Stuck an den Decken, Fischgrätparkett: Das Hôtel de Maisons in der Rue de l'Université war einst die Pariser Residenz von Karl Lagerfeld. Am vergangenen Freitag dürfte dort ungewöhnlich viel Deutsch gesprochen worden sein.
Kilian Kerner, Danny Reinke und Marcel Ostertag zeigten hier im Rahmen der Paris Fashion Week ihre Kollektionen für den Sommer 2027. In Berlin traten die drei mehrere Saisons lang gemeinsam als „Collectivefour“ auf, etwa in der Uber Arena.
Jetzt also Paris. Am selben Nachmittag lief Ottolinger, und zwei Tage zuvor trugen die Models von Vaquera Brillen von Mykita. So viel Berlin gab es in Paris selten. Bleibt die Frage, ob das eine gute Nachricht für die hiesige Modeszene ist.
Kilian Kerner: Weiß ist das neue Schwarz
Den Anfang machte um 13.30 Uhr Kilian Kerner, bekannt als Gastjuror bei „Germany's Next Topmodel“. Für ihn war es schon die zweite Paris-Show, im März hatte er in der Opéra Garnier debütiert. „Eine Sekunde bis zum Mond“ erzählt von dem Moment, in dem sich für Kerner alles drehte: Nach Monaten voller Angst und Liebeskummer wurde sein Leben über Nacht wieder leicht.
Das sieht man: Schwarz, sonst seine feste Größe, fehlte komplett. Stattdessen gab es Weiß und Creme, opulent wie eh und je. Den ersten Look kennt Paris bereits. Im schwarzen Original wirbt Céline Dion damit auf Plakaten für ihr Bühnen-Comeback. Mit Berlin ist für Kerner ohnehin bald Schluss: In wenigen Wochen zieht er nach Los Angeles. Im Abschiedsinterview mit dieser Zeitung blickte er im Sommer auf die Stadt zurück, die aus dem Schauspielstudenten einen Modedesigner gemacht hat: „Danke Berlin, kann ich da nur sagen.“
Danny Reinke: Liebeserklärung an die FKK-Kultur der DDR
Danny Reinke, Fischersohn vom Stettiner Haff, erzählt zu seinem Paris-Debüt eine Familiengeschichte. 1985 lernten sich seine Eltern an der Ostsee kennen, wo man es mit dem Stoff damals bekanntlich nicht so genau nahm. „Summer '85“ feiert das Lebensgefühl an den Nacktbadestränden des Ostens. Reinke nennt das „angezogene Nacktheit“: hauchzarte, transparente Stoffe, Wicklungen wie lässig umgeschlungene Strandtücher, Haut- und Pastelltöne, Perlen und Pailletten wie Sand in der Sonne.
Transparente Stoffe, Perlen und Pailletten wie Sand in der Sonne: Danny Reinke widmet seine Kollektion „Summer '85“ der FKK-Kultur der DDR.
© Danny Reinke
Den Flamingo auf dem rechten Design trifft man eher nicht an der Ostsee an - es sei denn, er ist aus Gummi.
© Danny Reinke
„Sobald die Hüllen fallen, sind alle Menschen gleich“, sagt er. Jedes Teil entstand von Hand im Berliner Atelier. Dazu lief eine erfundene Radiosendung aus Archivmaterial von 1985, mit Möwen, Wellenrauschen und Achtziger-Hits. Auf der Einladung war ein Trabi mit dem Kennzeichen CSD-060 zu sehen.
Marcel Ostertag: Servus, Berlin
Der Dritte im Palais hat den Abschied schon hinter sich. Marcel Ostertag, gebürtig aus Berchtesgaden, hat Atelier und Wohnsitz von Berlin auf einen Bauernhof im Altmühltal verlegt. Nach vielen Jahren auf der Berlin Fashion Week will er neue Kollektionen nur noch in Paris zeigen. Hintergrund sind sein Austritt aus dem Fashion Council Germany und die Neuausrichtung der Berliner Modewoche.
Zum 20. Geburtstag seines Labels zeigte der frühere Balletttänzer „Dancing Flowers“: Blütenstickereien im Geist der Siebziger auf Tweed, Schnallen mit Strass, dazu Mint, Orange und Pink. Mehr als die Hälfte der Stoffe sind Restbestände. Für die Pariser Kundschaft gibt es auch Couture, etwa eine handbestickte Jacke für rund 8000 Euro.
Designer Danny Reinke: Vom Fischereihafen auf die Fashion Week
Zara-Kooperation mit John Galliano: Ist das Couture oder kann das weg?
Ottolinger: Erst eincremen, dann eskalieren
Um 16.30 Uhr ging es ein paar Kilometer weiter südlich deutlich rauer zu. Ottolinger zeigte im Rohbau einer ehemaligen Zara-Filiale. Hinter dem Neuköllner Label stecken die Schweizerinnen Christa Bösch und Cosima Gadient. Die Kollektion „Moisturizer“ entstand gedanklich im Badezimmer, in den Minuten vor dem Spiegel, bevor man entscheidet, wer man heute sein will.
Hemden sind aufgeschlitzt und nur noch von Mesh bedeckt, Jeans verlieren ihren Bund. Rapper Offset blieb mitten auf dem Laufsteg für einen tiefen Zug stehen und hinterließ eine dicke Rauchwolke. Das Finale lief Heidi Klum, Kerners Jury-Chefin, in einem zerlegten schwarzen Anzug, der die Hüfte freilegte.
Mykita x Vaquera: Brillen zum Dahinschmelzen
Schon am Mittwoch hatte Berlin in Paris den Durchblick. Bei der Show des New Yorker Labels Vaquera im Auktionshaus Tajan, einer früheren Bank aus den Dreißigerjahren, trugen die Models Brillen von Mykita. Die Berliner Manufaktur hat zwei amerikanische Klassiker verbogen.
Deutscher Chic trifft auf New Yorker Avantgarde: Die Collab von Vaquera und Mykita vereint avantgardistisches Design mit präziser Brillenhandwerkskunst.
© Vaquera
Die Pilotenbrille ist so in die Breite gezogen, dass sie fast geschmolzen wirkt. Die Cat-Eye-Brille bekommt eine kräftige Braue über scheinbar schwebenden Gläsern. Für den Laufsteg entstand außerdem ein weißes Einzelstück mit schmalem Sehschlitz, halb Brille, halb Maske. Ab Frühjahr 2027 sind die Modelle im Handel.
Berlin Fashion Week: Gewinn oder Verlust?
Wohl beides. Für die Designer ist Paris die logische Bühne, denn dort sitzen Einkäufer und internationale Presse. Danny Reinke hat das Prinzip schon 2023 in dieser Zeitung auf den Punkt gebracht: „Der Fisch muss dem Angler schmecken.“ Für die Berliner Modewoche ist es dagegen ein Warnsignal, wenn ausgerechnet die Namen nach Paris ziehen, die einst die großen Hallen füllten. Kerner und Ostertag verlassen die Stadt sogar ganz.
Dass es auch anders geht, zeigt Ottolinger: Im vergangenen Jahr eröffnete Kim Petras noch die Resort-Show des Labels in Berlin. Vielleicht ist das die Zukunft: In Paris wird verkauft, in Berlin ausprobiert. Gefertigt wird ohnehin weiter in Berlin, Reinkes Kleider genauso wie Mykitas Brillen.
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