Ein Ufer von großer Magie besitzt die Spree zwischen Elsen- und Oberbaumbrücke. Besonders jetzt, in der späten Dämmerung. Der Fluss, an dieser Stelle ungewöhnlich breit und versteckt von Lagerhäusern, zieht einen Schnitt quer durch die Stadt, eine gewaltige Schneise. Von hier aus kann man Berlin wie in Gänze betrachten, aus der Distanz heraus, von außen. Ein junges Paar ist gekommen, um zu angeln. Es ist kalt und feucht; sie schmiegen sich aneinander, was man selten sieht bei Anglern, diesen großen Schweigern und Abstandhaltern. Ein anderes Paar kommt hinzu. Beide haben Taue zum Seilhüpfen mitgebracht und beginnen nun mit ihrer Springarbeit. Auf dieser weiten leeren Bühne am Fluss - was für ein Gegensatz der Lebensführung! Hier die reglos auf Fische Wartenden, dort die atemlos Hopsenden. Und in der Ferne links und rechts ziehen jetzt U-Bahnen hell erleuchtet über die Brücken. (jae.)----Noch ist es ungewohnt, sich einzumummen, als sei über Nacht die sibirische Kälte über uns gekommen. Man sieht die Zögerlichen im Stadtbild, die Durchhalter, die sich ihre letzte Chance nicht nehmen lassen wollen. Den jungen Mann, der Hemd und Anzug trägt, nur einen Schal um den Hals und zitternd so tut, als würde er überhaupt nicht frieren. Den Radfahrer in T-Shirt und kurzen Hosen, der wild in die Pedale steigt, als könnte er so die Betriebstemperatur konstant halten. Oder das strumpflose Mädchen im Kleid mit einem dünnen Jäckchen darüber, das sich an den Freund klammert, als sei er ein wärmender Ofen. Dabei sieht er aus, als bräuchte er selbst ein bisschen Feuer. Hilft alles nichts, die Natur ist stur. Und wir haben kein dickes Fell. Wir tun nur so. (tl.)----Morgens um sieben wird nicht geredet. Frauen, die um diese Uhrzeit Sport machen, unterscheiden sich von den später kommenden gemütlichen Dicken, die nach ein bisschen Getrappel auf dem Laufband in der Sauna liegen, und von den plaudernden Freundinnen, die nachmittags ohne großen Ehrgeiz einen Aerobic-Kurs besuchen und danach einkaufen gehen. Morgens um sieben erscheint ein besonderes Publikum im Frauenfitness-Club. Es wartet schon vor der Tür, zieht sich drinnen rasch um, greift Handtuch und Wasserflasche und beginnt mit der Arbeit an einem Körper, der alle Anzeichen guter Wartung trägt. Diese Frauen gehen zügig von Gerät zu Gerät und legen schwere Gewichte auf. Wortlos, kraftvoll und diszipliniert ziehen sie ein Pensum durch, das sie sich selbst verordnet haben. Danach duschen sie, schminken sich sorgfältig und gehen zur Arbeit. Männer, die mit ihren Muskeln spielen, sollten Frauen fürchten, die sie trainieren. (syl.)
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