Zum Glück gezwungen
Rund 4,2 Kilometer lang ist Berlins Einkaufsmeile Nummer eins, der Straßenzug Tauentzien/Kudamm.
Das Berliner Immobilien- und Standortgemeinschaftsgesetz (BIG) gilt seit 2014. Es schafft die Grundlage für Zusammenschlüsse von Grundstückseigentümern in Geschäftsstraßen.
Business Improvement District (BID) ist der Fachbegriff. Der Straßenzug in der City West wäre der erste BID Berlins. Vorbilder gibt es in Hamburg und Bremen.
Ziel ist es, die Straße attraktiver zu machen. Dafür sollen alle Grundstückseigentümer bezahlen – auch die Anlieger, die sich bei der Finanzierung von Aktionen bisher gedrückt haben.
Der Umgestaltung des Mittelstreifens des Tauentzien etwa müssen mindestens 15 Prozent aller Zahler zustimmen. Im konkreten Fall waren es rund 30 Prozent. Bei einem Drittel Ablehnung gilt die Maßnahme als gescheitert. Bisher, so heißt es, gibt es keinen nennenswerten Widerstand.
Schon lange klagen die Anrainer darüber, dass die für die Gestaltung des Tauentziens zuständigen Bezirksämter – in diesem Fall Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf – zu wenig Geld dafür ausgeben. Das Ergebnis sei ein unattraktives Umfeld von umsatzstarken Geschäften wie dem KaDeWe, Karstadt, oder Adidas.
Zuspruch vom Handelsverband
In den nächsten Wochen sollen die Pläne beim federführenden Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf eingereicht werden. Dann wird im Zweifel nachgebessert und veröffentlicht. Danach kann mit dem Umbau begonnen werden.
Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, hält das Vorhaben für „ein Instrument, funktionierende Einkaufsboulevards aufzuwerten“. Die florierende City West, in der sich ein finanzstarker internationaler Filialist an den nächsten reiht, sei dafür besonders geeignet. Nach dem Motto: „Starke Straßen stärken.“
Kritik kommt von der Initiative Radbahn. Stadtplaner und Architekten haben jüngst Entwürfe für eine Bahn für Fahrradfahrer unterhalb des U1-Viadukts in Kreuzberg vorgelegt. Diese Bahn soll Teil einer innerstädtischen Trasse sein, die von der Warschauer Straße zum Bahnhof Zoo führt – und damit auch den Tauentzien umfasst.
Radverkehr nicht berücksichtigt
Es sei kurzsichtig, dass der Radverkehr nicht berücksichtigt werde, sagt Architekt Matthias Heskamp und präsentiert einen Entwurf, in dem der Mittelstreifen auch von Radlern genutzt werden kann (Grafik unten). Das sei nicht nur zeitgemäß, sondern lohne sich auch. Studien zeigten die wirtschaftliche Bedeutung von Radinfrastruktur vor Geschäften. „Radfahrer besuchen Geschäfte häufiger und geben dort mehr Geld aus“, sagt er und hofft, dass die Politik doch noch eingreife und ein zukunftsfähiges Modell – natürlich inklusive Radinfrastruktur – auf den Weg bringe.
Eine Trasse für Fahrräder stellt sich die Initiative Radbahn für den Mittelstreifen vor.
© Initiative Radbahn
Ein weiterer Posten im Fünfjahresplan für Tauentzien und Kudamm ist der für City Guides. Teams sollen als Ansprechpartner unterwegs sein. Gleichzeitig sollen sie den Bettlern, Hütchenspielern und sonstigen Großstadtphänomenen auf die Pelle rücken, die einen ungestörten – und damit möglicherweise umsatzstärkeren – Einkaufsbummel so manches Mal beschweren.
Das stößt unter anderem bei Gangway auf Kritik, dem größten Träger für Straßensozialarbeit des Landes. Chef-Streetworker Jürgen Schaffranek fürchtet, dass seine Klientel vertrieben werden solle. Das sei im Übrigen verboten. „Ich sehe das als Schritt zur Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes. Und davon halte ich gar nichts“, sagt er.
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