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Berlins Mamdani-Moment? So blickt die Weltpresse auf die Wahl

Am Sonntag könnte Die Linke mit Elif Eralp erstmals den Berliner Senat führen. So unterschiedlich berichten internationale Medien über das historische Duell.

7 Min
Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp vor dem Roten Rathaus. Im Ausland gilt sie als Berlins Mamdani.

Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp vor dem Roten Rathaus. Im Ausland gilt sie als Berlins Mamdani.

© Jörg Carstensen/Imago

Noch nie hat die Linke in Berlin den Regierenden Bürgermeister gestellt. Am Sonntag könnte sich das ändern, und mit Elif Eralp (Die Linke) würde zugleich die erste Frau mit Migrationsgeschichte ins Rote Rathaus einziehen. In den Umfragen liegt ihre Partei mit der CDU etwa gleichauf. Im Ausland hat die 45-Jährige längst einen Beinamen, sie gilt als Berlins Antwort auf Zohran Mamdani, den linken Bürgermeister von New York.

Doch wie blickt die Weltpresse auf eine Wahl, die auch für Kanzler Friedrich Merz zur Belastungsprobe werden könnte? Die Antworten fallen sehr verschieden aus. Einig sind sich die Blätter nur darin, dass nach Sachsen-Anhalt diesmal Berlin im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

Großbritannien: Lippenstift und Enteignung

„Roter Lippenstift und Enteignung“ überschreibt die britische Financial Times (FT) ihr Porträt und beschreibt Eralps Stil bis hin zum Lieblingslippenstift in der Farbe Red Poppy. Mamdanis Wahlkampfstratege sei im Frühjahr eigens nach Berlin gereist, um die Partei zu beraten.

Im Zentrum steht für das Londoner Blatt das Versprechen, rund 220.000 Wohnungen großer Konzerne wie Vonovia zu vergesellschaften. Die Kosten würden auf sieben bis 36 Milliarden Euro geschätzt, eine Gruppe von Banken habe bereits im Juni gewarnt, die Partei spiele mit dem Feuer. Wer die Linke heute wählt, erklärt der Humboldt-Politikwissenschaftler Markus Kollberg der Zeitung. Früher seien es ostdeutsche Rentner auf dem Land gewesen, heute sei die typische Wählerin eine junge Frau in der Stadt.

Auch die CDU nimmt die FT in den Blick. Sie leide unter einem unbeliebten Bürgermeister und dem Unmut über Merz, und schneide sie am Sonntag schlecht ab, könne sich der Aufstand gegen den Kanzler in den eigenen Reihen verschärfen. Die AfD komme selbst in der weltoffenen Hauptstadt auf rund 18 Prozent, was Kollberg mit dem Gefälle zwischen Innenstadt und Außenbezirken erklärt. Draußen laute das Duell AfD gegen CDU.

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Schweiz: Die Partei im Dilemma

Deutlich kritischer berichtet die liberale Neue Zürcher Zeitung. Reporter Len Sander hat Eralp auf dem Mierendorffplatz in Charlottenburg erlebt, wo sie rund 200 meist jungen Anhängern zuruft, sie sei die Antwort auf Sachsen-Anhalt. Wohin sie auch komme, müsse sie sich aber derselben Frage stellen, wie sie sich glaubhaft von Extremisten in der eigenen Partei abgrenze.

Sander beschreibt ein Dilemma. Der Zustrom junger Mitglieder, in Berlin von 8000 auf mehr als 19.000, habe die Linke stark gemacht und erschwere ihr zugleich das Regieren, weil viele der Neuen über den Gaza-Krieg politisiert worden seien und radikalen Kräften näherstünden als dem Parteiestablishment. Als Beispiel nennt die Zeitung den Neuköllner Bezirksbürgermeisterkandidaten Ahmed Abed, der den Bürgermeister der israelischen Partnerstadt als „Völkermörder“ bezeichnet habe. Die NZZ spricht von strategischer Ambiguität, nach außen distanziere sich Eralp von den krassesten Ausfällen, nach innen würden die Extremisten beschwichtigt. Aus der Linksjugend sei zudem ein Aufruf für eine „Linke in der Linken“ bekannt geworden, die eine Regierungsbeteiligung ablehnt. Ob solche Stimmen Gewicht haben, werde sich auf dem Parteitag am Freitag nach der Wahl zeigen.

Noch deutlicher wurde NZZ-Korrespondent Jonas Hermann vor einigen Wochen in einem Kommentar mit der Überschrift „Berlin droht der Sozialismus“. Ein Bündnis aus Linken, SPD und Grünen wäre für die Hauptstadt fatal, schrieb er, durch Enteignung entstehe keine einzige neue Wohnung.

Israel: Die Sorge der jüdischen Gemeinde

Die Times of Israel zieht die Parallele zu New York auf einer anderen Ebene. Wie dort sei auch in Berlin das Verhältnis zwischen der politischen Linken und der jüdischen Bevölkerung angespannt, schreibt Korrespondent Joshua Schultheis. Anlass ist der Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Kundgebung der Neuköllner Linken im August, bei dem nach Angaben der Zeitung Parolen wie „Tod der IDF“ fielen. Eralp habe den Auftritt verurteilt und die Verantwortung beim Bezirksverband gesehen.

