Russland erwägt offenbar, Getreideschiffe mit Maschinengewehren und weiteren Schutzmaßnahmen auszustatten. Das berichtet der Finanzdienst Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen sowie eingesehene Dokumente mit entsprechenden Empfehlungen. Die Vorschläge werden vor dem Hintergrund ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Schiffe und Häfen diskutiert.
Betroffen ist Bloomberg zufolge vor allem das Asowsche Meer, über das normalerweise etwa ein Viertel der russischen Getreidelieferungen läuft. Seit rund zwei Wochen sei der Handel dort ausgesetzt – nach Angriffen auf Häfen, Schiffe und Hafeninfrastruktur.
Verstärkte ukrainische und russische Angriffe im Schwarzen Meer in den vergangenen Wochen haben laut Bloomberg Folgen für den Getreidemarkt: Der Weizenpreis ist demnach auf ein Zwei-Jahres-Hoch geklettert.
Ukraine-Krieg weitet sich auf den Iran aus: Trump trifft heute Selenskyj und Netanjahu
Was Russland planen soll
Militär und Verkehrsbehörden Russlands verhandeln laut Bloomberg mit Getreidehändlern und Reedern über den Schutz der Ladungen. Empfohlen werde, Massengutfrachter vorübergehend nachzurüsten.
Die Liste der möglichen Maßnahmen ist lang: Panzerplatten, Sandsäcke, Anti-Drohnen-Netze und Halterungen für Maschinengewehre sollen die Schiffe schützen. Zusätzlich sollen Soldaten mit Kalaschnikows die Frachter auf dem ersten Teil ihrer Reise begleiten. Dabei würden Militärteams in den Häfen des Asowschen Meeres an Bord gehen. Die Waffen sollen mit Wärmebild- oder Nachtsichtgeräten ausgestattet sein.
Nach der Durchfahrt durch die Straße von Kertsch sollen die Soldaten die Schiffe dann wieder verlassen und Waffen und Munition mitnehmen. Ein Vorschlag sehe vor, dass die Frachter im Konvoi zwischen Asowschem und Schwarzem Meer fahren – begleitet von militärischen Patrouillenbooten.
Krieg trifft Getreidemarkt
Nach Angaben des Analysehauses Logistic OS steht der Schiffsverkehr in den russischen Asow-Häfen vollständig still, wie Bloomberg berichtet. Bleiben die Beschränkungen bestehen, könnte Russland laut dem Marktforscher SovEcon monatlich 0,5 bis 1,5 Millionen Tonnen Getreideexporte verlieren.
Der Verkehr an russischen Tiefseehäfen am Schwarzen Meer ist Bloomberg zufolge zurückgegangen, die Anlagen seien jedoch noch in Betrieb. Russland versuche unter anderem mit Bahnsubventionen, Ladungen vom Asowschen Meer zu anderen Zielen wie dem Schwarzen Meer umzuleiten. Auch die Ukraine ist betroffen: Seit vergangener Woche sind die Schiffsabfahrten aus ukrainischen Schwarzmeerhäfen bei Odessa nach russischen Angriffen laut dem Bericht unterbrochen.
Wer für den Schutz zahlen soll
Die Kosten für die möglichen Umbauten und den militärischen Schutz sollen nach Angaben der Quellen die Händler und Reeder selbst tragen, so Bloomberg. In der Branche soll jedoch Skepsis herrschen. Einige Reeder und Händler zweifeln demnach daran, dass die Maßnahmen überhaupt wirksam sind. Andere Marktteilnehmer warnen laut Bloomberg, die Aufrüstung könnte schlicht zu teuer werden.
Estland veröffentlichte vor einigen Wochen Bilder, die laut Reuters Maschinengewehrstellungen und Sandsäcke an Bord des unter russischer Flagge fahrenden LNG-Tankers „Marshal Vasilevskiy“ in der Ostsee zeigen. „Die Bilder wurden im Frühjahr in der Ostsee aufgenommen … innerhalb des estnischen Verantwortungsbereichs“, sagte ein Sprecher der estnischen Polizei und des Grenzschutzes dem Bericht zufolge.
Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass am Montag, die Bewaffnung von Handelsschiffen sei unter internationalem Seerecht nicht erlaubt. „Jegliche zusätzliche Ausrüstung dieser Schiffe ist daher ausgeschlossen“, sagte Peskow mit Blick auf eine mögliche Bewaffnung. Allerdings könne die russische Marine Maßnahmen zum Schutz von Schiffen ergreifen. Die russischen Ministerien für Verkehr und Verteidigung sowie die zuständige Bundesbehörde reagierten laut Bloomberg nicht auf Anfragen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]