BERLIN MITTE

Harald Jähner Thomas Leinkauf
2 Min

Den Fahrschein gebe ich Ihnen für einen Euro fünfzig. Eine dünne, windige Gestalt steht wegwehbereit auf dem S-Bahnsteig am Fahrscheinautomaten. Der Junge hält ein ganzes Bündel Tickets in der Hand. "Noch sechzig Minuten gültig. Wenn Sie nicht so lange fahren müssen, hätte ich einen für 40 Minuten - macht einen Euro". Hastig blickt er sich um. Vielleicht zwanzig Jahre alt. Abgerissen. Nervös, wie ein Reh auf der Flucht. Die Karten sind alle abgestempelt, alle vom gleichen, heutigen Tag, alle vom S-Bahnhof Savignyplatz. Wieder äugt er in Richtung beider Ausgänge. Zieht fahrig an der Zigarette. Die Fahrscheine tragen das Wasserzeichen der BVG, haben alle einen kleinen Brandfleck. Wäre eine geschickte Fälschung. Vielleicht ist das ganze Bündel geklaut, vielleicht gibt es einen ganzen Keller voll davon. In dem katzenhaften Zwanziger-Jahre-Gesicht zuckt es. Enorm stressige Arbeit ist das. (jae.)------------------------------BürogesprächWo ist denn der Dialog?Ist nicht zu finden.Hat er keinen da gelassen?Keine Ahnung.Wo ist er denn?Er ist im Urlaub, er wollte nach Kroatien.Sonst hat er immer was aus dem Urlaub geschickt.Er fährt mit dem Auto.Ist seine Frau mit?Klar.Reden die nicht mehr miteinander?Vielleicht haben sie sich verfahren.Du meinst, es gibt Streit, über den er nicht schreiben will?Vielleicht will er einfach im Urlaub nicht arbeiten.Das ist doch keine Arbeit, so'n Dialog.------------------------------Am Abend lag die Fahrradkette mit dem Sicherheitszertifikat 8 im Staub neben dem Metallgestell, an das ich am Morgen mein Fahrrad angeschlossen hatte. Aufgebrochen, offenbar ohne größere Probleme. Ich hatte immer mit so etwas gerechnet, wir leben in Berlin, mein Rad ist nicht das schlechteste, da kommt das vor. Was ich dann sah, war wie ein kleines Großstadtwunder: Mein Fahrrad stand noch da, es war mit einer anderen Kette gesichert und dem Hinweis versehen, der Schlüssel für das Schloss befände sich beim Pförtner. Vermutlich hatte ich versehentlich das Rad eines Unbekannten mitangeschlossen, anders war die Sache nicht zu erklären. Der knackte dann in seiner Not meine Sicherung. Und lieh mir seine eigene. Eine großzügige Geste. Am nächsten Morgen kaufte ich eine neue Sicherung und brachte das Leihschloss meines Unbekannten zu unserem Pförtner zurück. Nun warte ich auf ein Zeichen des Wundertäters. (tl.)

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