Demonstranten mit Transparent „Keine Waffen für den Völkermord“. (Symbolbild)

Demonstranten mit Transparent „Keine Waffen für den Völkermord“. (Symbolbild)

© Imago

Überzeugt hat sie damit offenbar wenige. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, halte ihre Distanzierung für unglaubwürdig, solange keine Konsequenzen folgten. Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, halte ihren Fünf-Punkte-Plan zum Schutz jüdischen Lebens für nutzlos, weil er Antisemitismus unter Muslimen nicht erwähne. Die Zeitung lässt auch die Gegenseite sprechen. Emmi Stiegler, jüdische Kandidatin der Neuköllner Linken, sagt dem Blatt, die Vorwürfe entsprächen nicht ihrer Erfahrung. Politisch hat bislang nur die CDU Konsequenzen gezogen und eine Koalition mit der Linken ausgeschlossen. Ihr Spitzenkandidat Stefan Evers, der im Juli den über eine Tennispartie während des Stromausfalls gestolperten Kai Wegner ersetzte, fordere SPD und Grüne auf, sich ebenfalls festzulegen.

Türkei: Eine Kandidatin mit türkischen Wurzeln

Die türkische Hürriyet hat mit Eralp selbst gesprochen. In der englischsprachigen Ausgabe Hürriyet Daily News gibt sie sich vorsichtig, Umfragen seien keine Wahl, man werde sich nicht zurücklehnen. Ein Haus sei ein Ort zum Wohnen und kein Mittel für Profit. In der Außenpolitik wirft Eralp der Bundesregierung nach Angaben der Zeitung doppelte Standards vor. Deutschland verteidige die Menschenrechte gegenüber Russland, liefere aber Waffen an Israels „extrem rechte Regierung“, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu müsse sich vor internationalen Gerichten verantworten.

Vor allem aber betont das Blatt Eralps Nähe zur Türkei. Die Tochter von Eltern, die nach dem Militärputsch von 1980 nach Deutschland gingen, reise jedes Jahr dorthin und schwärme für türkisches Essen und den Popstar Tarkan.

Tschechien: Die AfD wirbt um die Auslandspresse

Im Gespräch mit ČTK und anderen ausländischen Journalisten sagt Spitzenkandidatin Kristin Brinker (AfD), Berlin sei in den vergangenen Jahren unsicherer und schmutziger geworden, auch wegen der Migration. In Anspielung auf Klaus Wowereits berühmtes Wort von der armen, aber sexy Stadt meint die 54-Jährige, sexy sei Berlin längst nicht mehr. Als eine ihrer ersten Maßnahmen als Bürgermeisterin nennt sie die Abschiebung von 20.000 Menschen, die nach ihrer Auffassung kein Aufenthaltsrecht hätten. Berlin werde aber immer eine vielfältige Stadt bleiben.

Die Brandmauer der CDU hält Brinker für gescheitert, in mehreren Ostberliner Bezirken, darunter Marzahn-Hellersdorf, könne die AfD den Bezirksbürgermeister stellen. Die Agentur ordnet ein, der Berliner Landesverband trete gemäßigter auf als viele andere. Brinker sagt dazu, manche Kollegen wählten gröbere Worte, weil sich die Lage in Deutschland verschlechtere.

Italien: Die Linke hat ihre Mamdani

Die liberal-konservative italienische Il Foglio titelt, die Linke habe ihre Mamdani gefunden, um die CDU zu schlagen. Das Blatt nennt die Partei „sozialkommunistisch“ und bescheinigt Eralp, in sozialen Fragen bestens beschlagen zu sein, beim Antisemitismusvorwurf aber eine offene Flanke zu bieten. Die Zeitung erinnert an ihre Idee von Kiezkantinen mit Mahlzeiten für drei Euro und berichtet, die Partei habe sich von Aufklebern distanziert, die mit Eralps Namen zur „Intifada“ aufriefen. Auch CDU-Kandidat Evers bekommt ein Porträt, als Mann, der gegen Extremismus von rechts wie von links antrete.

Das italienische Onlinemedium Open liefert einen Namen, den andere Berichte offenlassen. Mamdanis Stratege Morris Katz sei im April in Berlin gewesen, um Eralp beim Aufbau ihrer Kampagne zu helfen.

Belgien: Die Mieterin als Kandidatin

Die bürgerliche Brüsseler La Libre Belgique stellt ein Zitat Eralps über ihr Porträt, ohne Radikalität lasse sich keine Lösung finden. Korrespondentin Delphine Nerbollier beschreibt die Kandidatin als Mutter von zwei Kindern, die zur Miete wohne und selbst seit einem Jahr eine neue Wohnung suche. Mit einem Sieg könne sie in Berlin für eine Sensation sorgen. Ein Detail stimmt allerdings nicht. Die Unterzeile nennt die Türkei als Geburtsland, Eralp kam in München zur Welt.

Russland: Der Blick aus dem Exil

Ausführlich erklärt das unabhängige russischsprachige Portal Meduza, das aus dem lettischen Riga berichtet, seinen Lesern die Wahl. Eralp beschreibt es als radikale Kandidatin mit Mamdani als Vorbild. Für Meduza hat die Abstimmung bundespolitisches Gewicht, denn eine linke Koalition in Berlin würde es der ohnehin wenig beliebten Bundesregierung im Bundesrat schwerer machen. Das Portal zitiert Alex Yusupov, Leiter der Russland-Programme der Friedrich-Ebert-Stiftung, mit der Einschätzung, die AfD wolle nach ihrem Sieg in Sachsen-Anhalt das Bild Berlins als linke Stadt beschädigen.

Auch Wegners Tennispartie während des Stromausfalls erklärt Meduza seinen Lesern, ebenso wie den Anschlag auf den CSD im Juli, seit dem Sicherheit eines der beherrschenden Themen des Wahlkampfs sei. Als mögliche Bündnisse nennt das Portal eine Neuauflage von Rot-Grün-Rot, diesmal unter Führung der Linken, und eine Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen, die es in Berlin noch nie gab.

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