Berlin - Doppeldeckerbusse sind in Berlin zu einer Seltenheit geworden. Mittlerweile ist die Flotte der einsatzfähigen Fahrzeuge bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) auf weniger als ein Drittel zusammengeschmolzen. Nun kündigt sich endlich zumindest ein teilweiser Ersatz an. „2022 kommen unsere neuen Doppeldeckerbusse. 198 Fahrzeuge des britischen Herstellers ADL, über das gesamte Jahr verteilt bis spätestens Anfang 2023“, sagte die BVG-Vorstandsvorsitzende Eva Kreienkamp der Berliner Zeitung. „Die ersten beiden Serienfahrzeuge sind wahrscheinlich noch in diesem Jahr im Einsatz.“
Sie gelten als ein Berliner Wahrzeichen. Sie sind beliebt bei Touristen, die vom Oberdeck aus die Stadt entdecken können. Und auch Einheimische mögen Doppeldecker – weil sie im Vergleich zu anderen Bussen verhältnismäßig viele Sitzplätze bieten. Drinnen gibt es relativ viel Raum, um Abstand halten zu können – wichtig in Corona-Zeiten. Doch bei der BVG ist der Bestand, der einst 416 Fahrzeuge umfasste, immer weiter, immer schneller zusammengeschrumpft.
Nicht mal 30 Prozent des ursprünglichen Bestands ist noch einsatzfähig
Im März dieses Jahres waren noch 238 BVG-Doppeldecker zugelassen, davon konnten 170 im Fahrgastbetrieb eingesetzt werden. Dagegen besaß das Landesunternehmen am 7. Dezember nur noch 166 Doppelstöcker. Davon waren 121 Fahrzeuge einsatzfähig, teilte die BVG mit. Das sind nicht einmal mehr 30 Prozent des ursprünglichen Bestands.
Nächster Halt Schrottplatz: Immer weniger Doppeldeckerbusse in Berlin
Das ist schlecht für die Fahrgäste. Auch auf stark frequentierten Linien wie der M29 oder M48, auf denen zu manchen Zeiten sogar Doppeldeckerbusse für den Andrang zu klein sind, erscheinen immer öfter Gelenkfahrzeuge oder Busse mit noch geringerer Kapazität an den Haltestellen. Ein Beispiel ist die Linie X34 im Westen Berlins, wo das Angebot an Sitzplätzen „beinahe halbiert“ wurde, wie ein Fahrgast berichtete. „Mit einem supervollen, ruckelnden Gelenkbus wie dem 245er im Moabiter Berufsverkehr bekomme ich keinen Menschen aus dem Auto“, ergänzte Michael Rothe vom Verkehrspolitischen Informationsverein Berlin.
„Die MAN-Doppeldeckerbusse sind unsere Sorgenkinder“, sagte BVG-Chefin Kreienkamp. „Sie sind in die Jahre gekommen. Unser Werkstattpersonal kümmert sich mit viel Liebe um die Fahrzeuge, doch die Instandhaltung wird immer aufwendiger.“
Am Steuer eines neuen Doppeldeckers: Die BVG-Vorstandsvorsitzende Eva Kreienkamp in einem Enviro 500.
© Gerd Engelsmann
Nach bis zu 16 Jahren Dauerbetrieb sind die wuchtigen Dreiachser, die leer bereits 17,3 Tonnen auf die Waage bringen, am Ende. Bei Fahrleistungen von bis zu 100.000 Kilometern pro Jahr ist das auch wenig verwunderlich. Die Doppeldecker vom Typ MAN Lion’s DD A39, die unter anderem in Plauen gebaut werden, haben der BVG von Anfang an Sorgen bereitet, mit Rost und anderen Handicaps. Rund die Hälfte der Flotte kam zwar in den Genuss einer Aufarbeitung – trotzdem gab es auch bei diesen Fahrzeugen Störungen und Ausfälle. Immer öfter ist die BVG nicht mehr bereit, fünfstellige Eurobeträge in die Instandhaltung von Bussen zu investieren, die auch noch ziemlich verbrauchsintensiv sind: Pro hundert Kilometer schlucken sie rund 60 Liter Diesel.
Schon vor Jahren war klar, dass Ersatz dringend benötigt wird. Doch die Planer und Manager der BVG zögerten lange, eine Entscheidung zu treffen. Sind Doppeldecker noch zeitgemäß? Sollten anstatt der teuren Manufakturware nicht besser nur noch Gelenk- und 12-Meter-Busse von der Stange bestellt werden? Hinzu kam, dass der 2016 angetretene rot-rot-grüne Senat den Schwerpunkt auf Elektrobusse legte, von denen die BVG inzwischen mehr als 130 kurze Fahrzeuge angeschafft hat.
Die BVG testet Doppeldeckerbusse aus Schottland
Erst 2018 wurden die Weichen gestellt, um wenigstens einen Teil der Doppelstockflotte zu erneuern – auch wenn der Umfang der Ersatzbestellung nach Meinung von Bus-Fans ziemlich mickrig ist. Den Auftrag bekam der schottische Hersteller Alexander Dennis Limited, kurz ADL, der als Weltmarktführer für Liniendoppeldeckerbusse gilt. Im Herbst 2020 kamen die im schottischen Falkirk montierten Vorserienfahrzeuge „Alexander“ und „Dennis“ nach Berlin. Der Probebetrieb verlief zur Zufriedenheit der BVG.
Die ersten beiden Serienfahrzeuge werden für den Einsatz vorbereitet
Als die 6-Zylinder-Diesel-Dreiachser vorgestellt wurden, hieß es, dass die ersten 25 der 198 Serienfahrzeuge 2021 geliefert werden. Dieser Zeitplan lässt sich nun offensichtlich nicht mehr einhalten. „Wir wissen noch nicht ganz genau, wann die Serienlieferung volle Fahrt aufnimmt“, sagte Eva Kreienkamp der Berliner Zeitung. „Derzeit rechnen wir damit, dass es im späten Winter oder im frühen Frühjahr 2022 sein wird. Wir werden früh genug Bescheid geben.“ Die neuen Doppeldecker werden auf den Buslinien eingesetzt, auf denen vorher schon solche Fahrzeuge gefahren sind – zum Beispiel auf den Linien M19 und M48. Jeder Bus hat drei Türen und zwei Treppen. Es gibt 80 festmontierte Sitze und 32 Stehplätze. An jedem Sitzplatz gibt es eine USB-Doppelladebuchse. Unten zeigt ein Monitor an, ob oben Plätze frei sind.
Autonomer BVG-Bus rammt Taxi - doch die Technik war nicht schuld
„Die Busse 3552 und 3553 sollen ja schon da sein“, berichtete ein Beobachter. Die ersten beiden Serienfahrzeuge werden aufgerüstet, sagte ein andere Bus-Fan.
Zwischendurch machten Nachrichten die Runde, wonach die Enviro 500 für Berlin nicht auf der Insel, sondern in der Türkei gefertigt werden. Immer wieder gab es auch Bedenken, ob sich der Brexit auf die Lieferung auswirkt. Doch bei der BVG zeigt man sich zufrieden. „Die Busse werden auf der britischen Insel gefertigt. Und so, wie wir das bisher eingeschätzt haben, ist die Qualität sehr gut“, berichtete die BVG-Vorstandsvorsitzende. Wir sind froh, wenn die neuen Busse kommen. Dann können wir uns verstärkt wieder anderen Fahrzeugmodellen widmen.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]