Der Bundeskanzler kann nicht hinnehmen, dass sich einer seiner Vertrauten benimmt, als diene er einem Fürsten von Gottes Gnaden. "Wie der Herr, so s Gsch rr", würde das Volk sonst schnell denken. Er muss aber auch dem Verdacht entgegenwirken, Berlin steige die neue Macht zu Kopf. Nichts soll an die Arroganz der wilhelminischen Ära erinnern. Berlin ist nicht Berlin, lautet das Motto der wieder auferstandenen Hauptstadt. Gerhard Schröder konnte deshalb an seinem außenpolitischen Berater Michael Steiner, der aus Selbstüberschätzung von Affäre zu Affäre stolperte, nicht festhalten. Sein Abgang wird kaum Spuren hinterlassen. Was bleibt, sind ein paar Anekdoten. Sie haben mit der Realität des außenpolitischen Selbstfindungsprozesses, in dem sich das vereinte Deutschland befindet, nichts zu tun. Der Kanzler spürt zu Recht, dass dem 82-Millionen-Volk in der Mitte Europas kräftige Muskeln gewachsen sind. Er würde das neue Gewicht auch gerne auf die Waage bringen, muss aber feststellen, dass er dabei mehr mit innen- als mit außenpolitischen Widerständen rechnen muss. Tony Blair fällt es leichter, Schröders "Führungswillen" zu loben als vielen seiner Gefolgsleute in der Koalition. Und noch mit einem anderen Widerspruch muss Schröder kämpfen. Für Willy Brandt war die Bundesrepublik ein "wirtschaftlicher Riese und ein politischer Zwerg". Nun ist sie ein politischer Riese, aber wirtschaftlich nur noch ein Mittelgewicht und kann sich von internationalen Verpflichtungen nicht mehr wie noch unter Kohl mit Geld freikaufen. Viele hätten es aber immer noch lieber wie bei Brandt. Sie könnten sich dann, wenn es brenzlig wird, in das schuldbeladene Schneckenhaus der deutschen Geschichte zurückziehen. Auch ihre ehemaligen Feinde und jetzigen Verbündeten erwarten von den Deutschen, dass sie mehr internationale Verantwortung übernehmen, zugleich aber zeigen, dass sie die Lektionen der Geschichte gelernt haben. Das ist eine Gratwanderung, die Fischer, Scharping und Schröder während des Kosovo-Krieges gut gelungen ist. Zu ihrem Erstaunen ist sie im Kampf gegen den Terrorismus schwerer geworden. Aus drei Gründen: Einmal muss sich die Bundesrepublik sehr viel stärker den USA unterordnen, zweitens soll die Bundeswehr weit weg von Europa auftreten und drittens ist die Aushöhlung des Parlamentsvorbehaltes gegen den Einsatz der Bundeswehr ein Stück weiter fortgeschritten. Das macht den Gegnern dieser Politik zu schaffen, aber auch Schröder und Fischer. Die Rückkehr zur Normalität nach dem Ende der Nachkriegszeit, die Schröder gerne in Anspruch nimmt, verschafft den beiden im Tauziehen um den künftigen außenpolitischen Kurs aber den festeren Stand. Unklarheit gehört zu Schröders Führungsstil. Noch kann er sagen, keine deutschen Kampftruppen nach Afghanistan. Aber wenn die Afghanistan-Konferenz in Berlin erfolgreich ist, wird er zur Entsendung deutscher Truppen kaum noch "Nein" sagen können. Die Alternative lautet dann nicht mehr, wie viele Rote und Grüne heute noch annehmen, "Krieg oder Pazifismus". Sie heißt Beihilfe zur humanitären Versorgung und zur Erhaltung des Friedens. Gefährlich ist auch das noch, aber kann Deutschland beiseite stehen, wenn Briten, Franzosen und Amerikaner diese Gefahren auf sich nehmen? Vorsorglich hat Schröder in Nürnberg daran erinnert, dass sich die Deutschen "nicht nur die Vorteile herauspicken können". Dann geht es wirklich um Verantwortung und Bündnistreue und um Vertrauen. Dass die Afghanen nach Berlin wollen, ist auch ein Stück Vertrauen in ein europäisches Land, das kaum in die Kämpfe um Afghanistan verwickelt war. Das Vertrauen, dass die Deutschen aus der Geschichte gelernt haben, hilft Deutschland auch im Nahen Osten. Das machtpolitische Schwergewicht bleiben die USA, aber es kann hilfreich sein, wenn Fischer nach seinen Gesprächen mit Scharon und Arafat die neue Friedensinitiative des amerikanischen Außenministers Powell unterstützt und demonstriert, dass Amerikaner und Europäer gemeinsam einen gerechten Frieden wollen. Auch das gehört zur neuen außenpolitischen Verantwortung. Die Diskussion darum ist schmerzlich, aber unvermeidlich. Sie ist auch ein Abschied von einem Stück bundesrepublikanischer Vergangenheit, die den Grünen in Rostock noch einmal bevorsteht. Fischers Einspruch gegen Scharpings Handel mit Gebrauchtwaffen der Bundeswehr soll es ihnen leichter machen. Ein paar Prinzipien müssen bleiben.Heute ist die Bundesrepublik ein politischer Riese, aber wirtschaftlich nur noch ein Mittelgewicht und kann sich von internationalen Verpflichtungen nicht mehr mit Geld freikaufen.
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