Selten in der Geschichte des Filmfestivals wurde die Berlinale vorab mit so vielen Erwartungen beladen wie in diesem Jahr. Internationale Krisen und Konflikte soll sie abbilden, idealerweise zu ihrer Entschärfung beitragen. Sie soll aktuelle Debatten im Programm und den eigenen Arbeitsprozessen widerspiegeln, keine Corona-Ansteckungen befördern und zwecks Kino-Rettung das Publikum wieder für die Leinwand begeistern.
Die Festivalleitung, bestehend aus der Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und dem künstlerischen Leiter Carlo Chatrian, stellte sich dem bei der Pressekonferenz am Montagmorgen im Haus der Berliner Festspiele wacker, reagierte mit viel Geduld und Wohlwollen auf die meist vorwurfsvoll konnotierten Fragen der internationalen Presse unmittelbar nach der Vorstellung der Wettbewerbsfilme: „Wie stehen Sie zur Bewegung im Iran, was tun Sie für Jafar Panahi?“ – „Wieso sind keine ukrainischen, keine arabischen und keine afrikanischen Filme im Wettbewerb?“ – „Wieso kommen immer dieselben Künstler zur Berlinale?“
Margarethe von Trotta nach 40 Jahren wieder im Wettbewerb
Zumindest der letzte Vorwurf kommt im falschen Jahr. Tatsächlich sind im Wettbewerb der 73. Berlinale nur wenige große Namen vertreten, große Berlinale-Namen mit eingeschlossen. Ein paar sind aber doch dabei, vor allem aus Deutschland. Christian Petzold zum Beispiel, er darf „Roter Himmel“ zeigen, den zweiten Teil einer geplanten Trilogie, folgend auf „Undine“, der 2020 ebenfalls im Wettbewerb lief. Das größte Raunen im Publikum allerdings verursachte die Verkündung, dass Margarethe von Trotta nach ganzen 40 Jahren wieder in Berlin um den Goldenen Bären konkurrieren wird. Nach „Heller Wahn“ mit Angela Winkler und Hanna Schygulla im Jahr 1983 zeigt sie nun „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ mit Vicky Krieps in der Rolle der Schriftstellerin.
Auch Emily Atef ist nach ihrer Romy-Schneider-Erzählung „3 Tage in Quiberon“ von 2018 zurück im Wettbewerb. „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ ist ihre Adaption des gleichnamigen Romans von Daniela Krien über die Liebesgeschichte zwischen einer Teenagerin und einem doppelt so alten Bauern in der thüringischen Provinz. Angela Schanelec, die 2019 mit ihrem deutsch-serbischen Drama „Ich war zu Hause, aber ...“ zum ersten Mal bei der Berlinale eingeladen war und damit den Preis für die beste Regie gewann, zeigt in diesem Jahr ihre Ödipus-Geschichte „Music“, in der ein griechischer Waisenjunge im Gefängnis eine besondere Beziehung zu seiner Wärterin aufbaut und langsam sein Augenlicht verliert.
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Zum ersten Mal mit einem Langfilm auf dem Festival vertreten ist Christoph Hochhäusler, der 2017 eine Petition zur Reformierung der Berlinale unterschrieb und seine Haltung zu dem etwas „ausgeleierten“ Festival öffentlichkeitswirksam vertrat. In seinem Krimi „Bis ans Ende der Nacht“ lässt sich ein verdeckter Ermittler von einer Transfrau ins Drogenmilieu einschleusen.
Der wohl bekannteste internationale Name im Wettbewerb ist Philippe Garrel – der französische Regisseur erzählt mit seinem Sohn Louis in der Hauptrolle in „Le grand chariot“ die Geschichte einer Familie von Puppenspielern aus drei Generationen. Insgesamt konkurrieren in diesem Jahr 18 Filme aus 19 Ländern um den Goldenen Bären. Sechs von ihnen wurden von einer Frau inszeniert, das ist einer weniger als im vergangenen Jahr.
Staatsnahe Medien aus Iran und Russland sind nicht willkommen
Dieter Kosslick beharrte als Direktor stets auf dem Ruf der Berlinale als politisches Festival. Diesen selbstauferlegten Anspruch zu erfüllen, suchte er mit einer großen Anzahl an Filmen mit explizit politischen Themen. Der künstlerische Leiter Carlo Chatrian legt dagegen einen größeren Wert auf die Ästhetik. „Für mich sind die politischsten Filme nicht die mit einem bestimmten Thema, sondern jene, die die Ansichten des Betrachters verändern wollen. Je subtiler sie wirken, desto besser“, sagte er kurz vor seiner ersten Berlinale 2020 im Interview mit dieser Zeitung. Diese Haltung wird seitdem jedes Jahr in der von ihm erfundenen Sektion „Encounters“ besonders anschaulich, aber auch im Wettbewerb ist sie zu spüren.
Der Wettbewerb
Bai Ta Zhi Guang (The Shadowless Tower/Der schattenlose Turm) von Zhang Lu
Bis ans Ende der Nacht (Till the End of the Night) von Christoph Hochhäusler
BlackBerry von Matt Johnson
Disco Boy von Giacomo Abbruzzese
Le grand chariot (The Plough) von Philippe Garrel
Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (Ingeborg Bachmann – Journey into the Desert) von Margarethe von Trotta
Irgendwann werden wir uns alles erzählen (Someday We’ll Tell Each Other Everything) von Emily Atef
Limbo von Ivan Sen
Mal Viver (Bad Living) von João Canijo
Manodrome von John Trengove
Music von Angela Schanelec
Past Lives von Celine Song
Roter Himmel (Afire) von Christian Petzold
Sur l’Adamant (On the Adamant) von Nicolas Philibert
The Survival of Kindness (Das Überleben der Freundlichkeit) von Rolf de Heer
Suzume von Makoto Shinkai Tótem von Lila Avilés
Tótem von Lila Avilés
„Wir hatten in diesem Jahr den Eindruck, dass die Realität zurück ist“, sagte Chatrian vor der Verkündung der Encounters- und Wettbewerbsbeiträge auf der Bühne. „Filme eignen sich gut, um diese Realität aufzunehmen. Aber Kino ist mehr. Wir brauchen Poesie.“
Ebenso wie in den vergangenen zwei Jahren nicht übermäßig viele aus der Not geborene Beiträge zur Corona-Pandemie vertreten waren, zeigt die Berlinale auf ihren prominentesten Plätzen in diesem Jahr nur wenig mit unmittelbarem Bezug zum Krieg in der Ukraine oder zu den Protesten in Iran. Wie es dazu gekommen wäre, dass ein roter Faden im Wettbewerb ausgerechnet das Genre Melodram sei, wollte eine Journalistin aus der Ukraine bei der Pressekonferenz wissen. Das sei keine bewusste Entscheidung gewesen, antwortete Chatrian, „wir entscheiden uns für Filme, weil sie etwas in uns auslösen. Die roten Fäden findet man erst nach der Auswahl.“ Ihren Film „Superpower“ über Wolodymyr Selenskyj stellen Sean Penn und Aaron Kaufman in der Sektion „Berlinale Special“ vor.
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Dass in Iran und der Ukraine die Produktion von hochklassigen Filmen momentan nahezu unmöglich ist, liegt auf der Hand – das Medium Spielfilm eignet sich trotz aller technischen Innovationen der vergangenen Jahre in der Regel nach wie vor nur bedingt zur unmittelbaren künstlerischen Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Ereignissen. Podien zum Austausch und Solidaritätsveranstaltungen werde es trotzdem geben, versprach das Leitungsduo, die fertigen Pläne dazu sollen am 7. Februar zusammen mit dem gesamten Festivalprogramm veröffentlicht werden. Der diesjährige Ansteck-Pin in Bärenform ist gelb und blau. Auch bei ihrer Akkreditierungspolitik will die Berlinale ein Zeichen setzen: Staatsnahe Medien und Teilnehmende aus Iran und Russland sind weder beim Festival noch auf dem European Film Market willkommen.
Zu Dieter Kosslicks Lieblingsfrage „Wer kommt?“ hielten sich Rissenbeek und Chatrian noch bedeckt. Abgesehen davon, dass Steven Spielberg seinen Ehrenbären persönlich entgegennehmen wird, ist in puncto Stars auf dem roten Teppich aus recyceltem Plastik bisher nicht viel bekannt. Das könnte sich am 1. Februar ändern, dann soll offiziell verkündet werden, wer die Schauspielerin Kristen Stewart bei der Jury-Arbeit unterstützen wird.
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