floh und später eine Teppichmanufaktur in Kathmandu aufbaute.
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Eine weitere Parallele verbindet Halle und Kathmandu: das Heilende im Rhythmus des Webens. Von den einst 15.000 Menschen im exil-tibetischen Siedlungscamp leben heute nur noch rund 50 Familien, und wer bleibt, leidet oft an Depressionen. Für Dahlmanns ist das Weben genau dagegen ein Mittel: „Wenn sie weben, haben sie den Augenblick, wo sie mit sich selber in einen Rhythmus treten, der für sie heilend ist.“ Zur Eröffnung in Halle wäre Amala gerne selbst angereist. Doch eine Woche zuvor bekam sie eine Diagnose: Blutkrebs. An ihrer Stelle reiste ihre Tochter Lobsang Dolma aus Kathmandu an und brachte den Segen ihrer Mutter mit.
Viele Wege zur Kunst einer Frau
Dahlmanns ist nicht der Einzige, der sich Benita – am Bauhaus liebevoll „die Otte“ genannt – auf eigene Weise genähert hat. Die Grafikerin Linda Grüneberg fand ihren Zugang über die Farbe. Sie arbeitete sich durch die Archive von Bethel, in denen handschriftliche Aufzeichnungen und kleine Farbstudien von ihr lagen. Keine andere Bauhauskünstlerin habe sie so tief bewegt, sagt Grüneberg: „Diese Frau hat die Farbe nicht nur studiert, sondern sie hat sie wirklich gelebt.“ Für ihre eigene siebenteilige Serie zeichnete sie auf Patronenpapier, auf dem schon Weberinnen ihre Entwürfe für den Webstuhl festhielten.
Einen anderen Weg wählten Professorin Bettina Göttke-Krogmann, die heute den einstigen Lehrstuhl der Bauhaus-Weberin an der Burg führt, und ihre Studenten. Sie wollten nicht das Werk, sondern den Menschen hinter den Fäden in den Mittelpunkt stellen – und arbeiteten sich durch die intimen Briefe, die sie mit ihrer engsten Freundin Gunta Stölzl austauschte. Monika Stadler, Stölzls Tochter, schickte der Gruppe Originalbriefe nach Halle. Es entstanden Arbeiten über Nähe und Ferne, über eine Freundschaft, die große Distanzen überbrückte – und über den Humor der Weberin, der auch den Weg in ihre Kunst fand.
Und schließlich entstanden Kissen: Mehr als ein Dutzend Künstler schufen als Hommage bunte, dreidimensionale, sogar anziehbare Kissen – inspiriert von Fotos aus ihrem Nachlass, auf denen sie neben Teppichen und Geschirrtüchern auch Kissen gestaltet hatte. Die Botschaft: Auch der einfachste Gegenstand kann etwas zutiefst Künstlerisches sein.
Textilkünstlerin Lisa Reichmann und Kurator Björn Hermann in der Ausstellung „Meine liebste Otte“, vor den großflächigen Teppicharbeiten von Jürgen Dahlmanns – von Weberinnen in Nepal gefertigt und inspiriert von Benita Koch-Ottes Arbeit in Bethel.
© Jan Woitas
Im Schatten der Berühmten
Bleibt die Frage: Wie konnte eine so prägende Frau in Vergessenheit geraten? Die Antwort ist so vielschichtig wie Benita selbst. Bis zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum waren die Frauen der Schule ohnehin unterrepräsentiert. Und von denen, die es ins öffentliche Bewusstsein schafften, agierten viele aus einer anderen Position: Anni Albers wirkte in Amerika, Gunta Stölzl in der Schweiz. Benita dagegen blieb in Deutschland – und musste sich als Bauhäuslerin mit einer als „entartet“ gebrandmarkten Kunst unsichtbar machen. „Sie musste sich auch bedeckt halten“, sagt Göttke-Krogmann. Dazu kam, dass sie an einer Institution arbeitete, an der in der NS-Zeit Menschen deportiert und ermordet wurden.
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Hinzu kam ihr eigenes Wesen. Die Künstlerin stellte ihr Licht konsequent „unter den Scheffel“. Selbst ihre später so bewunderten Aquarelle nannte sie nur „klein“. Als Gunta Stölzl sie nach dem Krieg bat, zu den großen Bauhausausstellungen beizutragen, winkte sie ab – sie habe ja „nichts zum Zeigen“. Dass ihr Werk heute dennoch wieder strahlt, ist auch deshalb bemerkenswert, weil viele ihrer Arbeiten schlicht nicht mehr erhalten sind.
Für Stiftungsdirektorin Manon Bursian rollt diese späte Wiederentdeckung mehr als nur die Geschichte einer Bauhauskünstlerin auf. Sie dient als Signal: „Dass wir wirklich noch viel zu tun haben mit Frauenschicksalen in der Kunst.“ In vielen Museen hingen bis zu 80 Prozent männliche Positionen – Frauen wie Benita Koch-Otte müsse man wieder Raum geben.
„Meine liebste Otte“ erzählt nicht nur von den Brüchen im Leben einer Frau. Mehr noch erzählt sie von dem, was danach kommt – vom Mut, wieder aufzustehen und immer wieder neu anzufangen. Und von einer Frau, die fast hundert Jahre später noch immer Fäden spannt, über Kontinente hinweg bis nach Kathmandu.
„Meine liebste Otte!“ – Eine Hommage an die Bauhaus-Weberin und Burg-Lehrerin Benita Koch-Otte: bis zum 6. Dezember 2026 in der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Neuwerk 11, 06108 Halle (Saale)
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