Es ist die größte Verschiebung auf Berlins politischer Landkarte seit der Wiedervereinigung, und sie verläuft quer zu allem, was man über diese Stadt zu wissen glaubte: Die Linke wird erstmals stärkste Kraft im Abgeordnetenhaus. Doch ihr Erfolg gründet nicht auf dem Abschneiden in Marzahn oder Lichtenberg, sondern in Kreuzberg, in Wedding und in Neukölln.
Nach dem vorläufigen Ergebnis, das Landeswahlleiter Stephan Bröchler in der Nacht zum Montag bekanntgab, kommt die Linke auf 25,7 Prozent der Zweitstimmen und 468.060 Stimmen. Es folgen die CDU mit 18,8 Prozent, die AfD mit 16,3, die Grünen mit 14,3 und die SPD mit 12,1 Prozent – ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Abgeordnetenhauswahl.
BSW (4,7 Prozent) und FDP (2,5 Prozent) scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Wahlbeteiligung lag laut Landeswahlleitung bei 74,2 Prozent, nach 62,9 Prozent bei der Wiederholungswahl 2023. Das amtliche Endergebnis stellt der Landeswahlausschuss in den kommenden Tagen fest.
Der Ost-West-Abstand schrumpft
Über Jahrzehnte dominierte die Linke im Osten, CDU und Grüne bestimmten das Bild im Westen. Nach einer Auswertung der Daten der Landeswahlleitung durch das Nachrichtenportal t-online liegt die Linke nun im Ostteil bei 27,8, im Westteil bei 24,1 Prozent. 2023 betrug der Abstand noch knapp acht Punkte, jetzt sind es 3,7. Rechnet man nur die Urnenwahl, schrumpft er fast auf null: 27,2 zu 26,1 Prozent. Die Differenz entsteht vor allem durch Briefwähler.
Am deutlichsten zeigt sich der Wandel in Friedrichshain-Kreuzberg. Der Bezirk galt jahrzehntelang als sichere Bank der Grünen – nun kommt die Linke dort auf 44,2 Prozent nach 21,1 Prozent 2023 und gewinnt alle fünf Direktmandate. Darunter befinden sich Wahlkreise, die rund 20 Jahre grün waren. Spitzenkandidatin Elif Eralp holte in Friedrichshain-Kreuzberg 1 mit 50,4 Prozent der Erststimmen das beste Ergebnis aller 78 Wahlkreise; die grüne Konkurrentin Kübra Beydaş kam auf 17,2 Prozent.
Wedding, Spandau, Reinickendorf: Die größten Sprünge liegen im Westen
In Mitte 6, dem Wedding, stieg der Zweitstimmenanteil der Linken von 21,5 auf 50,5 Prozent. In Neukölln 2 erreichte sie mit 53,1 Prozent ihr stärkstes Wahlkreisergebnis. In Spandau und Reinickendorf hat sie sich mehr als verdreifacht – in Reinickendorf 1 von 8,2 auf 28,3 Prozent. Erstmals gewinnt die Partei Direktmandate in Spandau (Thomas Wulfes, Spandau 3) und in Charlottenburg-Wilmersdorf (Niklas Schenker, Wahlkreis 1).
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Am östlichen Stadtrand ist eine gegenläufige Entwicklung festzustellen. In Marzahn-Hellersdorf, der einstigen PDS-Hochburg, legte die Linke nur um 5,8 Punkte auf 20,2 Prozent zu; es ist der geringste Zuwachs aller Bezirke. Stärkste Kraft ist dort die AfD mit 34,5 Prozent, mehr als das Doppelte ihres Berliner Werts und ein Plus von 15,3 Punkten. Die CDU verliert im Bezirk 15,5 Punkte, die SPD 8,0. Fünf der sechs Direktmandate gehen an die AfD; nur Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) hält ihren Wahlkreis.
Wo Direktmandate kippten
Insgesamt gewinnt die Linke 28 der 78 Direktmandate, die CDU 27. Bei den Zweitstimmen liegt die Linke in 37 Wahlkreisen vorn. Die prominentesten Verluste: CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers verliert seinen Wahlkreis in Treptow-Köpenick an die AfD. CDU-Fraktionschef Dirk Stettner unterliegt in Pankow 4 dem Linken-Kandidaten Devran Başbolat.
Die frühere Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) verliert ihren Wahlkreis in Rudow und scheidet aus dem Abgeordnetenhaus aus. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach landet in Steglitz-Zehlendorf auf Platz drei. Die Grünen halten immerhin Pankow 8, wo Daniela Billig mit 34,3 Prozent gegen die für die Linke angetretene Dragqueen Gloria Viagra (26,7 Prozent) gewann.
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Die Nachwahlbefragung von Infratest dimap für die ARD erklärt, woher die Verschiebung kommt: 43 Prozent der unter 25-Jährigen und 49 Prozent der 25- bis 34-Jährigen stimmten für die Linke, bei den jungen Frauen unter 25 waren es 51 Prozent, bei den jungen Männern 34. Unter Erstwählern liegt die Linke mit 39 Prozent klar vorn, die Grünen folgen mit 14. Die CDU kam bei den unter 25-Jährigen auf acht, bei den über 60-Jährigen auf 29 Prozent.
Rechnerisch möglich sind nun ein Bündnis aus Linken, Grünen und SPD unter Eralp oder eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD. Die CDU hat eine Zusammenarbeit mit der Linken ausgeschlossen, ein Bündnis mit der AfD alle übrigen Parteien. Entschieden wird also nicht zwischen den beiden Erstplatzierten, sondern von Grünen und SPD.
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