Ob es der Atem der Geschichte ist oder bloß der eisige Ostwind, der durch die Kochstraße in Richtung Friedrichstraße weht und eilende Menschen ihre Mantelkragen hochschlagen läßt wer kann das schon sagen. Fest steht, daß die Gegend um den Checkpoint Charlie zu jenen Orten in Berlin gehört, an denen die Nachkriegsgeschichte kräftig gebastelt hat. "You are leaving the American Sector", steht da noch in schwarzen Lettern, mehrmals nachgepinselt. An Faszination hat das Quartier, das durch seine Baugruben einer Mondlandschaft ähnelt, nichts verloren. Einer, der dafür kämpft, die Vergangenheit lebendig zu halten, ist Rainer Hildebrandt mit seinem Museum "Haus am Checkpoint Charlie". Rund 400 000 Besucher aus aller Welt kommen jedes Jahr, um sich die Geschichte von gelungenen Fluchten erzählen zu lassen. Weil seit dem Fall der Mauer immer mehr Ausstellungsstücke hinzukommen, ist noch in diesem Jahr eine Erweiterung im angrenzenden Neubau einer Bank geplant. In einem verglasten Erker mit Blick auf den einstigen Kontrollpunkt soll es dann eine Sonderausstellung zum Checkpoint geben. Ein Ort, an dem die Vergangenheit scheinbar spurlos vorbeigezogen ist, ist das "Café Adler" auf der gegenüberliegenden Seite der Friedrich-/Ecke Zimmerstraße. Hier kocht die Chefin, Angelika Böhm, selbst bodenständig mit internationalem Touch. International sind auch die Gäste. Japaner sitzen an Marmortischen überm Stadtplan. Aus dem Nichtraucher-Zimmer nebenan klingen die Stimmen amerikanischer Geschäftsmänner beim Business-Lunch. Zwei Ecken weiter, im "Sale e Tabacchi", Kochstraße 18, finden Berliner mit Fernweh nach Italien, was sie brauchen. Italienische Zigaretten und Espresso in allen Variationen vom Macchiato bis Doppio. Für den kleinen Hunger gibt·s im Grand Café Tramezzini (dreieckige Sandwiches), im Restaurant können die Gäste tagsüber unter verschiedenen Menüs von 16 bis 36 Mark wählen. Wie in jedem anständigen italienischen Café steht hier auch ein Fernseher. Zur Fußball-WM, verspricht Geschäftsführer Piero de Vitis, werden alle Spiele auf einer Großleinwand gezeigt. Wer sich dafür nicht interessiert, kann auch in einer der internationalen Zeitungen blättern oder einfach durch die saalhohen Fenster auf die belebte Kochstraße gucken. Dort werden die architektonischen Brüche zwischen Betonwürfeln der 80er und Jugendstilfassaden der Jahrhundertwende besonders deutlich. Den theoretischen Hintergrund für architekturhistorische Studien gibt es zehn Schritte weiter im "Bücherbogen". Neben teuren Hochglanzbänden findet sich günstige Literatur zu Architekten wie beispielsweise Philip Johnson. Wo die Grenzer einst Dienst schoben, baut dieser derzeit einen gläsern-stählernen Büropalast. Die Wunden des Kalten Krieges vernarben allmählich auch am Checkpoint Charlie. Hier entwickelt sich Berlin zur internationalen Metropole. Straßenschluchten, Verkehrslärm und Menschen jeder Hautfarbe. Zum Flair tragen die rund 2 000 Schüler aus 130 Ländern bei, die jedes Jahr die Sprachkurse im Goethe-Institut besuchen. Vielleicht ist es nicht der Atem der Geschichte, der durch die Straßen rund um das Quartier weht, vielleicht ist es doch eher der "Hauch von New York", den Xaver Augustin, Leiter des Goethe-Instituts, erahnt, wenn er aus seinem Büro im 2. Stock auf die Kreuzung Koch-/Friedrichstraße guckt.
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