Am Osttor des Olympiastadions hängen die fünf Ringe. Touristen fotografieren sie, Hertha-Fans laufen darunter hindurch. Seit Mittwochnachmittag wirken sie ein wenig wie ein Abschiedsgruß. Die Ringe bleiben zwar, doch Berlins Olympia-Bewerbung geht.
Nach einer Krisensitzung am Mittwochnachmittag will sich Berlin nach Informationen des rbb aus dem Rennen um das deutsche Bewerber-Ticket zurückziehen. Kai Wegner, Iris Spranger und der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand haben die Reißleine gezogen. Am Samstag in Baden-Baden stehen nur noch München und KölnRheinRuhr zur Wahl.
Chancen gab es sowieso kaum noch welche, den Zuschlag überhaupt zu bekommen: Die Evaluierungskommission des DOSB hat Berlin auf den letzten Platz gesetzt. 74,6 Punkte. München kommt auf 87, KölnRheinRuhr auf 85. Nach der Skala des Verbands ist Berlins Ergebnis „gut“. In diesem Wettbewerb ist gut das neue schlecht.
Sie wollten die Spiele unbedingt nach Berlin holen: Kai Wegner (l., CDU), Olympia-Beauftragter Kaweh Niroomand und Iris Spranger (SPD).
© Annette Riedl/dpa
Es ist daher die richtige Entscheidung. Vielleicht die beste, die dieser Senat in seinen letzten Wochen noch treffen konnte.
Warum der Olympia-Rückzug richtig ist
Jetzt beginnt allerdings auch die Suche nach der Schuldigen. Sie ist schnell gefunden. Für Kaweh Niroomand ist es Elif Eralp. Die Linken-Wahlsiegerin habe „in 45 Sekunden die Arbeit von anderthalb Jahren von uns fast zunichte gemacht“, sagte er in der rbb-Abendschau. Man kann diese Bitterkeit verstehen. Auch Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning nennt ihre Absage „undemokratisch“ und „unseriös“. Man versteht den Zorn. Man muss ihn nicht teilen. Man kann aber auch fragen: Was ist ein Konzept wert, das 45 Sekunden nicht übersteht?
Eralp macht es sich ihrerseits zu leicht, wenn sie das Wahlergebnis als Votum gegen Olympia deutet. Eine Abgeordnetenhauswahl ist kein Referendum. Genau darin liegt das Problem. München und Nordrhein-Westfalen haben ihre Bürger gefragt. Berlin konnte das nicht, die Landesverfassung lässt eine solche Volksbefragung nicht zu. Also sammelte der Landessportbund Unterschriften für eine Volksinitiative. Das war ehrenwert. Ein Mandat war es nie.
Wer eine Bewerbung ohne Mandat baut, darf sich nicht wundern, wenn sie beim ersten politischen Gegenwind zerbricht.
Berlin hätte sich die Spiele nie leisten können
Das eigentliche Argument ist ohnehin ein anderes. Es ist die Rechnung. Berlin kürzt gerade in Kultur, Sozialem und Verwaltung. Die BVG ringt um ihren Fahrplan, Schulen um ihre Sanierung, Brücken werden gesperrt, weil sie nicht mehr tragen. In dieser Lage wollte sich die Stadt ein Ereignis ans Bein binden, dessen Sicherheitskosten sich nach Einschätzung von Finanzexperten noch nicht einmal seriös schätzen lassen. Olympia ist kein Projekt. Olympia ist ein Blankoscheck, ausgestellt an das IOC.
Und dass ausgerechnet diese Stadt sich auch für 2036 bewarb, hundert Jahre nach den Spielen der Nationalsozialisten, war nie ein Argument für die Bewerbung. Es war eines, um das man herumreden musste.
Füchse-Chef Hanning glaubt jetzt, ohne Berlin seien Deutschlands Chancen gesunken. Das Gegenteil ist richtig. Deutschland schickt nun einen Bewerber ins Rennen, den die eigene Kommission deutlich besser bewertet hat. Warum ausgerechnet der Letztplatzierte gegen Konkurrenten wie Katar oder Indien hätte bestehen sollen, bleibt Hannings Geheimnis.
Was das für Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern bedeutet
Den Preis für Berlins späte Einsicht zahlen auch andere. „Berlin+“ war nie nur eine Berliner Bewerbung. Brandenburg sollte mehrere Spielstätten stellen, Leipzig und Rostock waren fest eingeplant, in Markkleeberg sollte der Kanu-Slalom stattfinden. Noch am Dienstag sagte Brandenburgs SPD-Fraktionschef Björn Lüttmann: „Wir stehen zu dieser Bewerbung.“ Einen Tag später war sie Geschichte, beschlossen in einer Krisensitzung in Berlin. Wer hat eigentlich die Partner gefragt?
Die Enttäuschung ist verständlich. Olympische Spiele, die auch in Ostdeutschland stattfinden – das wäre ein Signal gewesen. Aber ein Signal ersetzt kein Konzept. Die Kommission hat gerade die Entfernungen bemängelt. Was als Verbund verkauft wurde, war vor allem ein Eingeständnis: Berlin allein reicht nicht. Die Partner haben sich an eine Bewerbung gebunden, deren Fundament in Berlin nie gegossen war.
Berlin schuldet ihnen jetzt mehr als ein Bedauern. Eine gemeinsame Expo mit Brandenburg wäre ein Anfang. Diesmal als echte Partnerschaft. Nicht als Anhängsel einer Hauptstadt, die sich überschätzt hat.
Expo 2035: die Chance nach dem Aus
Heißt das, Berlin soll sich kleiner machen? Nein. Es soll klüger wählen. Die Alternative liegt seit Monaten auf dem Tisch: die Weltausstellung 2035. Im Juni haben Kai Wegner und Dietmar Woidke einen gemeinsamen Prüfprozess verabredet, bis Oktober soll eine Entscheidungsgrundlage stehen. Eine private Initiative hat Pläne für Tegel, Tempelhof und das Umfeld des BER vorgelegt. Flächen, die es schon gibt und die ohnehin eine Zukunft brauchen.
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Eine Expo braucht keine neuen Arenen, kein abgeriegeltes olympisches Dorf, keinen Vertrag mit einem Verband, der Gastgeber seit Jahrzehnten als Kostenstelle behandelt. Formal bewirbt sich die Bundesrepublik, der Bund stünde mit in der Pflicht. Ein Selbstläufer ist auch sie nicht. Hannover 2000 hat gezeigt, wie es schiefgeht: weniger als die Hälfte der erwarteten Besucher, ein Milliardendefizit. Daher: besser machen!
Was die neue Koalition jetzt tun muss
Und nun? Eins ist klar: Die Reißleine kam spät. Der Senat sollte aber auch offenlegen, was die Olympia-Bewerbung bis heute gekostet hat. Vollständig. Sechs Millionen Euro hatte der Senat allein für diese Phase der Bewerbung reserviert, Personalkosten nicht eingerechnet. Was davon bereits ausgegeben ist, weiß die Öffentlichkeit nicht. Der Rückzug selbst kann noch einmal bis zu eine Million kosten.
Die künftige Koalition kann jetzt zwei Fehler auf einmal korrigieren. Sie kann Olympia ohne Groll beerdigen und die Expo ohne Scheuklappen prüfen. Am Samstag entscheiden die Verbände. Danach entscheidet Berlin, was es wirklich will. Die Ringe am Osttor des Olympiastadions können hängen bleiben. Als Erinnerung.
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