BERLIN MITTE

Harald Jähner Thomas Leinkauf Regine Sylvester
3 Min

Auf dem Parkplatz, den sich Rewe, Aldi und Takko-Textilien teilen, steht ein Schwan. Neblig ist es, trüb und mitten in der Dämmerung. Der Schwan passt nicht hierher; unweigerlich geht man davon aus, er sei aus Porzellan und auf dem leeren Platz wohlmöglich vergessen worden. Drehte er nicht ab und zu seinen vornehmen Hals, nähme man ihm niemals ab, zu atmen. Doch, er lebt. Seit vielen Minuten aber dreht er seinen Hals nicht mehr, stattdessen starrt er die benachbarte Tankstelle an. Gefällt ihm, was er da sieht? Missbilligt er es oder studiert er die Vorgänge unvoreingenommen, sozusagen ergebnisoffen? Jedenfalls interessiert ihn die Tanke mehr als das Gemäuer von Rewe. Autos kommen an in rascher Folge, die Menschen füllen sie ab und krallen sich in ihnen fest, sobald die Reise weitergeht. Der Schwan aber lässt sich erst mal genüsslich nieder, um die Sache weiter zu betrachten. (jae.)------------------------------Bagger bewegen ohne erkennbaren Grund Erde von der einen an eine andere Stelle und später wieder zurück. Riesige Rammen treiben hier und da Eisenteile in die Erde. Zimmerleute nageln Holz zu undefinierbaren Gebilden zusammen und Eisenbieger haben eine Art Pergola zusammengeschweißt. In den letzten Tagen ist mitten in der Grube ein trapezförmiges Feld betoniert worden, dessen Sinn sich mir nicht erschließt. Dazwischen wuseln den ganzen Tag Männer mit Zollstöcken in der Hand und Helmen auf dem Kopf hin und her, messen und prüfen, während der Kranführer immer neue Fahrzeuge entlädt. Seitlich sitzen andere Männer in Containern über geheimnisvollen Papieren, die sie ab und zu auf die Baustelle hinaustragen. Fasziniert und ratlos beobachte ich das. Manches glaube ich zu durchschauen, aber eigentlich ist das rätselhafte Geschehen kaum zu verstehen. Irgendwann wird am Alexanderplatz eine riesige neue Tiefgarage stehen. (tl.)------------------------------Überall Filmfreunde, schon morgens um sieben. Sie wälzen sich träumend in Schlafsäcken, sie kauern auf Mänteln, Kissen oder Klappstühlen, leise redend, Pappbecher-Kaffee trinkend. Trotz dieser Menschenmenge ist es still in den Arkaden am Potsdamer Platz, bevor die Kartenschalter für die Berlinale öffnen. Eine Reihenfolge der Anwärter ist in dem Durcheinander nicht zu erkennen, aber die Stimmung wirkt friedlich, von Vorfreude getragen. Etwas später versammeln sich die ersten Autogrammsammler vor den Tiefgaragen der Hotels. Es regnet. Es ist kalt. Sie stehen rudeldicht zusammen, Freunde und Konkurrenten zugleich. Stundenlang warten sie darauf, dass ein Prominenter seinen Namen in ihre Alben schreibt - ein Name, der in der Eile, vielleicht aus einem fahrenden Auto heraus, unleserlich sein könnte, aber hohen ideellen Wert besitzt. Vor dem Berlinalepalast stehen viele Menschen, die Bettelzettel in die Höhe halten. "Karte gesucht!" Überall Filmfreunde. Wo sind die alle eigentlich, wenn keine Berlinale ist? (syl.)

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner