BERLIN MITTE

Harald Jähner Thomas Leinkauf Regine Sylvester
2 Min

Eisiger Wind weht die Spree entlang und drückt Polarluft durch das nächtliche Regierungsviertel. Man krümmt sich tief in den Mantel. Vergebens, die Kälte siegt. Schön allerdings sieht es aus. Die Spree schlägt Wellen, die im Mondlicht aufgeregt glitzern. Fast reichen sie bis ans Paul-Löbe-Haus, in dem die ganze Nacht hindurch das Licht brennt. Ein Schaukasten aus Glas, eine kantige, transparente Fassade, hinter der man sieht, wie Palmen wedeln. Die zierlichen, langgliedrigen Blätter bewegen sich träge im Aufwind der Fußbodenheizung. Sie nicken huldvoll in ihrer warmen Umgebung. Es sind nur fünf Palmen im Topf, aber sie erinnern vom Strom aus gesehen, an eine aristokratische Orangerie, an den zur Schau gestellten Triumph, den Winter zu überlisten. Aus feudalen Zeiten hat sich ein Relikt ins moderne Bild des Abgeordnetenhauses geschlichen. Palmen am eiskalten Fluss. (jae.)------------------------------AdventsgesprächDas Jahr ist bald zu Ende.Was willst du damit sagen?Ach nichts.Na sag schon?Du kommst selbst darauf.Der Schrank im Flur?So würde ich es nicht formulieren.Wie dann?Der nichtgebaute Schrank im Flur.Es gibt immerhin einen Plan.Du wolltest ihn im Frühjahr bauen.Da hab ich begonnen, ihn zu konzipieren.Und warum steht er nicht?Ich konzipiere immer noch.Es ist ein simpler Einbauschrank.Auch Einbauschränke müssen reifen.Baust du ihn nun noch dieses Jahr?Es ist Advent! (tl.)------------------------------Achtzehn Leute stehen vor den Service-Schaltern der Bahn am Alexanderplatz und murren, weil die Kunden, die gerade dran sind, Zettel herauskramen, über mögliche Reisezeiten nachzudenken beginnen und lange Gespräche führen. Wenn die achtzehn Leute nachrücken und selber vor dem Schalter stehen, verändert sich schlagartig ihr Zeitgefühl, sie bummeln dann genauso. Die vier Beraterinnen, alle nicht ganz jung, nicht ganz schlank, bedienen mit Engelsgeduld, jeder Mensch ist ihnen gleich wichtig. Doch nun stürmt eine Blondine herein und bittet, sofort eine Fahrkarte kaufen zu können, sonst würde sie den Zug verpassen. Die Schlange reagiert verbittert, als eine frei werdende Beraterin die eilige Kundin bevorzugt. "Ist doch ein Trick!" schreit eine Frau. Später treffe ich die Blondine wieder. Sie sieht sich im Bahnhofsladen Reisetaschen an. Offenbar will sie irgendwann wegfahren. Die Karte hat sie ja schon. (syl.)

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